Sisyphos im Nachteil

Sehen wir dem Ende oder einer Renaissance der Homöopathie entgegen?

Verschiedene Ereignisse haben in letzter Zeit erneut die Ansicht der Schulmedizin bestätigt, dass es sich bei der Homöopathie bestenfalls um gut gemeinten Firlefanz handelt, bei dem sich alle Beteiligten selbst beschwindeln. Warum wird das der Popularität der Homöopathie trotzdem keinen Abbruch tun?

Erst war es die angesehene medizinische Fachzeitschrift "The Lancet", die im August die Ergebnisse einer sogenannten Metaanalyse zur Wirksamkeit homöopathischer Arzneien veröffentlichte:

110 Studien zur Wirksamkeit homöopathischer Medikamente hatten die Lancet-Autoren mit 110 rein schulmedizinischen Arbeiten verglichen. Je besser die ersteren methodisch abgesichert waren, je größer ihre statistische Datenbasis war, desto weniger ließen sich die homöopathischen Medikamente von bloßen Placebos unterscheiden - im Unterschied zu den Präparaten der Schulmedizin. Ende September veröffentlichte die Stiftung Warentest die Neuauflage ihres Klassikers "Die andere Medizin" (1992) und von den 52 untersuchten Schulen der Alternativmedizin schnitt wiederum die Homöopathie besonders schlecht ab. Tenor auch hier: kein feststellbarer Unterschied zu Placebos.

Anfang November mussten nun mehrere Leipziger Pharmakologen eine Studie aus dem Jahr 2003 zurückziehen, die angeblich die Wirksamkeit von homöopathisch verdünnten Belladonna-Lösungen bewiesen hatte. Den Preis einer Stiftung zur Förderung der homöopathschen Medizin gaben sie zurück - man könnte auch sagen, sie zogen die Notbremse, bevor sie der endgültigen Verachtung ihrer Zunft verfielen.

Angesichts solcher und ähnlicher Vorfälle sprechen triumphierende Schulmediziner schon vom Ende der Homöopathie. Das ist dann allerdings so naiv, dass man auch über die Schulmediziner nur noch den Kopf schütteln kann. Denn sie tun ja gerade so, als seien die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Nutzlosigkeit der Homöopathie brandneu, als sei die Homöopathie nicht bereits en gros und en détail bis zur Ermüdung widerlegt worden. Die Schulmediziner, die jetzt vom Ende der Homöopathie träumen, weigern sich anzuerkennen, dass die wissenschaftliche Widerlegung der Homöopathie nichts anhaben kann. Sie ist ein Zweig der mythischen Medizin, der wie viele andere ihrer Art ganz im Gegenteil aus jeder neuen Widerlegung Kraft gewinnt bei einem Publikum, das den Mythos viel lieber hat als die Wissenschaft.

Je öfter man diesem Publikum zeigt, dass homöopathische Medikamente genauso gut aus Hühnermist hergestellt werden könnten, dass Lösungsmittel kein Gedächtnis haben, dass die Wirkung homöopathischer Mittel auf der Erlaubnis einer Vertrauensperson (des Arztes) beruht, so gesund zu sein, wie es gerade eben geht - desto fester möchte das Publikum an seine Elixiere glauben. Das offene Bein der Oma Paula, die Zahnschmerzen des kleinen Kevin und das Ohrensausen von Onkel Otto sind nun einmal nach der regelmäßigen Einnahme kleiner Zuckerkügelchen besser geworden, und all die Doppelblindstudien, die bezweifeln, dass das wegen den kleinen Zuckerkügelchen geschehen ist, haben dagegen keine Macht.

Warum ist das so? Da ist einmal die unausrottbare Bereitschaft zum "Credo quia absurdum"- gerade dass etwas vollkommen sinnlos ist, macht seine Attraktivität und Glaubwürdigkeit aus, wenn es nur von einer Autorität verbürgt wird. Die Ökonomie dieses Kuhhandels verlangt, dass im Austausch für das Wohlwollen der paramedizinischen Priesterschaft die eigene Denkfähigkeit geopfert wird - je größer das Opfer, je entschiedener die Unterwerfung unter den Unsinn, desto größer der Verdienst im Auge der wahren Wissenden. Das erklärt, warum Anhänger der Homöopathie oft einen erschreckenden Glaubensfuror an den Tag legen, wenn sie mit den Widersprüchen ihrer medizinischen Lehre konfrontiert werden. Wer anzweifelt, dass ihre Medikamente überhaupt noch irgendeinen wirksamen Bestandteil enthalten, oder wer auf die Tücken ihres Lieblingsspruchs "Wer heilt, hat Recht" hinweist, kann sich auf etwas gefasst machen.

Alles, was für sie zählt, sind Anekdoten von wundersamen Heilungen, die nach Stand der Wissenschaft nicht das Geringste mit den verabreichten homöopathischen Arzneien zu tun haben, aber trotzdem als allgemeingültige Beweise für das mythische Glaubenssystem akzeptiert werden. Die Faktenlage ist klar, aber gegen den Anschein der Wirksamkeit, gegen vorgeformte, gelenkte Erfahrungen, die ein sich selbst übertölpelnder Intellekt aus der Wirklichkeit herausfiltert, nützt sie rein gar nichts. Ähnliche Prozesse bringen gestandene Hebammen dazu, an eine Geburtenhäufung bei Vollmond zu glauben, obwohl die Auswertung penibel geführter Geburtsstatistiken (zu denen sie selbst beigetragen haben!) nichts dergleichen bestätigt.

Wer erst einmal an die spezifische Bedeutsamkeit von Wahrsagersprüchen glaubt, den kann selbst die Aufschlüsselung des Barnum-Effekts nur schwer wieder davon abbringen.

Aber man macht es sich zu leicht, wenn man ausschließlich "die Leichtgläubigkeit der Leute" für die Popularität der Homöopathie verantwortlich macht. Der Zustand und das Gebaren der Schulmedizin tragen schon auch ihren Teil dazu bei. Die wissenschaftliche Transparenz, die sie gerne für sich reklamiert, ist ein Idealzustand, von dem sie in vielen Fällen weiter entfernt ist, als ihren Patienten lieb sein kann. Das fängt schon bei der Tatsache an, dass auch Schulmediziner längst nicht immer wissen, was sie tun, Medikamente mit zweifelhaftem Nutzen verschreiben, Behandlungsfehler mit autoritärem Gehabe kaschieren. Die Halbgötter in Weiß sind korrumpierbar, und die Palette der Korruption reicht von milden Gaben der Pharmaindustrie an den Hausarzt bis zu handfesten Zahlungen von Tabakkonzernen an Toxikologen, die gegen besseres Wissen die Gefahren des Rauchens herunterreden.

Solche und andere Skandale werden so regelmäßig aufgedeckt, dass sich Schulmediziner als letzte über das schwindende Vertrauen in ihre Kunst wundern müssten. Noch wichtiger ist der gesamtgesellschaftliche Kontext, in dem die Medizin zu agieren hat, und gegen den auch Ärzte nicht viel vermögen, die ihren Beruf ernst nehmen, ihre Patienten ehrlich beraten und sich nicht als bloße Pillenschleudern betätigen. Da das Dogma der Kosteneffizienz in unserem Gesundheitssystem mehr und mehr zu Lasten des Patienten ausgelegt wird; da die individuelle gesundheitliche Konstitution des Patienten aufgrund ständigen Zeitdrucks und Geldmangels immer mehr als ein Störfaktor in der industrialisierten Heilkunst begriffen wird, ist es nicht verwunderlich, dass sich Patienten nach Orten umsehen, an denen ihre Emotionen scheinbar oder tatsächlich ernst genommen werden.

Das bedeutet andersherum, dass die Homöopathie so lange wirkungslose Medikamente unter die Leute bringen kann, wie sie will - sie wird trotzdem ihre Kunden finden, solange sie Empathie zumindest simulieren kann. Und das gilt für noch viel gefährlichere Quacksalbereien, wie zum Beispiel die "Germanische Neue Medizin" (vgl. Neue Germanen, alte Germanen)genauso. Unter diesen Umständen täuscht sich, wer in den neuesten wissenschaftlichen Niederlagen der Homöopathie ihr Ende heraufdämmern sieht. Im Gegenteil. Wenn homöopathisch orientierte Ärzte heute eine Renaissance der Homöopathie vorhersagen, dann tun sie das zwar aus den falschen Gründen, könnten aber im Effekt durchaus Recht behalten. Leider. (Marcus Hammerschmitt)

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