Skripal: Britische Regierung ist nervös und veröffentlicht weitere "Beweise"

Nun wurde ein Brief des britischen Sicherheitsberaters an den Nato-Generalsekretär veröffentlicht, Russland kündigt Veröffentlichung von Informationen aus dem OPCW-Bericht an

Nachdem gestern die OPCW die Zusammenfassung des Berichts über das Mittel, das zu einem mutmaßlichen Anschlag auf die beiden Skripals verwendet wurde, veröffentlicht hatte, meldeten deutsche und ausländische Medien, es sei nun bewiesen, dass das Gift aus Russland stamme und es sich um Nowitschok handele. Der Bericht bestätigte allerdings nur, dass die von den OPCW-Labors untersuchten Blut- und Bodenproben mit denen des britischen Militärlabors von Porton Down übereinstimmten. Es wird weder Russland erwähnt, noch von Nowitschok gesprochen, es ist auch nur die Rede von einem "angeblichen Nervengift". Ansonsten wird nur von einer "toxischen Chemikalie" in hoher Reinheit gesprochen.

Verbreitet wurde die Falschmeldung vermutlich durch erste Berichte von Nachrichtenagenturen, die von den Medien übernommen wurden. Da das britische Labor allerdings erklärte hatte, es handele sich um Nervengift aus der Gruppe Nowitschok (Herkunft des Nowitschok-Nervengifts unbekannt ), lag freilich auch nahe, dass die OPCW auch dies bestätigte. Aber sie hat es explizit nicht gemacht und nur darauf verwiesen, dass Name und chemische Struktur in dem Geheimbericht genannt würden, der von den Regierungen der OPCW-Mitgliedsstaaten eingesehen werden könne, was dann auch Russland einschließt. Überdies sagte der Leiter des britischen Labors, man könne nicht sagen, woher das Gift stammt.

Während in Deutschland viele Medien zumindest die falschen Angaben im Titel änderten (siehe den Bericht auf den Nachdenkseiten), scheinen solche Feinheiten in der anglo-amerikanischen Presse keine Rolle zu spielen.

Als Beispiel schreibt die britische Times: "The international chemical weapons watchdog has confirmed Britain’s findings that the Skripals were poisoned with a military-grade novichok nerve agent." Das ist eine Tatsachenbehauptung, um zwei Absätze später anzufügen: "Testing by four independent laboratories utilised by the watchdog confirmed Britain’s findings regarding the nature of the substance, though the report did not explicitly name novichok. It did not assign blame or give suggestions of the toxin's origin." Nämliches findet man beim Guardian: "Novichok used in spy poisoning, chemical weapons watchdog confirms". Oder aber bei CNN: "Pure' Novichok used in Skripal attack, watchdog confirms".

Heute wurden neue Informationen bekannt gegeben. Der britische nationale Sicherheitsberater Mark Sedwill schrieb heute einen Brief an Nato-Generalssekretär Jens Stoltenberg, in dem er diesem - und der Öffentlichkeit - weitere Einzelheiten berichtet, warum die britische Regierung der Überzeugung ist, dass nur Russland die technischen Mittel, die operationelle Erfahrung und das Motiv haben kann.

Das britische Labor DSTL habe nachgewiesen, dass die Skripals durch ein "spezifisches Nowitschok-Nervengift" vergiftet wurden. Die Identität der Proben habe die OPCW bestätigt. Die größte Konzentration des Gifts sei am Türgriff gefunden worden.

Sedwill verweist im Hinblick auf die technischen Mittel darauf, dass Nowitschok in den 1980er Jahren in einem Labor in Shikhany bei Wolgograd im Rahmen des Chemiewaffenprogramms Foliant entwickelt wurde: "Russland hat Nowitschok entwickelt", so heißt es im Brief, "und kann dies weiterhin. Während des letzten Jahrzehnts hat Russland kleine Mengen Nowitschok produziert und gelagert." Russland habe im Rahmen des Chemiewaffenabkommens (CBC) Nowitschok nicht angegeben und nach dem Beitritt dieses weiter entwickelt. Putin soll Mitte der 2000er Jahre mit dem Chemiewaffenprogramm eng verbunden gewesen sein. Es sei, so wird behauptet, höchst unwahrscheinlich, dass eine andere Sowjetrepublik Nowitschok nach der Unabhängigkeit produziert habe, ebenso unwahrscheinlich sei es, dass Kriminelle oder Terroristen dies könnten.

Was die operationelle Erfahrung betrifft, habe Russland staatliche Mordanschläge durchgeführt. Verwiesen wird vor allem auf Litvinenko, der durch einen Anschlag mit Polonium 210 getötet wurde: mit "großer Wahrscheinlichkeit" durch den Geheimdienst FSB und "wahrscheinlich" beauftragt von Putin (gerade hatte die russische Botschaft in London eine diesbezügliche Erklärung der russischen Generalanwaltschaft veröffentlicht).

In den 2000er Jahren sei in Russland ein Programm gestartet worden, um die Anwendung von Chemiewaffen zu testen und Agenten darin auszubilden. Dabei sei es auch um Nervengift gegangen, "inklusive die Anbringung an Türklinken". Und zum Motiv heißt es, dass Skripal ein Geheimdienstmitarbeiter war und dass russische Geheimdienste einige ihrer Überläufer als legitime Mordziele betrachten. Man habe Hinweise, dass die russischen Geheimdienste Interesse an den Skripals hatten, spätestens seit 2013 hätten Cyberspezialisten des Geheimdienstes GRU den Email-Account von Julia Skripal überwacht (die Rede ist von "targeted").

Neu daran sind neben vielen Spekulationen und Vermutungen, dass Putin selbst direkt mit dem Chemiewaffenprogramm zu tun gehabt haben soll, im Rahmen dessen Nowitschok hergestellt und gelagert worden sei und man Anschläge mit Nervengift durch Anbringung an Türklinken getestet haben soll. Überdies wäre neu, dass nicht der Vater, sondern Julias Email-Kommuinikation möglicherweise belauscht worden sein soll. Letztlich sind es weiter nur dünne Plausibilitäten.

Der russische Außenminister Sergei Lawrow kündigte heute auf einer Pressekonferenz an, Teile des geheimen OPCW-Berichts, der allen Regierungen der Mitgliedsländer übergeben wird, zu veröffentlichen. Man analysiere ihn und werde "interessante Einzelheiten" publik machen. Davon gebe es viele:

"Wir versuchen, diese in der nächsten Zeit öffentlich zu machen, sobald unsere Experten sowie die aus Profilbehörden mit diesem ziemlich umfangreichen Dokument fertig sind."

Die Frage ist auch, ob das Gift an der inneren oder äußeren Türklinke angebracht wurde - und warum dann beide Skripals nacheinander die Klinke angefasst haben bzw. ob es für eine Vergiftung reicht, wenn einer dem anderen irgendwann die Hand gegeben hat. Wil Mirsajanow, der sich selbst als Miterfinder des Nervengifts "А234 Nowitschok" bezeichnet, in die USA ausgewandert ist und erstmals 1992 von Nowitschok gesprochen hat, schrieb auch in seinem Buch "State Secrets: An Insider's Chronicle of the Russian Chemical Weapons Program" (2008) darüber und hat darin Formeln von Nowitschok veröffentlicht. Von ihm stammen die meisten Informationen über Nowitschok. 2013 heißt es in einem Bericht des Wissenschaftlichen Beirats (SAB) der OPCW über Nowitschok, über dessen Existenz und Eigenschaften man nichts sagen könne:

Regarding new toxic chemicals not listed in the Annex on Chemicals but which may nevertheless pose a risk to the Convention, the SAB makes reference to "Novichoks". The name "Novichok" is used in a publication of a former Soviet scientist who reported investigating a new class of nerve agents suitable for use as binary chemical weapons. The SAB states that it has insufficient information to comment on the existence or properties of "Novichoks".

Interessant ist, dass Mirsajanow zwar am 14. März sagte, wie AFP berichtete, dass nur die Russen Nowitschak entwickelt hätten, aber dass es noch eine andere Möglichkeit gebe, nämlich dass jemand die Formeln in seinem Buch benutzt hat, um eine solche Waffe zu produzieren.

Dem russischen Rundfunksender "Kommersant FM" sagte er jetzt, wie Sputnik berichtet, dass eigentlich nur ein Idiot Nowitschok unter den Gegebenheiten in Salisbury am Tag des Anschlags einsetzen würde. Das Nervengift könne nur stabil sein, wenn es keine Luftfeuchtigkeit gibt. Am 4. März sei es aber in Salisbury neblig gewesen: "Bei solcher Feuchtigkeit hat nur ein Idiot diesen Stoff einsetzen können", sagte er. (Florian Rötzer)

Anzeige