Skripal-Fall: Großbritannien will angeblich die Auslieferung von zwei russischen Verdächtigen beantragen

Noch ist unklar, ob die Meldung mehr als ein weiteres Gerücht ist und welche Beweise die Staatsanwaltschaft hat

Nach monatelangen Untersuchungen im Fall Skripal soll nach Medienberichten die britische Staatsanwaltschaft, der Crown Prosecution Service, in der nächsten Zeit einen Auslieferungsantrag für zwei Verdächtige an Russland stellen. Sie sollen dafür verantwortlich sein, den Anschlag in Salisbury ausgeführt zu haben. Wie britische Medien aufgrund von anonym bleibenden Informanten berichten, habe die Polizei die Bewegungen der beiden Russen von der Einreise bis zur Abreise rekonstruieren können.

Damit will die britische Regierung versuchen, den Fall aus dem bislang Nebulösen von unbewiesenen Verdächtigungen zu lösen, auch wenn allen klar sein dürfte, dass Russland die beschuldigten Männer nicht ausliefern wird. Moskau hat bislang jede Verantwortung für den Anschlag mit Nervengift zurückgewiesen und dagegen die britische Regierung beschuldigt, nicht nur falsche Beschuldigungen erhoben zu haben, sondern auch systematisch die Beweise für Anschlag zu vernichten und die Skripals festzuhalten.

Überdies beschuldigt Moskau, in Russland Angeklagte nicht auszuliefern, und hat sich auch geweigert, die für den Polonium-Anschlag auf den russischen Ex-Geheimdienstagenten Aleander Litvinenko Beschuldigten nach Großbritannien zu überführen. Andrei Lugovoi, einer der Verdächtigen, ist mittlerweile Abgeordneter der Duma.

Angeblich sei in der britischen Regierung heftig darüber gestritten worden, ob ein Auslieferungsantrag eine überflüssige politische Geste ist oder ob man den Konflikt mit Russland weiter hochfahren will. Auch wenn die Staatsanwaltschaft den Fall ausgelöst haben will, scheinen Einzelheiten doch weiterhin Angelegenheit von Vermutungen zu sein. Angeblich soll die Türklinke des Skripal-Hauses aus einer Parfümflasche mit Nowitschok eingesprüht worden sein.

Nach dem Guardian sollen die Täter die Flasche dann irgendwo weggeworfen haben, wo sie dann Monate später von Rowley gefunden wurde, der sie seiner Freundin Sturgess schenkte, die an dem Geschenk starb. Davor war aber die Rede, es habe sich um zwei Flaschen gehandelt, die von Rowley gefundene sei noch versiegelt gewesen, weswegen es eine weitere gegeben haben müsse. Noch ist auch nicht klar, ob das Nowitschok von der Türklinke dasselbe ist, wie das in der Flasche.

Die OPCW, die bereits Proben vom Skripal-Anschlag untersuchte und den Befund des britischen Militärlabors bestätigte, dass es sich um Nowitschok handelte, aber nicht, dass es aus Russland kam, hat wieder ein Team geschickt, um Proben des Vorfalls mit Sturgess und Rowley zu nehmen und zu analysieren. Es gibt aber noch kein Ergebnis. . Mark Sedwill, der nationale Sicherheitsberater der Regierung, soll am stärksten dafür plädiert haben, den Druck auf Russland zu erhöhen. Er hatte im Mai noch einem Parlamentsausschuss gesagt, dass die Verantwortlichen noch nicht identifiziert worden seien, nachdem Medien berichtet hatten, dass zwei Russen verdächtigt werden.

Am Wochenende erst hatte Sputniknews.com gemeldet, dass viele Staaten "außerhalb des westlichen Blocks" nicht an die britische Version glauben würden. Das kann man glauben oder nicht, könnte aber angesichts der bislang dürftigen Beweislage zutreffen. Sollten nun überzeugende Beweise für die Verantwortlichkeit von zwei Russen vorgelegt werden, könnte sich dies ändern, aus den Medienberichten geht jedoch nicht hervor, aufgrund welcher Hinweise die zwei Russen die Täter sein sollen. Namen wurden auch noch nicht genannt, auch nicht, wie die beiden in Beziehung zu russischen Geheimdiensten und/oder Moskau stehen.

Russland: "Nicht-verifizierte Medien-Fakes"

Die russische Botschaft in London erklärte, sie habe noch keine Anfragen erhalten, und sie sagte, sie würde britischen Medienberichten nicht mehr glauben. Die Begründung ist nicht von der Hand zu weisen: "Wir müssen wieder einmal sagen, dass es fast hundert solcher Leaks von anonymen Quellen seit dem Salisbury-Vorfall gegeben hat. Deswegen lohnt es sich nicht, solchen Berichten zu glauben. Wir haben kein Vertrauen in nicht-verifizierte Medien-Fakes."

Das ist allerdings etwas gut gemeint, entweder handelt es sich um Fakes oder um Nachrichten, die (noch) nicht verifiziert sind. Die Botschaft teilte weiter mit, dass man die Nachricht so lange als Fake begreife, "um die Informationspause zu füllen und zu vernebeln, dass London nicht seine internationalen Verpflichtungen" geleistet habe, bis man offizielle Mitteilungen erhalten habe.

Überdies wird zum Litvinenko-Fall gesagt, dass der Guardian vergesse habe, darauf hinzuweisen, dass nach der Verfassung russische Bürger nicht an Drittstaaten ausgeliefert werden können und dass auch Großbritannien ablehnt, Russen "nach bilateralen und multilateralen Mechanismen der Rechtsunterstützung" auszuliefern.

Die britischen Behörden müssten endlich die entscheidende Frage beantworten, was wirklich in Salisbury geschehen sei. In Russland sei ein strafrechtliches Verfahren über den Anschlagsversuch gegen Julia Skripal eröffnet worden. Die Strafverfolgungsbehörden hätten zwei Anfragen um Rechtshilfe gestellt und die Bereitschaft zur Kooperation wiederholt, London habe alle Kontakte ausgeschlagen. (Florian Rötzer)

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