Skripal: Nächste Stufe im Verwirrspiel

Ein Schweizer Labor soll bei den Skripal-Proben das Nervengift BZ entdeckt haben, Lawrow moniert, dass dies nicht im OPCW-Bericht aufgenommen wurde. Gibt es dafür eine einfache Erklärung?

Am Samstag wurden "neue Enthüllungen" im Skripal-Fall vom russischen Außenministerium angekündigt. Schon zuvor hatte Außenminister Lawrow gesagt, im geheimen OPCW-Bericht, der nur den Mitgliedsstaaten, nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, gebe es viele interessante Einzelheiten. Zuvor war er aber von der Sprecherin des Außenministeriums, Maria Zakharova, mit Vorbehalten aufgenommen worden, obgleich hier weder von Russland die Rede war noch von Nowitschok. Vermutlich war der russischen Regierung noch nicht der Geheimbericht zugegangen, in dem die "toxische Chemikalie" näher benannt wird, wie die OPCW sagte.

Bestätigt wurde lediglich in der öffentlichen Version, dass die OPCW-Experten in vier OPCW-akkreditierten Laboren bestätigten, dass die "toxische Chemikalie", die sie in den Blutproben und denen aus den Tatszenen, identisch mit derjenigen war, die das britische Militärlabor in Porton Down identifizierte hatte. Das bezeichnete die Chemikalie als Nervengift aus der Nowitschok-Gruppe, was die OPCW nicht übernahm.

Am Donnerstag sagte Zakharova noch, Russland akzeptiere keine Schlussfolgerungen aus dem Skripal-Fall, solange russische Experten "kein Zugang zu den betroffenen Personen und zu den OPCW-Ergebnissen und allen realen Informationen über den Vorfall, die in London vorhanden sind". Das sei keine Frage des Vertrauens, sondern man müsse mit konkretem Material arbeiten. Begründet wird dies damit, dass die russische Regierung denjenigen unmöglich mehr Glauben schenken könne, die sich auf bruchstückhafte Ergebnisse berufen und Erklärungen im Namen von anderen geben (wie diese die Polizei mit der angeblichen Erklärung von Julia Skripal gemacht hatte).

Während die westlichen Regierungen die russischen Einwände als Täuschungs- und Verwirrspiel oder als Propaganda zu diskreditieren suchen, aber die eigenen Behauptungen kaum und oft nur als "alternativlose Fakten" präsentieren, was zu den Fake News und alternativen Fakten noch eine Kategorie hinzufügt, wird von Russland dem Westen und seinen Medien dieselbe Strategie vorgeworfen. Beide Seiten sprechen mitunter von einem "Informationskrieg", der mit den Raketenangriffen auf syrische Ziele bereits zu einem Militärschlag mutierte. Auch hier erklären die Angreifer und ihre Unterstützer wie die deutsche Regierung nur, dass die syrische Regierung für den mutmaßlichen Chemiewaffengriff verantwortlich sein muss, ohne der Öffentlichkeit Belege vorzulegen oder auch nur die OPCW-Untersuchung vor Ort abzuwarten. "Wir alle versinken im Desinformationsstrom, der auf die eine oder andere Weise vom offiziellen London unterstützt wird", beklagte sich Zakharova.

Am Freitag verkündete Außenminister Lawrow dann, dass der OPCW-Geheimbericht interessante Einzelheiten enthalte und man Auszüge veröffentlichen werde (Skripal: Britische Regierung ist nervös und veröffentlicht weitere "Beweise"). Und das machte die russische Regierung dann auch am Samstagabend, allerdings sind die Beweise wieder so, dass nicht die Dokumente selbst vorgelegt wurden, sondern nur angebliche Befunde aus dem Bericht. So sagte Lawrow, dass auch in dem vertraulichen Bericht die Identität der Proben der OPCW mit denen des Labors festgestellt wurde. Es werde aber nur die chemische Komposition genannt, aber kein Name, also auch nicht Nowitschok. Nach der Formel sei der Wirkstoff nach russischen Experten in vielen Ländern entwickelt worden und stelle "kein besonderes Geheimnis" dar.

Dann fügte er noch eine Bombe hinzu und spielte gleichzeitig mit der Klaviatur der Informationsverbreitung, die auch die britische Regierung betrieben hat. Auch Russland könne vertrauliche Informationen erhalten. Und weil es hier um Leben und Tod gehe, könne man sie nicht zurückhalten, aber sie eben auch nicht belegen, weil man sie unter der Bedingung der Vertraulichkeit erhalten habe. So habe als eines der von der OPCW beauftragten Labore, das Schweizer Labor Spiez (Schweizerisches Institut für ABC-Schutz), Proben erhalten, sie analysiert und am 27. März die Ergebnisse der OPCW mitgeteilt. Und er fuhr fort:

Ich zitiere jetzt wörtlich aus dem Gutachten, das dieses Labor an die OPCW geschickt hat: "Im Zuge der Untersuchung sind in den Proben Spuren der toxischen Chemikalie BZ und deren Präkursore nachgewiesen worden, die zu den chemischen Waffen zweiter Kategorie gemäß der Chemiewaffenkonvention gehören."

BZ sei ein Nervengift, das zum Arsenal der Streitkräfte der USA, Großbritanniens und weiterer Nato-Staaten gehört: "In der Sowjetunion und Russland wurden solche und ähnliche chemische Substanzen nie entwickelt." Man habe aber auch Spuren des Nervengifts А234, das Nowitschok genannt wird, gefunden: "Nach der Einschätzung der Spezialisten hätte die nachgewiesene hohe А234-Konzentration unvermeidlich den Tod verursacht", so Lawrow, der dann letztlich unterstellt, dass das A234 vielleicht untergeschoben wurde. In der hohen Konzentration hätte es tödlich sein müssen, aber überdies sei es sehr flüchtig, weswegen es erstaunlich sei, dass es "in primärem Zustand und dazu noch in einer derart hohen Konzentration" entdeckt worden sein soll, "weil zwischen der Vergiftung und der Probenentnahme ein gutes Stück Zeit gelegen hat". Nach den klinischen Symptomen seien die Skripals eher dem BZ ausgesetzt gewesen.

Zwar kennen wir auch von amerikanischen und britischen Außenministern, dass sie cool Lügen erzählen, aber immerhin scheint man den Fall in Moskau so wichtig zu nehmen, dass man Lawrow vorschickte. Er wies nicht nur auf das angeblich von den Schweizern gefundene BZ hin, sondern monierte auch, dass der Befund nicht in den vertraulichen OPCW-Bericht aufgenommen wurde. Lawrow stellte die Frage an die OPCW, warum dies so geschah, aber offenbar nur indirekt, nicht als formelle Anfrage.

Das Schweizer Labor erklärte, auf die Behauptung könne nur die OPCW antworten: "Aber wir können wiederholen, was wir vor 10 Tagen festgestellt haben: "Wir haben keinen Zweifel, dass Porton Down Nowitschok identifiziert hat. PD wie Spiez ist ein akkreditiertes Labor der OCWP. Die Standards der Verifikation sind so streng, dass man den Ergebnissen vertrauen kann." Damit hat das Labor sich allerdings um eine klare Aussage herumgewunden und selbst zum Nebel mit beigetragen. Nicht gesagt wurde das Entscheidende, ob Spiez die Proben selbst analysiert und dabei nur Nowitschok gefunden hat. Letztlich ruft man dazu auf, Porton Down zu vertrauen. Die NZZ berichtet, dass Spiez nicht direkt antworten könne:

Das Labor Spiez nimmt zu dieser Frage keine Stellung. Das ist verständlich, denn der Fall ist völlig politisiert, und die Fachleute im Berner Oberland wollen nicht als Instrumente in einem west-östlichen Informationskrieg betrachtet werden. Spiez darf aufgrund seiner Geheimhaltungsvereinbarung mit der OPCW nicht einmal Stellung dazu nehmen, ob es eines der beiden Referenzlabore war, die im Fall Skripal beigezogen wurden. NZZ

Nach der NZZ liege es nahe, dass Spiez in der Schweiz als einem neutralen Land und als eines der angesehensten Labore, tatsächlich für die OPCW Proben analysiert hat. Die Erklärung ist interessant, warum Lawrow nicht direkt gelogen, aber vielleicht Fakten verdreht hat. Es sei gut möglich, dass das Labor BZ gefunden hat und dass die OPCW nichts verbirgt, wenn sie dies nicht im Bericht erwähnt:

Zu den rigiden Kontrollmechanismen der OPCW zählt, dass die Referenzlabore jeweils mehrere Sätze von Proben erhalten. Typisch ist, dass die OPCW nicht nur die "echte" Probe verschickt, sondern auch negative und positive Kontrollproben. Diese sind zwar ähnlich beschaffen, enthalten im ersten Fall aber keinen chemischen Kampfstoff, im zweiten Fall einen anderen, der extra der Probe beigefügt wurde. Damit wird sichergestellt, dass das beauftragte Labor fehlerfrei arbeitet und nicht weiss, welches die "echte" Probe ist. Wenn Spiez der OPCW nicht nur den Befund Nowitschok meldete, sondern auch das Vorhandensein von BZ, so lässt sich dies am ehesten durch den Einsatz einer solchen Kontrollprobe erklären. Für die OPCW gab es daher gar keinen Grund, den BZ-Befund öffentlich zu vermelden - sie wusste ja, dass es sich dabei nur um eine Kontrollprobe gehandelt hatte.

NZZ

Das klingt plausibel, wenn es so stimmt. Man fragt sich allerdings, ob nicht in einem OPCW-Bericht dann aus Transparenzgründen erwähnt werden müsste, dass Kontrollproben verwendet wurden und um welche es sich gehandelt hat. Sonst wäre kaum gewährleistet, dass das Vertrauen in die Ergebnisse gesichert werden kann. Aber die NZZ scheint auch bereits festgelegt zu sein und schreibt: "Bestätigt sich die obige Erklärung, so wäre daraus der Schluss zu ziehen, dass Russland jegliche Hemmung verloren hat, Halb- und Unwahrheiten zu verbreiten und dabei selbst angesehene internationale Institutionen wie die OPCW zu untergraben." Aber sie vergisst symptomatisch, welcher Schluss dann zu ziehen wäre, wenn doch Zweifel bestehen bleiben.

Zudem ist bekannt, dass Nowitschok flüchtig und tödlich ist, weswegen es schon erklärungsbedürftig sein könnte, warum es in den Proben - unklar bleibt in welchen - nach mehr als zwei Wochen in hoher Konzentration und Reinheit gefunden wurde, und warum die Skripals sich relativ schnell von dem Anschlag erholen konnten. Für Außenstehende bleibt der Nebel undurchdringlich, den bislang alle Seiten verbreiten. (Florian Rötzer)

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