Skripal-Nervengift-Anschlag ist aus der medialen Aufmerksamkeit verschwunden

Aufklärung gibt es ebenso wenig wie beim angeblichen Giftgas-Angriff in Douma

Es war die große Aufregung, bis dann der angebliche Giftgasangriff in Douma geschah. Die britische Regierung verknüpfte schnell den Anschlag auf den Doppelagenten Skripal und seine Tochter mit dem angeblichen Giftgasangriff, um Russland an den Pranger zu stellen und die Gefahr vor dem Putin-Staat zu beschwören, dem mehr oder weniger alles zuzutrauen sei. Gemeinsam mit dem vorpreschenden Frankreich, das mit Präsident Macron um eine privilegierte Beziehung zu Washington buhle, wurden schließlich von den USA und Großbritannien, ohne Aufklärung der Chemiewaffeninspekteure abzuwarten und in deren Anwesenheit in Syrien, Ziele der syrischen Regierung bombardiert.

Doch seitdem hört man von der Aufklärung über beide Vorfälle kaum mehr etwas. Mit dem Bombardement scheint man auch die Medienaufmerksamkeit begraben zu haben, einzig Russland versucht weiterhin, die Anklagen zurückzuweisen und seine Deutung medial zu verbreiten. So wurden unlängst angebliche Zeugen zur russischen Botschaft bei der OPCW in Den Haag gebracht, um die russische These zu demonstrieren, dass der Giftgasangriff, von den Weißen Helmen dokumentiert, eine große Inszenierung gewesen sei. Die These ist, dass normale Bomben die Menschen getötet und der dabei entstehende Staub bei anderen zu Erstickungssymptomen geführt habe. Sechs der Zeugen, die von Russland nach Den Haag gebracht wurden, seien auch bereits von der OPCW befragt worden.

Im Westen wird Russland mit dieser Behauptung, die auf nicht weniger bezweifelbaren Aussagen wie die Filme der Weißen Helme beruht, als bizarr, obszön, jedenfalls als verhüllende und ablenkende Desinformation abgetan. Dabei haben die Inspektoren der OPCW bislang weiterhin keinen Bericht vorgelegt. Die OPCW war allerdings nicht von der Vorführung der Zeugen angetan, Russland hätte damit bis zum Abschluss warten sollen.

Allerdings haben die USA, Großbritannien und Frankreich auch nicht das Ergebnis der Untersuchungen abgewartet, sondern einfach unterstellt, dass es sich um einen Giftgasangriff gehandelt haben, der von der syrischen Armee ausgeführt wurde, hinter der wiederum Russland steht. Dass Russland schon länger vor der Inszenierung eines Giftgasanschlags seitens der islamistischen Rebellen gewarnt hatte, wird als Ausrede gesehen, während die Möglichkeit, dass die "Rebellen", die kurz vor der Aufgabe standen, einen solchen Angriff ausführen oder inszenieren könnten, gar nicht wirklich in Erwägung gezogen wurde. Die OPCW berichtete am 25. April zuletzt, dass bei einem zweiten Besuch von Douma Proben genommen wurden, die jetzt von den Labors untersucht würden.

Ja, und was ist mit dem Skripal-Fall in Salisbury. Hier kam die letzte Information der OPCW am 18. April. OPCW-Generalsekretär Ahmet Üzümcü erklärte, die OPCW werde nicht öffentlich Stellung nehmen gegen Vorwürfe von Staaten. Russland hatte kritisiert, dass nach einem Schweizer Labor in den Proben neben А234 (Nowitschok) auch das Nervengift BZ gefunden worden. Erklärt wird dies dadurch, dass die Labore neben der eigentlichen Probe auch andere erhalten, um die Vorurteilsfreiheit zu garantieren (Skripal: Nächste Stufe im Verwirrspiel).

Die OPCW sprach in dem Bericht nur von einer toxischen Chemikalie, die angeblich ein Nervengift sei und vom britischen Militärlabor richtig identifiziert wurde. Dessen Direktor wiederum hatte schon zuvor erklärt, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass der Giftstoff aus Russland kommt ( Herkunft des Nowitschok-Nervengifts unbekannt).

Auch jetzt, bald zwei Monate, nachdem Sergei Skripal und seine Tochter Julia auf einer Parkbank gefunden wurden, gibt es keine weiteren Informationen über die Verantwortlichen. Man weiß nur, dass sich Julia offenbar von dem als hochtoxisch und tödlich bezeichneten Anschlag mit angeblichem Nowitschok weitgehend erholt hat und ihr Vater auf dem Weg zur Besserung sein soll. Beide werden weiterhin von der britischen Regierung isoliert. Diese präsentierte eine schriftliche Erklärung im Namen von Julia, die keine Kontakte wünsche ( Was ist los mit Julia Skripal?).

Das kann sein oder auch nicht. Von der Polizei gibt es ansonsten offenbar keine weiteren Spuren. Der letzte Stand der Dinge ist, dass in Salisbury neun Stellen dekontaminiert werden, darunter die Bank, die Rettungswagen, die beiden Restaurants und das Haus von Skripal. Die Dekontaminiation könne Monate dauern. Vermutet wird, dass die beiden Skripals über die Türklinke in Kontakt mit dem Gift kamen, das in flüssiger Form zur Anwendung gekommen sein, aber nicht flüchtig sein soll.

Andere Veröffentlichungen bezeichnen jedoch Nowitschok als flüchtig. Auch Vil Mirsajanow, der Nowitschok mit entwickelt hat, seit langem in den USA lebt und die Formeln in einem Buch veröffentlicht hat, erklärte dem russischen Rundfunksender "Kommersant FM", dass eigentlich nur ein Idiot Nowitschok unter den Gegebenheiten in Salisbury am Tag des Anschlags einsetzen würde. Das Nervengift könne nur stabil sein, wenn es keine Luftfeuchtigkeit gibt. Am 4. März sei es aber in Salisbury neblig gewesen: "Bei solcher Feuchtigkeit hat nur ein Idiot diesen Stoff einsetzen können", sagte er.

Für Verwunderung sorgte derweil ein Unfall, durch den Vladimir Uglev, der einer der Entwickler von Nowitschok sein will, in Anapa am Schwarzen Meer auf einem Fußgängerüberweg durch einen Autofahrer angefahren und verletzt wurde. Er selbst bezeichnet dies als Unfall, ist aber weiterhin der Meinung, dass das Nervengift aus Russland kommt.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Zakharova, suggeriert, die Medien hätten "wie auf Befehl" plötzlich das Interesse an dem Skripal-Fall verloren hätten, dann spricht dies zwar eine auffällige Entwicklung an, ist aber dennoch ein Eigentor in den Bemühungen, dem westlichen Narrativ etwas entgegenzusetzen. Tatsächlich interessieren sich die britischen Medien und die anderer Ländern kaum mehr für den Vorfall.

Die Medien werden nicht mehr mit News gefüttert, sie haben offenbar die Version der britischen Regierung akzeptiert, dass der Anschlag wohl irgendwie vom Kreml ausgegangen, zumindest an diesem hängen geblieben ist. Allerdings kommen auch Kritiker nicht weiter. Es steht zu vermuten, dass die Aufklärung mit der Isolation der Skripals weiter verschleppt wird. Ist genug Zeit verstrichen, ist es sowieso egal, was vorgefallen ist. Haupteffekt war, die russische Gefahr zu beschwören und für transatlantische Einheit trotz Brexit, den EU-internen Konflikten und dem drohenden Handelskrieg mit den USA zu sorgen. (Florian Rötzer)

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