Skripals: Alles ist gut, auch wenn sie in Isolation bleiben

Julia Skripal. Foto von ihrem Facebook-Account

Der britische Telegraph scheint der Öffentlichkeit die Botschaft der Sicherheitsbehörden zu vermitteln, dass die Unterbringung der beiden freiwillig und nicht "exzessiv" teuer sei

Misstrauen erweckte, dass die britischen Behörden und die Regierung nach dem Anschlag auf Sergei und Julia Skripal diese von der Öffentlichkeit auch dann wegsperrte, als sie sich angeblich erholt hatten. Der russischen Botschaft wurde zur russischen Staatsbürgerin Julia ebenso wenig Zugang gewährt wie für deren Verwandte. Es gab nur ein Video, in dem sich Julia an die Öffentlichkeit wandte. Der Verdacht war allerdings, dass sie nur sagte, was sie sagen sollte. Auch keinem Journalisten wurde gestattet, mit den Beiden zu sprechen.

Die Isolation, von der man nicht weiß, ob sie von den Skripals erwünscht ist oder nicht, erweckt natürlich Skepsis, zumal der Fall hochpolitisch ist und den Konflikt zwischen der Nato und Russland weiter vertieft hat, was von britischer Seite auch bezweckt wurde. Gemunkelt wurde, dass die Skripals mit Gewalt festgehalten würden, spekuliert wurde auch, dass sie schon längst außer Landes mit anderen Identitäten gebracht wurden. Warum ihre Version des Anschlags und von dessen möglichen Hintergründen der Öffentlichkeit vorenthalten wird, bleibt unbeantwortet und lässt sich nicht allein durch angebliche Sicherheitsbedürfnisse rechtfertigen.

Der britische Telegraph hat angeblich neue Erkenntnisse und beschreibt die Situation zunächst nett. Nachdem die Skripals aus dem Krankenhaus entlassen wurden, wurden sie "mit der sorgfältigen Hilfe eines in London stationierten MI5-Teams für das geheime Umsiedlungsprogramm des Geheimdienstes nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern auch für Freunde und die Familie unsichtbar". Erstaunlich ist, wie geduldig und bereitwillig die britische Medien, aber auch die in anderen Nato-Ländern, den Wegschluss hinnahmen und hinnehmen. Würde dies in Russland geschehen, wäre der Aufschrei groß, dass damit etwas vertuscht werden soll.

Jetzt will der Telegraph von gut informierten Quellen gehört haben, dass die Skripals in Südengland unter der Obhut von Ärzten leben. Anonyme Quellen stehen immer im Verdacht, gezielt Informationen, die man offiziell nicht geben will, zu leaken, die dann Medien "exklusiv" als Informationen weiter verbreiten. Sicherheitshalber heißt es denn auch nur, die Skripals würden "wahrscheinlich" in Südengland sein.

"Wenn sie glücklich sind, ist das besser für die Steuerzahler und die Behörden"

Julia sei keineswegs völlig isoliert, sie würde weiter in Kontakt mit "engen Freunden" stehen, die nichts über sie preisgeben wollen. Sie könnten sich auch relativ frei bewegen, vermutet er. Einige Russen und Briten hätten sie auch im Sommer besucht. Das bleibt also im Diffusen und dürfte eher das sein, was die Sicherheitskräfte an die Öffentlichkeit bringen wollen, der Telegraph macht sich zu deren Vehikel. Dazu passt auch, dass ein Informant gesagt haben soll, man könne Julia leicht einen Job und Einkommen verschaffen und gleichzeitig garantieren, dass sie in einer geschützten Umgebung lebt. Das ist dann aber offenbar nicht der Fall. Und es wird im Telegraph suggeriert, dass man beide, weil sie sich nach dem Anschlag verändert hätten, wohl nicht mehr erkennen würde.

Dann wird auch noch der BBC-Journalist Mark Urban, der vor dem Anschlag Sergei Skripal interviewt hatte, um ein Buch zu schreiben, zitiert: "Es gibt eine Menge an Gründen, warum sie in Großbritannien bleiben wollen", die er aber nicht weiter nennt. Allerdings gibt es auch Äußerungen von Julia, dass sie nach Russland zurückkehren wolle. Ansonsten werden ihre Verlautbarungen offenbar streng kontrolliert (Was ist los mit Julia Skripal?). Doch seit dem Sommer ist gar nichts mehr von beiden zu hören.

In dem auch im Weiteren sehr seltsamen Bericht, wird noch der ehemalige Geheimdienstoffizier Philip Ingram zitiert, der behauptet, dass die Skripals überhaupt nicht getötet werden sollten. Das sei nur eine Botschaft "an mächtige Oligarchen" vor der Wahl gewesen, Putin habe damit nationalistische Gefühle erzeugen wollen. Überhaupt "lieben die Russen Nervengifte", weil sie damit sagen würden, dass sie es waren.

Am Ende wird dann noch ganz dick aufgetragen. Ingram, der in Zeugenschutzprogrammen tätig gewesen sein soll, versichert, es ging nur um den persönlichen Schutz der Skripals und das Ausbalancieren zwischen Sicherheit und der Möglichkeit, dass sie ein normales Leben führen könnten: "Ihre Beschützer werden sie bestärken wollen. Wenn sie glücklich sind, ist das besser für die Steuerzahler und die Behörden." Er versichert auch den britischen Steuerzahlern, dass die Kosten für das Programm nicht "exzessiv" würden, wenn man berücksichtige, was Skripal über die Jahre an Informationen geliefert habe. Sie würden nur normal untergebracht und erhielten eine durchschnittliche Pension und Geld für Möbel, Autos und Ausgaben für das Leben.

Das Narrativ wird dann noch bestärkt durch Chris Phillips, dem früheren Chef des National Counter Terrorism Security Office, der meinte, dass Vater und Tochter zusammengehalten würden (das würde auch die Kontrolle vereinfachen), um gleich anzufügen, dass dies es den Behörden schwieriger machen würde: "Letztlich wird das davon abhängen, was sie wollen. Niemand wird sie zwingen, etwas zu machen. Sie erhalten Ratschläge, aber sie werden selbst entscheiden." Das mag man glauben oder nicht. (Florian Rötzer)

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