Slowakische Atomenergie: Später Sieg des Sozialismus

AKW Mochovce. Bild: Peko / CC BY-SA-3.0

In der Slowakei stehen zwei Atomreaktoren original sowjetischen Typs kurz vor der Fertigstellung. Das AKW Mochovce-3 soll in diesem Jahr seinen Betrieb aufnehmen

Von der Sowjetunion kann man nicht mehr "Siegen lernen", wie ihre früheren Anhänger optimistisch meinten, weil es sie seit 1991 nicht mehr gibt. Nun wird ihr auf dem Gebiet der nicht gerade unkomplizierten Nukleartechnik ein später Triumph zuteil. In der Slowakei stehen zwei Atomreaktoren original sowjetischen Typs kurz vor der Fertigstellung. Das AKW Mochovce-3 soll in diesem Jahr seinen Betrieb aufnehmen. Der Reaktor vom Typ VVER-213, ein revolutionäres Konzept der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, geht gegen die aktuellen Modelle des westlichen Kapitalismus an den Start. So schlecht kann es also nicht um die sowjetischen Produktivkräfte und den sozialistischen Fortschritt bestellt gewesen sein.

Zustande gekommen ist diese Überraschung mit tatkräftiger Hilfe vieler Freunde, die der Staat Lenins und Trotzkis leider erst posthum gewinnen konnte. Dazu zählt in erster Linie die italienische Elektrizitätsgesellschaft ENEL, ein hochangesehener global player, der die Mehrheitsanteile an der slowakischen Gesellschaft Slovenské elektrárne hält. Der Konzern brennt darauf, endlich eigene Erfahrungen auf dem Nuklearmarkt zu sammeln, was ihm in Italien durch zwei Volksabstimmungen verwehrt ist. Er könnte perspektivisch die Rolle im lukrativen Proliferationsgeschäft einnehmen, nach der sich schon Generationen tüchtiger italienischer Geschäftsleute gesehnt haben.

Wie kam es zu dieser eigentümlichen Fügung des Schicksals? Noch zu sozialistischen Zeiten beschloss die damalige CSSR, für ihre Stromerzeugung sowjetische Reaktoren zu erwerben. Jeweils zwei Blöcke à 440 Megawatt wurden an den Standorten Bohunice und Mochovce errichtet. Die Reaktoren in Bohunice, wo es schon zwei Vorgängermodelle gab, die übrigens erst vor zehn Jahren stillgelegt wurden, gingen 1984 ans Netz, die von Mochovce waren noch nicht fertig, als der Sozialismus die Segel strich. Mit deutsch-französischer Hilfe - Siemens immer dabei - wurden sie schließlich zu Ende gebaut, um 1998 bzw. 1999 in Betrieb zu gehen. Die vier Meiler produzieren heute 46 % der slowakischen Elektrizität.

Kühltürme des AKW Bohunice. Bild: MarkBA / CC BY-SA-3.0

In Mochovce war allerdings schon 1987 mit dem Bau zweier weiterer Blöcke begonnen worden. Dafür hatte der junge slowakische Kapitalismus dann kein Geld mehr zur Verfügung. Der Bau wurde 1993 suspendiert und erst 2009, also nach 16 Jahren Unterbrechung, nach dem Beitritt der Slowakei zur Europäischen Union und nach dem Einstieg von ENEL in die slowakische Energiewirtschaft wieder aufgenommen.

Weil ein dem aktuellen Standard entsprechendes Atomkraftwerk derzeit nicht unter 10 Milliarden zu haben ist, könnte man die slowakische Entscheidung, die alten Modelle aus der Versenkung zu holen, vielleicht unter finanziellen Gesichtspunkten verstehen. Aber Irrtum: Auch auf dieser Baustelle explodierten die Kosten auf mittlerweile 5,4 Milliarden Euro. Dabei wird die Leistung der beiden Blöcke Mochovce-3 und 4 nur etwas mehr als die Hälfte dessen betragen, was beispielsweise ein französischer EPR (European Pressure Reactor) bietet. Die slowakisch-italienische Nuklearwirtschaft liegt also voll im Trend. Kein Problem, die Europäische Investitionsbank hilft und gibt damit "ein gutes Beispiel für die Kombination von EIB-Darlehen mit EU-Zuschüssen".

Ein Containment fehlt - trotz Tschernobyl

Zum vermeintlichen Schnäppchenpreis gibt es aber kein geschlossenes Sicherheitscontainement für die VVERs. Stattdessen bietet dieses Reaktormodell einen sogenannten Bubble Condenser als Notfall-Vorrichtung. In diesem turmartigen Gebäudeteil kann radioaktiver Dampf bei einem gravierenden Störfall im Primärkreislauf aufgefangen werden; er soll dort kondensieren und dann wieder als Kühlmittel zur Verfügung stehen.

Deshalb glaubten die Konstrukteure des VVER, auf ein Containement verzichten zu können. Um genauer zu sein, glaubten sie es anfangs. Nach Tschernobyl glaubten sie es nicht mehr. Aber das Modell 213 wurde vor dem SuperGAU von 1986 entworfen. Somit haben wir die befremdliche Situation, dass eine Achse Bratislava-Rom drei Jahrzehnte nach Tschernobyl die dort gemachten katastrophalen Erfahrungen bewusst ignoriert. Die EU-Kommission schaut aus sicherer Brüsseler Entfernung zu. Die Internationale Atomenergiekommission in Wien schweigt betreten. Bei ihr beträgt die Entfernung nach Mochovce nur noch 150 Kilometer.

Wie kann unter solchen Voraussetzungen eine atomrechtliche Genehmigung erteilt werden? In der Regel verlangen die nationalen Aufsichtsbehörden, dass die Sicherheitsvorkehrungen einer Nuklearanlage den neuesten Standards genügen müssten. Natürlich behaupten die Betreiber der slowakischen AKWs, sie hätten umfangreiche Nachrüstungen vorgenommen, wofür sie gern EU-Subventionen kassierten. Das Fehlen eines Containements lässt sich jedoch nicht dadurch kompensieren, dass man den Außenputz am Reaktorgebäude verbessert, feuersichere Türen anbringt oder die Fluchtwege besser ausschildert. Ein Trabant mit einem Airbag bleibt immer noch ein Trabant, und der ist gegen Flugzeugabstürze nicht besonders geschützt.

Über handwerkliche Improvisationen während der Bauarbeiten berichtete ein Whistleblower der Wiener Presse. Bauarbeiter hätten an "hermetischen", also sicherheitskritischen Wänden Hunderte von Bohrungen vorgenommen, um Kabel besser führen zu können. Die Aufsicht sei nicht eingeschritten. Hoffentlich gab es wenigstens Bier bei der Arbeit.

Noch bedenklicher ist ein Schreiben der World Association of Nuclear Operators (WANO), das in die Hände der österreichischen Umweltschutzorganisation Global 2000 gelangte. Die WANO, ein absolut pro-nuklearer Verband, war offenbar gebeten worden, die Baustelle zu inspizieren und ein Statement abzugeben. Sie sah sich zu deutlichen Kritiken veranlasst und gab nicht weniger als 47 Empfehlungen ab.

Ob man nicht mal putzen könne, lautet eine davon, der Dreck sei nicht besonders bekömmlich für die empfindlichen elektronischen Instrumente. Anzuraten sei auch, dass sich die beteiligten Bauunternehmen und Subunternehmen regelmäßig über die Probleme und Fortschritte bei ihren Arbeiten austauschen. Wieder einmal bestätigt sich die alte Managementregel: Je teurer ein Projekt, desto weniger Qualitätssicherung. Manche Vorhaben sind einfach zu wichtig; da hat man keine Zeit für solche Nebensächlichkeiten.

Italien baut der Slowakei ein sowjetisches Atomkraftwerk. Haben wir nicht jahrelang auf solche europäischen Erfolgsmeldungen gewartet? Im Ernst, die EU-Kommission kann zufrieden sein. Dafür hält sie sich seit neun Jahren Kommissar Günther Oettinger (CDU), der übrigens nicht in Schilda, sondern in Stuttgart geboren ist. Er schaufelt die "Zuschüsse für nukleare Sicherheit" nach Bratislava. Dort greifen sie italienische "EU-Skeptiker" ab? Das ist natürlich nur ein ungeheuerlicher und unbewiesener Verdacht. Leider gibt es solche Geschäftsmodelle, wie der vor einem Jahr ermordete slowakische Journalist Ján Kuciak herausfand.

Wozu haben wir eigentlich Lubmin stillgelegt, wird die AfD von Mecklenburg-Vorpommern bekümmert fragen, unser schönes VE Kombinat Kernkraftwerke "Bruno Leuschner"? Auch dort war der VVER bis 1990 im Einsatz. Hätte man damals geahnt, dass es italienische Interessenten für solche Werke gibt, dann hätte man mit dem Abriss vielleicht noch etwas gewartet.

18.04.: In einer ersten Version des Textes wurde der VVER-213 als Druckröhrenreaktor charakterisiert. Der entsprechende Absatz wurde nach Leserhinweisen korrigiert.

Gegen die Inbetriebnahme gibt es zwei Petitionen von Global 2000 (Österreich) und vom Umweltinstitut München (Deutschland).

(Detlef zum Winkel)