Smart Cities sollen sich an ihre Einwohner und ihre Umgebung anpassen

Chongqing. Bild: Jonipoon/CC BY-SA-3.0

Der Cheftechniker des chinesischen Konzerns Alibaba breitet seine Vorstellungen von der Stadt der Zukunft aus, die auch Selbstbewusstsein haben soll

Hinter dem Konzept von Smart Cities steckt neben dem Interesse an einem gigantischen Markt durch den Umbau der Städte in Maschinen, die Daten aus möglichst vielen Quellen verarbeiten, aus Erfahrung lernen und Prozesse steuern, eine Vision. Es gibt das Bild eines digitalen oder kybernetischen Organismus, der sich selbst organisiert und optimiert und aus zahlreichen ebenso organisierten Subsystemen vom Verkehr oder der Energie- und (Ab)Wasserversorgung über die Unternehmen oder die Verwaltung bis hin zu smarten Wohnungen bestehen, Menschen, Roboter, Geräte und Dinge eingeschlossen.

Eingeschlossen mit seinem Verhalten in einen derart komplexen Organismus als Teilsystem zu sein, das im Zuge der Steuerung oder Optimierung aufgrund seiner Daten zu einem konformen, beispielsweise energiesparenden Handeln angeschubst wird, dürfte bei genauerem Hinsehen Albträume eines Gefangenseins auslösen. Die Gitter wären verschwunden, man macht sich wie beim Selftracking durch sein eigenes Verhalten und seine Bedürfnisse über das Eintauchen in Regelkreise und kollektiv erzeugte Normen zu einem Teil eines datengetriebenen Größeren.

In China lösen solche Vorstellungen keinen Schrecken aus. Schon 2014 wurde der Aufbau eines landesweiten Überwachungs- Verhaltenssteuerungssystems beschlossen, das mit der Hilfe von Social Credits die Bürger und Organisationen des Landes zu einem besseren, d.h. vertrauenswürdigen Verhalten erziehen will. Angeblich soll damit eine Kultur der Ehrlichkeit aufgebaut, also der transparente Bürger geschaffen werden.

In einigen Städten wurden bereits Rumpfversionen des Systems eingeführt, das das soziale und politische Offline- und Online-Verhalten, das soziale Netz oder die Kreditwürdigkeit anhand der pünktlichen Bezahlung erfassen und in einen Score umsetzt. Je nach den Punkten kann es dann Einschränkungen oder Begünstigungen geben. Auch Alibaba, das sich anschickt Amazon als Anbieter von Clouddiensten zu überholen, bietet ein solches Überwachungs- und Prämiensystem an, die Teilnahme ist noch freiwillig. Ab 2020 sollen die Bürger zwangsüberprüft und mit Zuckerbrot und Peitsche "ehrlich" gemacht werden .

Wang Jian von Alibaba, der Vorsitzende des technischen Leitungsgremiums des Unternehmens, erklärte nun anlässlich des Erscheinens seines neuen Buchs "Being Online" gegenüber Pressevertretern, wie die South China Morning Post berichtet, die Gegenwart sei eine verrückte Zeit, in der viele neue Dinge geschehen werden.

Die Stadt der Zukunft werde sich nach seinen Vorstellungen ihren Einwohnern und der Umgebung wie ein lebender Organismus anpassen, so dass städtische Dienste wie der öffentliche Transport, die medizinische Versorgung oder die Bildung "im richtigen Maß und in der richtigen Zeit geliefert werden können, um Abfall zu minimieren und die Nutzung zu optimieren". Man müsse in der Zukunft den Entwicklungsgrad einer Stadt nicht mehr nach ihrem Stromverbrauch, sondern nach ihrem Datenverbrauch bestimmen.

Jetzt habe das alltägliche Verhalten eines Einwohners kaum einen Einfluss auf die Organisation einer Stadt. Das würde sich aber ändern, wenn das Verhalten der Menschen verfolgt werden kann. Dazu rüsten die chinesischen Städte ihr Gebiet u.a. mit Zehntausenden von Überwachungskameras mit Gesichtserkennung aus. Wang versucht die Vorteile anhand der bislang fixen Busverbindungen darzulegen, die eine festgelegte Route zu bestimmten Zeiten fahren und nur an bestimmten Haltestellen Ein- und Aussteigen ermöglichen: "Will man mit den Bus fahren oder macht man das nur, weil er gerade hier ist?"

Während einerseits die Flexibilität gepriesen wird, zeigt ein anderes Beispiel Ansätze einer digitalen Planwirtschaft, wenn er auf ein Projekt verweist, wo Eisenbahnmitarbeiter den Kantinen an der Strecke mitteilen können, was sie essen wollen. Die könnten dann die richtigen Mengen herstellen, wodurch weniger Abfall entsteht.

Für Hangzhou hat Alibaba ein mit lernender KI ausgestattetes "Stadtgehirn" (City Brain) eingerichtet, das in Echtzeit Verkehrshinweise ausgibt und den Fahrern Routenvorschläge macht. In einem Stadtviertel habe sich die Fahrgeschwindigkeit dadurch um 11 Prozent erhöht. Das ist nichts Besonderes und jedem Benutzer von Google Maps vertraut, zeigt aber wie die Lenkung der Bürger zur Optimierung funktioniert. Den Bürgern wird versprochen, dass mit den von ihnen erhobenen Daten ihnen die Möglichkeit gezeigt wird, schneller an ihr Ziel zu kommen. Aus Eigeninteresse werden die Empfehlungen angenommen, die aber letztlich den Einzelnen dem kollektiven Verkehrsfluss anpassen. Die Frage also wäre, wenn sie nicht von vorneherein in solchen Systemen unsinnig ist, ob sich die Städte den Menschen oder umgekehrt diese den vorgegebenen und sich optimierenden städtischen Algorithmen anpassen?

Wang Jian überbietet das Versprechen noch, wenn er erklärt, dass "die Schaffung einer nachhaltigen und selbstbewussten Stadt mit der Hilfe von Big Data die Hauptidee hinter dem Konzept" sei. Mit den neuesten Techniken würden Smart Cities "ihre Ressourcenverteilung und die Lebensqualität ihrer Einwohner verbessern". Typisch für diesen Ansatz ist, dass das Anpreisen der Technik die grenzenlose Ausbeutung der Daten voraussetzt, die die Bürger freiwillig oder notgedrungen in ihrem Alltag produzieren. Datenschutz ist kein Thema, auch nicht die Diskussion, wie das "Selbstbewusstein" einer Smart City als Organismus die Souveränität und Entscheidungsfreiheit der Bürger garantieren könnte. Man optimiert und minimiert lieber.

Im Hintergrund steht sowieso nur das Geschäft, wie das auch Wang klar macht: "Wenn man darüber nachdenkt, in der Nacht auf dem Bett liegend einkaufen zu können, und dass das Paket am nächsten Tag vor der Tür liegt, so ist das an sich verrückt." Besser oder verrückter wäre freilich noch Wunscherfüllung in Echtzeit. Aber ist das wirklich smart? (Florian Rötzer)

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