Sneaker gesucht!

Jeder Kinobesucher ist verdächtig

Bundesweit zählt sie zu den bestbesuchten, und sie ist nicht nur bei Hannovers Filmfans äußerst beliebt, sondern auch bei den Internetpiraten der Gruppe LEX. Die Rede ist von der Sneak im hannoverschen Cinemaxx am Raschplatz, wo jeden Mittwochabend ein sogenannter Überraschungsfilm meist Wochen vor seinem eigentlichen Bundesstart gezeigt wird. Was auch für die Leute von LEX natürlich höchst interessant ist, weil sie dann im Kino den Ton des Films illegal aufnehmen können. Auf diese Weise wird anschließend aus einer englischsprachigen Raubkopie eine deutschsprachige, was deren Reiz und Wert auf dem deutschen Markt erheblich erhöht. Man guckt bei uns halt lieber Deutsch.

Nach Angaben des hannoverschen Sneak-Veranstalters Heiko Engel wird „in Hannover mehr oder weniger in jeder Sneak der Ton mitgeschnitten“. Und das hat Folgen. „Da inzwischen drei Filme seit Ende August zumindest in Hannover nicht in der Sneak gezeigt wurden,“ schreibt Engel im Netzforum des Kinos, „wird die Gefahr von Seiten der Verleiher immer größer, unsere Sneak nicht mehr mit Filmen zu beliefern.“ Und außerdem ist die Sneak mittlerweile auch ein Fall für die Polizei. „Bedingt“, so Engel, „durch inzwischen rund einem Dutzend offizieller Anzeigen, hat die Polizei durchaus das Recht, in unserem Hause Kontrollen durchzuführen, zudem finden diese Kontrollen mit Absprache der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) und unserer Zentrale statt.“

Seit Anfang November finden diese Kontrollen nun tatsächlich statt, und außerdem sitzen dabei in schöner Regelmäßigkeit Zivilpolizisten im Kino, um die Zuschauer vor und während der Vorstellung zu beobachten. Und wenn ihnen jemand verdächtig erscheint, dann schreiten sie energisch ein – beispielsweise am 7. November. Was geschah, schildert einer der Betroffenen im schon erwähnten Netzforum:

ich und meine werten Kameraden, "der Baron" und "PORN90", wurden am besagten Tag von der Polizei aus dem Kinosaal zu einer Leibesvisitation begleitet. Grund dessen war, so wie ich das verstanden habe, das aufmerksame Publikum welches der Meinung war, das wir die Woche zuvor verdächtiges Verhalten aufgewiesen haben. Es schien sich um einen Irrtum zu handeln, da wir gar nicht auf den besagten Plätzen saßen...

Ein Vorgang, der zwar unangenehm nach Denunziantentum riecht, aber von der Mehrzahl der Forumsbesucher durchaus begrüßt wird. Doch es gibt dort auch andere Stimmen. So schreibt ollywood:

Wie sieht denn so auf ein auffälliges Verhalten aus? Händen in den Taschen? Schwarze Jacke? Technikspielzeug?

Eine Woche später schlug die Polizei dann wieder zu:

Ich gehöre zu denen, die gestern während der Sneak aus dem Kino geholt wurden. Ganz unschuldig waren wir nicht, da mir ein Freund Funktionen meines MP3 Players vor der Sneak erklärte. Das wurde wohl von einem Polizeibeamten in Zivil beobachtet und nach ca. 45 Minuten wurden wir aus dem Kino geholt. Kurze Feststellung der Personalien und der Player sowie unsere Taschen wurden sofort etwas genauer untersucht. Alles dauerte ca. 5 Minuten, wir bekamen von den Polizisten alle eine Freikarte und setzten uns dann ziemlich aufgewühlt wieder in die Sneak.

Fast jeder Sneak-Besucher ist inzwischen also verdächtig. Und wenn nicht, dann kann er sich jedenfalls schnell verdächtig machen – bei der Polizei oder den anderen Sneak-Zuschauern, von denen einige gern die Rolle des Hilfssheriffs spielen. Was natürlich auch positive Folgen hat, weil eben nicht nur auf der Leinwand Kriminelle gejagt werden, sondern jetzt auch hautnah im Kino. Und wer so etwas mag und die Gefahr nicht scheut, sich verdächtig zu machen, der wird sich auch in Zukunft im Kino eben gern ein paar schöne Stunden machen - unter polizeilicher Aufsicht, versteht sich.

Derweil geht das Katz- und Mausspiel weiter - in den einschlägigen Raubkopiererforen schreiben nämlich die Leute von LEX: „Auch du willst ein LEX werden? Sneaker gesucht!“

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