So einfach ist Tennis

"Top Spin" - Das älteste Videospielgenre trumpft endlich wieder auf

Das älteste Videospielgenre Tennis trumpft endlich wieder auf - diesmal (vorerst?) nur für Xbox-Besitzer. Mit toller Grafik, authentischer Atmosphäre, reduzierter Steuerung und emotionalem Karrieremodus verweist "Top Spin" die bisherige Nummer eins "Virtua Tennis" auf Platz 2 der Rangliste.

Die Geschichte der Tennisspiele reicht weit zurück. 1958 hatte US-Atombombenforscher William Higinbotham eine klasse Idee. Zum Tag der Offenen Tür des "Brookhaven National Laboratory" (Zentrum für Grundlagenforschung) entwickelte er den Vorläufer aller Videospiele. Auf seinem zweckentfremdeten 12,5 cm durchmessenden Oszilloskop (Bildschirm eines Analogcomputers) sprang ein Punkt hin und her. Zwei Besucher steuerten mit klotzigen Schalthebelkästen ihre Lichtstriche und wehrten ihn ab: "Tennis for two" (vgl. William Higinbothams "Tennis for Two") war unansehnlich, aber dennoch faszinierend. Erstmals sah man die Seele der Technik. Noch dazu war der Spaß leicht erlernbar.

Higinbotham dachte trotz des Erfolgs seiner Erfindung nicht an Patentierung; sein Hauptziel war es, dem Publikum die neue Technologie auf spielerische Weise näher zu bringen, Sympathie zu bekommen, und das war geschafft. Doch aus dem netten Gag entwickelte sich andernorts bald mehr und die Kommerzialisierung nahm ihren Lauf. Der neue Zweig der Unterhaltungsindustrie entstand fast parallel zur Verbreitung des Computers. Die Realismus-Evolution des 58er-"Urkrebses" schritt jedoch zögernd voran.

Offizielles Videospiel war 1972 Ataris Tennis-Stilisierung "Pong", ein Spielautomat, der drei Jahre später als virtueller Wohnzimmerwettkampf massenmarkttauglich wurde - mit rasengrünem Hintergrund und Punktezähler. 1982 wurde die VCS 2600-Konsole und ihr CX40-Joystick auch hierzulande ein Renner und führte den Markt an. Das darin enthaltene perspektivische "Tennis" war über Jahre hinweg konkurrenzlos. Erst "Match Point" (Psion/D & L Research, 1984) auf dem Commodore 64 setzte mit bunten Zuschauerrängen neue Maßstäbe - eine Augenweide aus Pixelklötzen!

Es folgten Glanznummern wie "Serve and Volley" (Accolade/Electronic Arts, 1988), "Great Courts - The Ultimate Tennis Simulation" (Blue Byte/Ubisoft, 1989) und "Tie Break" (Starbyte, 1990), das mit seiner seltsamen Satelliten-Perspektive besonderen Charme ausstrahlte. Plattformen waren auch hier der C64 sowie Amiga und Atari ST. Top-Titel der 90er war ganz klar "Jimmy ConnorsŽ Tennis" (Handmade Software/Ubi Soft, 1994) für Nintendos Hit-Konsole Supernintendo (SNES) und Ataris Lynx (das erste Handheld der Welt): Das Herz des Spiels umfasste eine komplette ATP-Tour, während die Spielfiguren an Stärke zunahmen. Der letzte große Meilenstein im Fortschritt der Tennisgames war "Virtua Tennis" (Sega, 2000) für die damals im Sterben liegende Dreamcast.

Kritiken überschlugen sich aufgrund der simplen Steuerung und des realistischen Gameplays vom Arcade- bis zum Welttournee- und Multiplayer-Modus. Genau dort setzt "Top Spin" an: Entwicklerfirma Power and Magic rüstet Microsofts Xbox exklusiv mit "Top Spin" auf und liefert gleichzeitig das beste Tennis-Game der Next-Generation-Konsolen. Sämtliche Seiten des Filzballsports werden hier ausgereizt, das Tennisspiel scheint erwachsen.

Was ist ein Top Spin? Top = oben; Spin = schnelle Drehung/Rotation/Drall. Ein Topspin ist ein überrissener Ball mit Vorwärtsdrall. Der Ball wird so geschlagen, dass er durch die Aerodynamik einen Bogen fliegt. Außerdem u. a. Sidespin, Underspin.

Wissenschaftliche Erklärung: DGLR, Deutsche Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt

"Top Spin" beginnt ganz normal, ja, nahezu oberflächlich: Ein schiefes Menü nebst Kampfaufnahmen "echter" Spieler weist den richtigen Weg, ohne diktatorisch zu sein. Automatisch steigt der Spieler in die "Tennisschule" ein, lernt die Tastenfunktionen kennen, erfährt, was passiert, wenn er sie länger drückt und den Ministick bewegt. Sechs Knöpfe sind mit je einer Schlagform belegt, ob flacher Slice, gemeiner Stoppball oder mächtiger Topspin. Die Grafik hält sich hier noch zurück, um dem Spieler im nächsten Mode "Schaukampf" weite Räume zu öffnen. Zuerst kann man wählen: Damen oder Herren, Einzel oder Doppel und auch der Schwierigkeitsgrad ist bestimmend. In dieser Liga spielen nur die Besten: Sampras kann gegen Hewitt antreten oder Hingis gegen Kournikova. Das Kräftemessen rangiert auf höchstem Kräfteniveau, alle 32 zur Verfügung stehenden Spieler sind Profis.

Es macht Spaß, im One- oder Two Player-Modus die Grand Slam-Arenen der Welt zu betreten und dem Ball über Rasen, Kunststoff oder Asche hinterher zu jagen. Die Kulisse ist je nach Größe und Standort verschieden und es kribbelt auf der Haut beim enttäuschten Raunen, das durch die Menge geht, sollte man gewagt haben, einen Doppelfehler zu begehen. Wer gern dabei ist, wenn Sportgeschichte geschrieben wird, liegt mit "Schaukampf" richtig. Kamera-Einstellungen wie Nah- und Fern-Aufnahmen, das Styling einer Fernsehübertragung mit Replays und Punkterichter und die zufallsgenerierte Möglichkeit, Beschwerde beim Schiedsrichter einzulegen, feierlich die Fäuste zu ballen, verärgert abzuwinken, den Gegner mit Prahlgebärden zu reizen oder ihn zu verhöhnen - das erlebt der "Top Spin"-Spieler erst im "Karriere"-Modus in Vollendung.

Im Herzen des Spiels öffnet sich auch seine Tiefe. Stufenlos erstellt man zunächst sein Alter Ego - vom affengleichen Dickwanst bis zur durchtrainierten Amazone ist alles drin. Die Herausforderung, sein echtes Aussehen in etwa hinzubekommen, ist mit Geduld und Phantasie ebenfalls zu meistern. Jedenfalls sollte man sein "Geschöpf" mögen, immerhin "verschmilzt" man mit ihm über längere Zeit, macht Höhen und Tiefen mit ihm durch und arbeitet mühsam an seinem Aufstieg vom Anfänger zum Jungspund, vom Star zur Legende. Mit 14 Sternen und ein paar Kröten beginnt die Tortur. Mühsam schlägt sich der Spieler durch oftmals enttäuschende Trainingseinheiten, die ihm Schlagfähigkeiten und Fertigkeiten wie Präzision, Winkelgenauigkeit sowie Kraft bringen - der Rollenspieleffekt vermittelt Nähe. Man leidet beim Verlust eines Nerven-zehrenden Ballwechsels, freut sich, einen starken Gegner vom Platz zu fegen und Münzen für teuere Trainingseinheiten in Form von Preisgeldern einzustreichen.

So klettert man nach und nach die Weltrangliste hinauf, erntet Lob und Ausrüstung von Sponsoren wie Adidas und bereist die Erde. Ziel ist es, alle Grand Slam-Turniere zu gewinnen und Nummer eins der Weltrangliste zu werden. Im Internet-Modus "Xbox Live", der nach acht kostenlosen Wochen 6,99 € pro Monat kostet, dürfte DAS wiederum schwieriger werden, denn hier tummeln sich statt der berechenbaren Computergegner die Online-Zocker - der ultimative Kick, denn auch hier gibt es eine Weltrangliste und die ist "echt".

Mit "Top Spin" gibt es eine abwechslungsreiche, optisch erstklassige Tennis-Simulation, die in der Handhabung (im Sinne des Urvaters "Pong") aufs Wesentliche reduziert ist und mit individuell hoch gezüchteter Tennisspielerkarriere Spieltiefe erzeugt. (Mark Lederer)

Anzeige