So gefährlich wie auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs

Während der Bekanntgabe der Entscheidung, die Doomsday Clock auf 2 Minuten vor Mitternacht zu stellen. Bild: Screenshot aus dem Vimeo-Video von thebulletin.org

Das Bulletin of Atomic Scientists hat die Doomsday Clock auf zwei Minuten vor Mitternacht gestellt und appelliert an die Bürger der Welt, Druck auf die Regierungen auszuüben

1947 veröffentlichten die Gründer des Bulletin of Atomic Scientists, die an der Entwicklung der amerikanischen Atombombe beteiligt waren, die erste "Weltuntergangsuhr" (Doomsday Clock). Damit soll auf das Risiko des Ausbruchs eines Atomkriegs hingewiesen werden, später wurden auch die von der Klimaerwärmung und neuen Techniken ausgehenden Gefahren mitberücksichtigt.

Anzeige

Die Amerikaner hatten am Ende des Zweiten Weltkriegs in Hiroshima und Nagasaki erstmals vorgeführt, welche verheerenden Folgen auch schon der Abwurf einzelner Atombomben hat. Damals stellte man die Uhr auf sieben Minuten vor 12 Uhr, 1949 rückte sie angesichts russischer Atombombentests auf 3 Minuten vor Mitternacht vor, 1953 sah man die bislang größte Gefahr nach den Tests der Russen und Amerikaner mit Wasserstoffbomben. Danach schwankte die Einschätzung, ohne jedoch wieder eine so große Gefährdung zu sehen. 1991 wurde die Gefahr nach dem Ende des Kalten Kriegs als am geringsten eingestuft, dann wurde der Zeiger wieder Zug um Zug Richtung Mitternacht vorgerückt.

Vor einer Woche schlugen die Angehörigen des Science and Security Board, der seit 1973 die Uhr stellt und dabei auch einige Nobelpreisträger zu Rate zieht, Alarm und stellten die Uhr von 2,5 Minuten auf 2 Minuten vor Mitternacht, um eine "dringende Warnung vor einer globalen Gefahr" auszusprechen.

Die Mitglieder des Board treffen sich zweimal jährlich, um zu diskutieren, ob sie die Uhrzeit verändern sollen. Die Einschätzungen, ob die Welt gefährlicher oder weniger gefährlich geworden ist, bleiben subjektiv und sind auch geprägt von amerikanischer Sicht, die Begründungen der unabhängigen Institution sollen Anlass für eine tiefere Auseinandersetzung über die Prozesse sein, die sich über die Zeit hinweg zwischen den eingestellten, sowieso nur symbolischen Uhrzeiten abgespielt haben.

Problematisch mag sein, dass die Uhr praktisch immer kurz vor Mitternacht eingestellt war, was suggeriert, dass wir mit den Atomwaffen, dem Klimawandel und den technischen Innovationen immer mit der Katastrophe leben. Darin könnte sich das Dilemma wiederholen, das bei den Terrorwarnstufen deutlich geworden ist. Auf risikolos oder geringes Risiko wollte man es nicht stellen, um nicht überrascht zu werden, bleibt das Risiko aber immer zwischen sehr hoch oder unmittelbar, nimmt die Warnung niemand mehr ernst, so lange nichts passiert. Solange es Tausende von Atomwaffen in der Hand mehrerer Staaten gibt, so kann man freilich argumentieren, leben die Menschen unter der im Prinzip jederzeit möglichen Bedrohung eines verheerenden Atomkriegs. Wir haben im Unterschied noch zum Kalten Krieg vergessen, wie gefährlich das ist.

Betont wird vom Science and Security Board, dass die Gefahr "offensichtlich und unmittelbar" sei und die Politiker es versäumt hätten, sich den "größten Bedrohungen für die Zukunft der Menschheit" zuzuwenden, aber man habe die Uhr schon mehrmals zurückgestellt, es bestünde weiterhin die Möglichkeit, das Risiko zu reduzieren. Heute sei die Lage so gefährlich wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die größte Gefahr gehe von der nuklearen Aufrüstung und einem möglichen Konflikt zwischen Nordkorea und den USA aus. Übersteigerte Rhetorik und provozierende Aktionen hätten auf beiden Seiten die Möglichkeit des Ausbruchs eines Atomkriegs durch Fehleinschätzung oder eine Panne vergrößert.

Dazu kommen die Konflikte zwischen der Nato und Russland und die angespannte Situation im Südchinesischen Meer sowie der Streit zwischen den USA und dem Iran über das Atomabkommen. Dazu kommt, dass die Bekämpfung der Klimaerwärmung keine richtigen Fortschritte mache, es müssten dringend die CO2-Emissionen stark reduziert werden. Und die Mitglieder des Board sind der Meinung, dass der "technische Wandel die Demokratien der Welt untergräbt, da Staaten nach Möglichkeiten suchen und diese ausbeuten, um Informationstechniken als Waffen zu nutzen". So würden "internetbasierte Täuschungskampagnen" ausgeführt, um Wahlen und das Vertrauen in die Institutionen zu untergraben, die entscheidend sind für das freie Denken und die globale Sicherheit. Dazu kommen Gefährdungen des Internet der Dinge und Gefahren durch autonome Kampfroboter und durch einen Missbrauch der Gentechnik mittels der Cripsr-Genschere.

Es habe darüber hinaus einen "Zusammenbruch der internationalen Ordnung" im letzten Jahr gegeben. Die USA unter Trump hätten sich von ihrer globalen Führungsrolle zurückgezogen, gleichzeitig seien ihre Handlungen nicht mehr verlässlich vorherzusagen. Um die Welt sicherer zu machen, wird vorgeschlagen, dass Donald Trump sich rhetorisch zurückhalten solle. Nordkorea und die USA sollten direkt kommunizieren. Die Weltgemeinschaft sollte als kurzfristiges Ziel darauf dringen, dass Nordkorea, das erstmals wieder einen Atomwaffentest durchgeführt hat, seine Atomwaffen abrüstet. Die USA sollten am Atomabkommen mit dem Iran festhalten, Russland und die USA sollten Provokationen an der Nato-Grenze beenden und wieder in Verhandlungen eintreten, um die Atomwaffen abzubauen, keine taktischen Atomwaffen zu bauen und die Modernisierung der Atomwaffen zu begrenzen.

Anzeige

Die US-Bürger sollten von ihrer Regierung fordern, gegen die Klimaerwärmung vorzugehen, alle Regierungen sollten die Emissionen nach dem Pariser Abkommen reduzieren. Zudem sollte die internationale Gemeinschaften Abkommen entwickeln, um den Missbrauch von Informationstechnologien zu unterbinden. Und zuletzt wird vorgeschlagen, dass sich die Länder zusammentun sollen, um gemeinsam Institutionen zu schaffen, die "potentiell bösartige oder katastrophische Missbrauchsmöglichkeiten neuer Techniken" wie der Synthetischen Biologie oder autonomen Kampfrobotern erkunden und behandeln.

Das alles klingt einigermaßen vernünftig, aber erscheint auch ziemlich unrealistisch, zumal nur von Techniken und einem kontrollierenden Umgang der Politik damit gesprochen wird, aber nicht von den sozialen und ökonomischen Wirklichkeiten.

Letztlich läuft die Warnung auf einen moralischen Appell hinaus. Schon lange hätten die global führenden Politiker sich drohenden atomaren Gefahr und dem sich fortsetzenden Klimawandel widmen können. Da sie dies nicht machen, sei jetzt die Zeit der Weltbürger angebrochen, das zu verlangen: #rewindtheDoomsdayClock. Die Regierenden würden reagieren, so wird die Hoffnung ausgegeben, wenn die Bürger darauf beharren. Und die Bürger könnten jetzt die "Macht des Internet" nutzen: "Sie können auf Fakten bestehen und Unsinn abwerten. Sie können verlangen, dass etwas getan wird, um die existentielle Bedrohung des Atomkriegs und des Klimawandels zu reduzieren. Sie können die Gelegenheit ergreifen, um die Welt sicherer und vernünftiger zu machen."

Damit wird allerdings auch eine Weltsicht transportiert, die problematisch ist. "Die da oben" sind letztlich diejenigen, die handeln können und müssen, der Rest der Menschen kann sie dazu nur nötigen, aber nicht selbst handeln. Überdies wird "denen da oben" fehlende Handlungsbereitschaft attestiert, während die Weltbürger irgendwie vernünftiger sein sollen. Allem Anschein nach sind sie das allerdings nicht. (Florian Rötzer)

Anzeige