"So groß ist das Misstrauen gegenüber den Medien nicht"

"Der Druck, der auf den Medien lastet, ist auf jeden Fall durch die Kritik an ihnen stärker geworden"

Das ist mir zu einfach. Theoretisch hört sich das sicherlich vernünftig an. Aber die Realität zeigt, dass es eben für einen Teil der Bürger alles andere als leicht ist, sich, wie Sie es sagen, einzubringen. Die Hürden, die einem Einbringen in den demokratischen Prozess im Wege stehen, finden sich an vielen Stellen. Es geht doch schon bei der Sprache los, also wenn man so will: Dem Instrument überhaupt, um seine Interessen zu artikulieren.
Wir haben in Deutschland ein starkes Bildungsgefälle. Viele Menschen beherrschen nicht die Sprache, die im öffentlichen Diskurs gehört wird. Wenn Sie sich mit ihrer Sprache zu Wort melden, werden ihre Äußerungen rasch zur Seite geschoben. Hinzu kommen all die Menschen, die in Strukturen eingebunden sind, die ihnen kaum die Möglichkeit geben, sich auch noch auf dem Feld der Politik zu betätigen.
Wer als Krankenschwester oder als Altenpflegerin arbeitet, dazu auch noch Familie hat usw., der dürfte kaum die Zeit haben, das zu leisten, was sie verlangen. Oder all die Menschen, die in prekären Verhältnissen leben. An einem Tag kann die Reparatur für das dringend benötigte Auto nicht geleistet werden, am nächsten wird die Wohnung aufgrund von Mietschulden gekündigt und am nächsten steht der Gerichtsvollzieher morgens um 8 Uhr vor der Tür. Das sind Realitäten, mit denen ein nicht unerheblicher Teil der Menschen in dem Land konfrontiert sind.
Oliver Decker: Natürlich muss man die Menschen auch in den Stand setzen, an der Demokratie teilhaben zu können. Aber ganz möchte ich auch die vielzitierte Krankenschwester nicht aus der Verantwortung lassen. Es ist doch nie so, dass die Bedingungen für den Einzelnen sich einzumischen optimal sind. Demokratie findet nur statt, wenn man hingeht und natürlich gleichzeitig auch ihre Spielregeln beachtet, nämlich: Auch den anderen mit seinem Standpunkt anzuerkennen.
Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Natürlich ist, beispielsweise, noch nicht ausreichend ins Bewusstsein getreten, was die Arbeitsmarktreformen für die tägliche Mitbestimmung bedeuten. Wenn ich weiß, dass ich im Zweifelsfalle nicht nur meinen Job verliere, sondern dann auch noch mit autoritären Behörden zu tun habe, die mich als Kunden betrachten, aber nicht als jemand mit Rechten, dann ist der Druck auch auf die betriebliche Mitbestimmung erheblich.
Lassen Sie uns an dieser Stelle die Beobachtung aufgreifen, die Sie vorhin erwähnt haben. Sie haben gesagt, dass das Internet die Hoffnung, die in dieses neue Medium gesetzt wurde, nicht erfüllt habe. Nämlich: Auch durch das Internet sei es jenen Menschen, die kein Gehör in der Öffentlichkeit finden, nicht möglich, in das öffentliche Meinungsbild vorzudringen. Dieser Gedanke führt doch genau zu dem, worüber wir gerade reden.
Sie sagen, der Bürger möge sich doch bitte einbringen. In dieser Gesellschaft gibt es legitime und illegitime Diskursplätze. Die großen Polit-Talkshows sind legitime Plätze der Diskussion. Was dort zu hören ist, wird symbolisch aufgeladen und aufgewertet. Das Gesagte greifen andere Medien auf, es fließt mit in den Diskurs ein. Was aber irgendein "einfacher Bürger" auf seinem kleinen Blog mit vielleicht ein paar hundert Lesern sagt, spielt in aller Regel an den entscheidenden Stellen des Diskurses keine Rolle.
Die Einlasskontrollen zu den legitimen Diskursplätze sind streng. Personen, die unliebsame Meinungen vertreten, will man dort nicht sehen. Da wird plötzlich eine Macht sichtbar, der sich der Einzelne nicht so einfach entgegenstellen kann - selbst wenn er es wollte. Sie sagen: Den Ball liegt eher auf Seiten der Bürger. Man könnte auch sagen: Der Ball liegt auf Seiten der Medien. Sie müssten bereit sein, den engen Meinungskorridor aufzubrechen.
Oliver Decker: Ich sehe nicht, dass wir uns an diesem Punkt widersprechen. Das sind nur unterschiedliche Ansatzpunkte.
Der Druck, der auf den Medien lastet, ist auf jeden Fall durch die Kritik an ihnen stärker geworden. Denken wir nur einmal an die Berichterstattung über Griechenland während der Finanzkrise. Die Berichterstattung in den deutschen Medien tönte frappierend gleich, nahezu alle Nachrichten stießen ins selbe Horn: Dort die faulen Südländer, die sich ihr schönes Leben erschwindeln, hier die seriösen, hart arbeitenden Deutschen, die sich den Gürtel enger schnallen, wenn es für das Gemeinwohl notwendig ist.
Aber das Problem ist, dass es für diese Nachrichten auch einen Resonanzraum gibt, sonst würde eine derartige Verzerrung der Realität viel schneller auffallen. Wir leben in Zeiten einer autoritären Staatlichkeit, mit Verweis auf die nationale Wirtschaft können nicht nur Opfer verlangt werden, sie werden auch bereitwillig erbracht, siehe Arbeitsmarktreformen. Aber das hat Verrechnungskosten: Das Ventil sind die autoritären Aggressionen gegenüber denen, die scheinbar das schöne Leben haben. Erst Griechen dort, dann Migrant/innen hier. Wer mündig sein will, muss aus diesem Kreislauf ausbrechen. Deswegen betone ich die Verantwortung der Menschen.
Und dann gibt es natürlich selbst bis in die liberalen Medien und bei leitenden Medienmachern Vorstellungen, die im Grunde genommen elitaristisch sind. Da herrscht die Einstellung vor: Informationen gut und schön, aber wir haben auch einen Auftrag, bestimmte Informationen aus unserem Staatsverständnis heraus zu forcieren und andere nicht. Da muss man definitiv die konkreten Journalisten in die Pflicht nehmen und sie auf ihr Handeln aufmerksam machen. (Marcus Klöckner)
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