"So wichtig wie die Toilette"

Foto: Heartbeaz. Lizenz: CC BY 2.0

München, Berlin und die Bahn haben unterschiedliche Pläne zur WLAN-Versorgung von Fahrgästen

Der öffentliche Nahverkehr in München funktioniert mittlerweile so schlecht, dass sich sogar die Süddeutsche Zeitung darüber beschwert: Am Flaschenhals Sendlinger Tor blockieren sich beispielsweise Massen von Fahrgästen aus den vier U-Bahn Hauptlinien morgens und abends gegenseitig - und die Linien U3 und US kriechen ab der Implerstraße regelmäßig nur noch im Stop-and-Go-Verfahren weiter.

Es gibt nicht wenige Fahrgeäste, die das anscheinend aggressiv macht. Womöglich auch deshalb, weil im Untergrund zwischen Harras und Münchner Freiheit und zwischen Scheidtplatz und Giesing zwar theoretisch Mobilfunk-Signale vorhanden, aber dauerhaft so ausgelastet sind, dass sich zur Ablenkung vom Dauerwarte-Ärger meist weder eine Mail noch eine Website abrufen lässt. Das zeigt, dass das Argument der alten rot-grünen Stadtregierung, man brauche kein WLAN in der U-Bahn, weil die Mobilfunkanbieter ihre Netze ausbauen und das Problem privat lösen würden, nicht funktioniert hat.

Trotzdem hat die neue rot-schwarze Stadtregierung bislang nur einen WLAN-Test angeordnet. Und dieser Test kann durchaus den Eindruck vermitteln, nicht ganz ergebnisoffen aufgebaut zu sein: So testet man das WLAN nicht etwa in einer der U-Bahnen im Kernbereich, in denen kein Mobilfunkzugriff mehr läuft, sondern stattdessen lediglich in zehn Bussen, die irgendwann 2017 geliefert werden sollen.

Die MVG testet also oberirdisch, wo es vielerorts bereits eine ganz passable LTE-Versorgung gibt. Zudem werden Busse in München hauptsächlich für eher kurze Strecken genutzt: Für zwei oder drei Stationen, mit denen man von der Wohnung zu einer U-Bahn-Station und zurück fährt. Ebenfalls eher kurz verweilen Fahrgäste am U-Bahn-Hof Münchner Freiheit, wo es einen Punkt-Testbetrieb gibt. Dass das WLAN-Angebot hier von den Fahrgästen deutlich weniger genutzt werden wird als beispielsweise auf den Strecken U6 oder der U2, ist deshalb absehbar.

Ein Hintergrund für diesen seltsamen Testaufbau könnte sein, dass der Wirtschaftsausschuss der Abendzeitung zufolge die Münchner Verkehrsgesellschaft MVG zum WLAN-Testbetrieb zwingen musste. Die MVG droht immer noch mit einer Millionensumme, welche eine WLAN-Versorgung angeblich kosten würde. Und mit Preiserhöhungen, die es in der Vergangenheit allerdings auch ohne Internetangebote pünktlich jeden Herbst gab.

Letzte Woche stellten die beiden ALFA-Stadträte Fritz Schmude und André Wächter eine bislang unbeantwortete Anfrage, mit der sie Antworten darauf bekommen wollen, ob der im Oktober ausgewechselten MVG-Führung bewusst ist, dass "ein großer Menschenandrang zwangsläufig […] mit einem großen Andrang auf die Netze der Mobilfunkbetreiber [einhergeht] und es deshalb "trotz Ausbaubemühungen Engpässe beim Empfang mit Mobilfunkgeräten im Münchner Untergrund und auch teilweise in Bus und Tram" gibt.

In einem davon getrennten Antrag wollen die beiden Stadträte außerdem wissen, warum trotz dauernder Maschinenschäden bei den alten mehrere neue C2-U-Bahn-Züge seit Jahren "auf irgendwelchen Wartegleisen [herumstehen] und [...] vor sich hin [verrotten], wann "endlich die Inbetriebnahme [erfolgt] und "was ist bei der nächsten Ersatzbeschaffung von Zügen angesichts dieser Problematik zu erwarten [ist]."

Auch in Berlin, wo der öffentliche Nahverkehr - vorsichtig formuliert - ebenfalls nur bedingt zufriedenstellend funktioniert und wo man mit Telekom und Vodafone noch über GSM ins Internet muss, führt die örtliche Verkehrsgesellschaft BVG ihre Versorgungstests weniger zögerlich durch: Inzwischen gibt es dort Hotspots an über 60 Bahnhöfen - darunter Mehringdamm, Möckernbrücke, Gleisdreieck, Alt-Tempelhof, Hausvogteiplatz, Bülowstraße, Rosa-Luxemburg-Platz, Nollendorfplatz, Zoologischer Garten, Rathaus Spandau, Hermannplatz, Leopoldplatz, Wittenbergplatz, Kurfürstendamm und Stadtmitte - teilweise allerdings nur auf einer Geschossebene.

Um über das BVG-Angebot Mails oder Websites abzurufen müssen Fahrgäste das WLAN-Netz "BVG Wi-Fi" auswählen, den Browser öffnen und die Nutzungsbedingungen absegnen. Benutzername und Passwort sind nicht nötig. Danach verbinden sich mobile Geräte überall dort automatisch, wo ein BVG-Wi-Fi-Signal verfügbar ist. Nutzt ein Fahrgast das BVG-WLAN sieben Tage lang nicht, muss er diese Anmeldung wiederholen.

Wie sehr ein verfügbares WLAN bei Verspätungen entspannt, kann man bei der Bahn feststellen, wenn man dort in der 1. Klasse und mit den richtigen Zügen fährt. Auf Druck von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und vieler Kunden (für die WLAN seinen Worten nach "mittlerweile so wichtig [ist] wie die Toilette"), hat Bahnchef Rüdiger Grube jetzt angekündigt, das Angebot am 1. Januar 2017 auch auf die 2. Klasse auszudehnen - allerdings nicht für Regionalzüge, für die man die Bundesländer in der Verantwortung sieht.

Außerdem soll eine Volumenbeschränkung gelten, über deren Umfang noch nichts näheres bekannt ist. Wer Filme streamen will, wird auf die Firma Maxdome verwiesen, die ihre Filme und Serien auf lokalen Servern in den Zügen anbieten möchte. Durch den Austausch alter GSM-Repeater in den "meisten Zügen" bis 2018 will man den Fahrgästen außerdem ein unterbrechungsfreieres Telefonieren gewährleisten.

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