Social Business: Im Kreuzfeuer zwischen überzogener Rendite und gescheitertem moralischen Anspruch

Friedensnobelpreisträger Yunus, Gründer der Grameen Bank für Mikrokredite, der "Bank der Armen", wurde entlassen

Die Gerüchteküche kochte bereits seit längerem. Als "Bankier der Armen" wurde er mit dem Friedensnobelpreis geehrt, dann brachte Muhammad Yunus mit seinen politischen Ambitionen die Premierministerin gegen sich auf. Derartige Erklärungsansätze sind aber nur eine unter vielen denkbaren Versionen. Derweil wehrt sich der Geschasste mit allen rechtlichen und politischen Mitteln.

Bangladeschs Zentralbank entließ Muhammad Yunus als Direktor der von ihm gegründeten Grameen Bank für Mikrokredite, ließ etwa Nachrichtensender n-tv trocken unter der Überschrift Nobelpreisträger gefeuert verlauten. Ganz so einfach fällt die Bewertung dieses einmaligen Vorgangs freilich nicht, zumal der Entlassene aus verständlichen Gründen rechtlich dagegen vorgeht und auf Wiedereinstellung klagt. Fächern wir die Historie etwas genauer auf: Hinter dem schillernden Begriff "Social Business" gab es auch mit Blick auf das Leuchtturmprojekt Grameen Bank (deutsche Präsenz) immer wieder persönliche Intrigen, bis hin zu einer politischen Korruption im Heimatland Bangladesh, die ihresgleichen sucht.

Muhammad Yunus. Bild: muhammadyunus.org

In Rede stehen daneben buchhalterische Unregelmäßigkeiten, deren Wahrheitsgehalt allerdings angesichts des Ausmaßes an politischer Einflussnahme im Heimatland zumindest angezweifelt werden darf. Machen wir die dortigen Umstände deshalb an einem konkreten Beispiel fest. Die Börse in Bangladesch hatte 2010 fulminante Kursgewinne verzeichnet. Die Kurse waren um über 80 Prozent gestiegen. Anfang Dezember vergangenen Jahres war der Leitindex plötzlich wieder um 27 Prozent gefallen. Was war passiert? Auslöser war laut Reuters oberflächlich betrachtet unter anderem die staatliche Maßnahme zur Abkühlung des Marktes, darunter eine Erhöhung der Eigenkapitalrücklagen von Banken. Daraufhin hatten mehrere Tausend wütender Investoren in Bangladesch randaliert, um gegen massive Kursverluste an der Börse zu protestieren.

Das Problem ist der extrem hohe Grad an Korruption. Bangladesch liegt auf den letzten Plätzen im Corruption Perceptions Index, der von Transparency International veröffentlicht wird. Graduelle Verbesserungen sind übrigens nicht erkennbar, beleuchten zahlreiche Reports, wie es etwa die OECD immer wieder bestätigt. Könnte deshalb sogar der Vorwurf zutreffen, dass im oben beschriebenen Börsenszenario in einem von reichlich Korruption durchzogenen Gemeinwesen betrügerische Händler und der Staat "gemeinsam Kasse gemacht haben"? Zumindest scheint diese Vermutung nicht ganz abwegig zu sein, weshalb die dort existenten Umstände den Vorgang der Entlassung von Muhammad Yunus in ein deutlich vielschichtigeres Flutlicht hüllen.

Auch in einschlägigen Finanzkreisen wird der Vorgang um den entlassen Mikrokredit-Pionier intensiv diskutiert. So kommentiert der Geschäftsführer einer Investmentfirma auf Wallstreet online unter der Überschrift Warum trifft es immer die Guten?:

Der wahre Grund ist seine Kritik an der Regierung und konkret an Regierungschefin Sheikh Hasina Wajed. Auch wenn vieles dafür spricht, dass die Zentralbank und Regierung "mit Wucherzinsen für die Grameen Bank, das Blut der Armen aussagen will" so der Vorwurf von Yunus, wird so was in dieser bankenfreundlichen Welt nicht gern gehört. Und so wird ein erfolgreicher Konkurrent und eine Gefahr auch für wie westlichen Banken eiskalt erledigt.

Wallstreet online

Etwas anderes ist neben den vermutlich von politischer Geisterhand gelenkten Vorwürfen weit gravierender: Die verwässerten Richtlinien zwischen einem Social Business, das sich immer wieder an der Grenzlinie zwischen wundersamer Geldvermehrung und der profitlosen Nachhaltigkeit aufgerieben hat. Kurzum, Geld und Moral sind, salopp ausgedrückt, schwer unter einen Hut zu bekommen, und wenn ja, dann ist es ein permanenter Drahtseilakt für die Akteure. Bereits in einem früheren Beitrag (Social Business/Social Entrepreneur) hat der Autor dieses Artikels den schmalen Grat skizziert, auf dem sich die Macher bewegen. Wie unternehmerisch kann und darf das Geschäft mit sozialen Werten sein? Mit dieser brennenden Frage dürfte sich auch das Who-is-Who der Szene auf dem diesjährigen Vision Summit im April in Potsdam intensiv auseinandersetzen.

Sicherlich bleibt die Grundidee von Social Business weiter bestehen, die da lautet, die sozialen Rahmenbedingungen von Armen in den Entwicklungsländern durch eine aktive Anschubfinanzierung weiter zu verbessern. Aber es sind vor allem die vielen Trittbrettfahrer, die den vermeintlich "guten" und seriösen Anbietern zunehmend das Leben erschweren. Von der buchstäblich "tödlichen" Abzocke mit Mikrokrediten ist beispielsweise in einer Reportage vom ARD-Weltspiegel die Rede.

Nicht wenige Kreditnehmer wissen schließlich keinen anderen Ausweg mehr als sich umzubringen, das sollte nicht bagatellisiert werden. Sie laufen skrupellosen Geschäftemachern in die Arme, die nur eines im Sinn haben, die Ohnmacht der Hilfesuchenden für sich auszunutzen.

Auf der Website der Grameen-Bank wird eine glückliche Kreditnehmerin präsentiert: Bild: Grameen

Andererseits verteidigen selbst die klassischen Investmentbanken den konzeptionell aus ihrer Sicht richtigen Ansatz von Social Business zur Armutsbekämpfung. Allen voran die Deutsche Bank, die Ende Januar etwa in einem Grundsatzpapier folgendes ausführt:

Aus unserer Sicht hat die Mikrofinanzierung immer zwei Komponenten – eine wirtschaftliche und eine gesellschaftliche. Wie bei einer DNA sind beide eng miteinander verknüpft", erklärt Asad Mahmood, Managing Director Global Social Investement Funds der Deutschen Bank in New York. "Wir betrachten Mikrofinanzierung und unsere anderen sozialen Investitionen weder als rein kommerzielles Geschäft noch als rein karitative Wohltätigkeit, sondern als innovative, hybride Produkte, die sowohl wirtschaftliche als auch soziale Aspekte miteinander verbinden.

Deutsche Bank

Wer das Papier bis zum Ende durchgelesen hat, wird allerdings im Kleingedruckten feststellen, dass gerade dort der Teufel sitzt. Denn zu einer Begrenzung der Kreditzinsen, vielleicht das wichtigste Druckmittel gegen allzu gierige Finanzhaie, konnte sich selbst die mit allerlei Verhaltensmaßregeln (Corporate Governance) ausgestattete Deutsche Bank nicht durchringen.

So bleibt das Bemühen um staatliche Kontrolle und Reglementierung von Auswüchsen, analog zur übrigen Finanzindustrie, auch hier ein kalter Tropfen auf den heißen Stein. Die Deutsche Bank begründet die Ablehnung einer Zinsbeschränkung mit einem oberflächlich plausiblen Argument:

Unter dem Strich betrachtet würde eine Zinsdeckelung dazu führen, dass viele Menschen keinen Zugang mehr zu Mikrokrediten bekommen und dann auf traditionelle Geldverleiher im informellen Sektor angewiesen sind, bei denen sie noch deutlich höhere Kosten haben.

Deutsche Bank

Ist der Widerspruch zwischen einem nicht kostendeckenden Satz und dem blankem Zinswucher wirklich nicht aufzulösen? In diesem Fall kann es wohl der freie Markt allein nicht richten, denn der ist ausgesprochen gefräßig und nimmt sich, soviel er kriegen kann.

Ganz so einfach wie das führende deutsche Geldinstitut kann man es sich also wohl kaum machen, um dieses sensible Metier allein dem Spiel der selbst regulierenden freien Märkte zu überlassen. Ein bloßer Verweis, die eigenen Mikrofinanzinstitutionen (MFI) durch interne Leitlinien auf "marktkonforme Zinsgestaltung" hin zu überprüfen, wie es bei der Deutschen Bank geschieht, dürfte jedenfalls deutlich zu kurz gesprungen sein.

Allgemein verbindliche Verkehrsregeln gibt es auf jeder Verkehrsstraße. Und meist halten sich die Teilnehmer daran, spätestens dann, wenn sie hin und wider mal ein Bußgeld berappen. Wenn es keinen Sanktionsmechanismus für Kredithaie gäbe, dann werden mit den Schlechten gerade die seriösen Anbieter wie das Kind im Bade ausgeschüttet. Dann stirbt jedoch auch die denkbar bessere Lebensperspektive eines Menschen vor Ort, und möglicherweise wird sogar eine an sich gute Idee gleich mit ins Abseits befördert.

Was längerfristig erfolgversprechend wäre, sind folglich keine vagen, wie auch immer von oben verordneten Kontrollinstanzen. Letztlich müssten dezentrale Elemente vor Ort und parallel von außen – von unabhängigen Gutachtern initiiert – die Qualität der Mikrofinanzakteure fortlaufend unter die Lupe nehmen. Sie müssten sicherstellen, dass hier handwerklich sauber und solide gearbeitet wird, zum Vorteil beider Seiten. Denn auch die Kreditnehmer mogeln immer wieder, so analysiert die Frankfurter Rundschau den Vorgang.

Verlässliche Prüfinstanzen zu etablieren, das ist allerdings ein äußerst aufwändiger Prozess, das wissen auch die unseriösen Spieler. Für den prominentesten Vertreter von Social Business, die Grameen Bank, dürfte die Entlassung des weltweit angesehenen Sympathieträgers einen herben Einschnitt bedeuten. Das weltweit führende Mikrofinanzinstitut schickte sich immerhin gerade an, auf dem amerikanischen, aber auch auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen. Andererseits könnte die Thematik jetzt auch stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken, so dass der allgemeine Regulierungsbedarf erkannt wird.

Ist am Ende für die Kehrseiten rund ums Social Business mit Yunus eine Art "Sündenbock" und Blitzableiter gesucht worden? Diese Frage wird nicht ganz leicht zu beantworten sein. Zum Abschluss dieses Beitrags bedienen wir uns deshalb eines Zitates, das auch in Finanzkreisen immer wieder gerne heran gezogen wird:

Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht stets ihr Opfer.

Gustave Le Bon, Begründer der Massenpsychologie

Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören Umwelttechnik, Informationstechnologie und Managementthemen. Mit Kommunikationsabläufen und neuen Organisationsformen in der Bankenszene hat sich der Autor in zahlreichen Aufsätzen beschäftigt. Im Mai 2010 erschien von Lothar Lochmaier das Telepolis-Buch: Die Bank sind wir - Chancen und Zukunftsperspektiven von Social Banking. Er betreibt außerdem das Weblog Social Banking 2.0.

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