Sofortige (Selbst-) Befriedigung immer und überall?

Wird "Porncasting" die Killerapplikation für den neuen Video-Ipod?

Sex sells: Pornofilme haben angeblich schon den Videorekorder und das Internet erfolgreich gemacht. Und während sich die Marktforscher noch überlegen, wofür der neue videotaugliche Ipod eigentlich gut sein soll, werben die ersten einschlägigen Webseiten damit, dass der arme geplagte User zukünftig nicht mehr nächtelang auf Webseiten herum klicken muss, sondern alles frei Haus zum bequemen Genuss in der U-Bahn geliefert bekommt.

Vor einigen Wochen war der rosafarbene "Ipod Erotica" noch ein Gag. Dann kam der Ipod Video, und nun wird aus dem Jux ein Geschäft: Ernsthafte Spielfilme dürfen auf dem leuchtenden und farbstarken, doch nur zweieinhalb Zoll (6,35 cm) großen Display zwar wenig Freude machen, doch weit kürzere und deshalb auf dem kleinen Display nicht ermüdende Musikvideos wären möglich. Apple verkauft in seinem Itunes Music Shop deshalb mittlerweile auch Musik mit Bild und Kurzfilme, die auch auf dem kleinen Display nicht ermüden.

Parodie: „Stelle dir vor, du könntest von New York nach Paris fliegen und hättest immer noch Stunden der Masturbation übrig, während du den Champs Elysées herunterspazierst...“

Doch auch eine andere Sorte Kurzfilme pflegt nicht zu ermüden – zumindest nicht während dem Anschauen – und neben den Pornos, die in Spielfilmlänge einen ebensolchen Anspruch erheben, gab es immer jene Kurzfilme, die gerade im Internetzeitalter wieder häufiger worden sind und nur einzelne Szenen zeigen: jene, um die herum im "langen Porno" eine Rahmenhandlung oder eine Ansammlung anderer Kurzszenen gestrickt wird.

Der „Icht will alles, und zwar sofort"-Generation kommt der Kurzfilm natürlich entgegen, der lange ermüdende Filmhandlungen erspart und gleich zur Sache kommt. Zwei, drei davon angeklickt und der Fall ist erledigt. Allerdings nur, wenn man am Computer ungestört ist.

Und so lächerlich die kleinen Wackelbildchen auf dem Ipod auch wirken mögen: Das Kultobjekt ist bislang unverdächtiger als ein Computer und lässt sich überallhin mitnehmen, wo man ungestört ist. Das Bedürfnis besteht offensichtlich, denn obwohl der Anruf bei Sexhotlines vom Mobiltelefon aus noch deutlich teurer ist als aus dem Festnetz, sind Handyanrufe bei solchen Diensten deutlich in der Überzahl. Wer will schon im Büro oder von Eltern, Kindern oder Partnern in Flagranti mit sich selbst erwischt werden?

Dabei setzt die Erotik Branche inzwischen auch auf den Faktor Komfort: Statt sich stundenlang die entsprechenden Bilder und Filmchen zusammen klicken und abspeichern zu müssen, sollen "Porncast" getaufte Videopodcasts den Mann von Welt täglich mit den neuesten nackten Tatsachen versorgen. Nach dem schon die erotische Hörspielkassette mit entsprechenden Audiopodcasts ein Revival erlebt hat, soll es nun halt statt dem regelmäßig aufgezeichneten "Verliebt in Berlin", "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" oder "Sex and the city" Fortsetzungsserien der etwas direkteren Art geben.

Ernst gemeint: „Wir bringen Ihnen Pornos frei Haus!“

Erste Angebote locken mit kostenlosen Filmchen, die allerdings entgegen der Versprechungen nicht direkt auf dem Ipod laufen, sondern nur auf dem normalen Computer. Will man sie Ipod-tauglich machen, muss man sie beispielsweise mit dem Apple-eigenen Mini-Videoeditor Quicktime Pro der neuesten Version langwierig in das Ipod-eigene Filmformat umsetzen. Selbst für eine nur 30 Sekunden lange Szene dauert das am Computer schon mal eine halbe Stunde.

Ob das die Vorfreude auf den späteren Genuss wirklich steigert? Doch selbst, wenn die Aufnahmen am Ende nicht bestimmungsgemäß eingesetzt werden, eignen sie sich immer noch zum Angeben unter gleich gesinnten Geschlechtsgenossen, während der Ipod selbst hierzu mittlerweile nicht mehr geeignet ist. (Wolf-Dieter Roth)

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