Solarenergie: Gibt es neuen Boom?

Neuer Rekord Samstag Mittag letzte Woche: Solaranlagen produzieren 72 Prozent des bundesweiten Bedarfs. Bild: PxHere

In den letzten sechs Monaten sind in Deutschland so viele Solaranlagen wie nie zuvor installiert worden.

Zur Abwechslung mal etwas Erfreuliches: Während der Ausbau der Windenergie weiter lahmt und dort immer noch Arbeitsplätze verloren gehen – übrigens ohne das sonst übliche Geschrei wirtschaftsnaher Politiker, das stets zu vernehmen ist, wenn es um die 20.000 Jobs in der Braunkohle oder die rund 6.000 in den Steinkohlekraftwerken geht – tut sich bei der Solarenergie Beachtliches.

Wie der Fachinformationsdienst IWR aus Münster unter Berufung aus die Bundesnetzagentur berichtet, sind im ersten Halbjahr Solaranlagen mit einer Leistung von 3,9 Gigawatt ans Netz gegangen.

Hält dieses Tempo an, würde 2022 der bisherige, 2012 erreichte Ausbaurekord überboten. Das lange Tal des Jammers, in das die Solarbranche 2011 von der schwarz-gelben Regierung unter der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit einer zu schnellen Absenkung der Einspeisevergütung gestürzt wurde, scheint endgültig durchschritten.

3,9 Gigawatt ist etwas mehr als die Leistung von zweieinhalb großen Atomkraftwerken. Allerdings liefern Solaranlagen nur etwa 1000 von 8760 Stunden im Jahr Strom, Atomkraftwerke hingegen etwa 7000 Stunden. Daher sind, um die gleiche Menge Strom wie 2,5 AKW mit 1,4 Gigawatt Leistung zu erzeugen, Solaranlagen mit einer Leistung von 24,5 Gigawatt nötig.

Oder mit anderen Worten: Die inzwischen 64 Gigawatt Solarleistung auf deutschen Dächern und Feldern ersetzen derzeit sechs bis sieben Atomkraftwerke, Tendenz jetzt endlich wieder rasch zunehmend. Im ersten Halbjahr 2022 haben Solaranlagen 12,2 Prozent zur öffentlichen Nettostromerzeugung beigetragen, Atomkraftwerke hingen nur 6,3 Prozent, wie man hier sehen kann.

Viele Kleinanlagen

Natürlich sind Solaranlagen nur bedingt steuerbar und bedürfen sowohl des Einsatzes von Speichern als auch anderer Energieträger. Zum Glück ist aber die Windenergie eine komplementäre Ergänzung. Windstrom fällt hauptsächlich in Herbst und Winter an, wenn Solaranlagen wenig liefern.

Interessant ist an den Daten der Bundesnetzagentur (Excel-Tabelle, Ausbauzahlen für Juni noch nicht eingetragen) auch die Struktur der neuen Anlagen. Offensichtlich wird der neue Solarboom bisher vor allem von Kleinanlagen auf Hausdächern getragen. Für größere Anlagen bedarf es einer umständlichen Beteiligung an einem Ausschreibungsverfahren, um eine garantierte Einspeisevergütung zu bekommen.

Und schließlich noch ein neuer Rekord: Am vergangenen Samstag haben Solaranlagen nach Angaben des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme zwischen 12:00 und 14:15 Uhr über 38 Gigawatt ins öffentliche Netz eingespeist und damit zu dieser Zeit rund 72 Prozent des bundesweiten Bedarfs gedeckt.

Da aber die schwerfälligen Atom- und Braunkohlekraftwerke teils weiter laufen und in den Nachbarländern der Strom teurer war, ist zu dieser Zeit eine größere Menge elektrischer Energie ins westliche Ausland verkauft worden. (Wolfgang Pomrehn)