Soldaten sollen als Lehrer an die urbane Heimatfront

In Großbritannien ist eine Modellschule mit militärischem Drill und Nulltoleranz gegenüber Ungehorsam geplant, ausschließlich ehemalige Soldaten sollen Lehrer sein

Die Unruhen und Plünderungen in den Städten wurden von der britischen Regierung als kriminell bezeichnet und auf mangelnde Disziplin, Moral und Verantwortung zurückgeführt (Moral, Strafe und Disziplin nur für die Gangs da unten). Als Reaktion setzte man, wie auch schon die Labour-Regierung zuvor, auf strenge Strafen und härteres Vorgehen (Großbritannien: "Raserei der Urteile") und auf den "Krieg gegen die Gangs und die Gangkultur", wozu auch gehört, Kinder strenger zu erziehen und ihnen "Disziplin, Pflicht und Anstand" zu lehren. Schon jetzt heißt es in den Schulregeln, heißt es, es sei "nicht immer zu vermeiden, dass Schüler verletzt werden", wenn für Ordnung gesorgt werden müsse ("Es ist nicht immer zu vermeiden, dass Schüler verletzt werden").

Dass Regierungschef Cameron damit nicht alleine steht, sondern dass der Drill als Heilmittel in der Erziehung und in der Gesellschaft und nicht vielleicht als Teil des Problems gesehen wird, machen Pläne und Vorschläge deutlich, die Ordnung in Schulen durch "Lehrer" herzustellen, die aus dem Militär kommen und so wissen, wie man Menschen drillt und zum gehorsamen Verhalten bringt, selbst wenn sie ihr Leben riskieren. Schon Cameron hatte damit gedroht, das Militär einzusetzen, um Unruhen zu unterdrücken.

Nun schlägt das konservative, von Margaret Thatcher 1974 mitgegründete Centre for Policy Studies (CPS), das für eine "freie Gesellschaft" und die individuelle Verantwortung eintritt, in einem Bericht mit dem Titel Something Can Be Done vor, dass man doch präventiv handeln könne: "Bevor man die Soldaten auf die Straße schickt, sollten wir überlegen, sie an unsere Schulen zu schicken." Dort könnten sie mehr erreichen und Schlimmeres verhindern.

Die Leistung unserer Truppen in Afghanistan und anderswo unterscheidet sich im krassem Gegensatz von dem Mob, der sich kürzlich in unseren Straßen herumgetrieben hat.

Als Vorbild wird das US-amerikanische Programm Troops to Teachers genannt, mit dem ehemaligen Soldaten zu einer zweiten Karriere als Lehrer verholfen werden soll. Nach CPS habe sich das Programm an Schulen in Innenstadtbereichen bewährt und Wunder vollbracht. Ex-Soldaten ohne entsprechende Vorbildung hätten sich hier genauso gut bewährt, so der Mitautor Tom Burkard, wie solche, die als Lehrer ausgebildet waren. Das soll nun für die britischen Städte auch realisiert werden, man will nur konsequenter sein und sieht nach den Unruhen dafür die besten Chancen.

Mit einer freien, aber staatlich geförderten Schule in Manchester, die in zwei Jahren ihre Türen öffnet, soll der Anfang gemacht werden. Hier sollen ausschließlich ehemalige Soldatinnen und Soldaten Lehrer werden, eben auch solche ohne Ausbildung als Lehrer, was an freien Schulen möglich ist. Wie Lord Guthrie, bis 2001 Chief od Defence Staff und Patron des Schulprojekts, schreibt, sind die militärischen Tugenden, an erster Stelle "Selbstdisziplin, Respekt gegenüber Anderen und die Fähigkeit, zuhören, lernen und sich einer Hightech-Armee anapassen zu können", auch die richtigen, um "gute Bürger" zu erziehen. Falls es wieder einmal zu Unruhen kommen sollte, dann würden die die militärisch gedrillten Schüler daran nicht teilnehmen, wird geworben.

Die Phoenix Free School ist als staatliche Sekundärschule für 11-18-Jährige gedacht. Und sie soll als Modell für weitere Schulen fungieren, wenn sie erfolgreich mit ihrem militärischen Drillprogramm ist. Wie der "einzigartige" Ansatz aussieht, machen schon die Prinzipien klar. "Moralischen Relativismus" gibt es natürlich nicht, dafür werden die "höchsten Verhaltensmaßstäbe" durchgesetzt. "Nulltoleranz bei Ungehorsam" wird mit schnellen Strafen durchgesetzt. "Rigorose Alphabetierungsprogramme" sollen dafür sorgen, dass die Kinder nach einem Jahr flüssig lesen können. Ein kämpferischer Wettkampfgeist soll auch herrschen, dafür sollen vor allem fordernder Sport sorgen. Und alle sollen die Möglichkeiten haben, Hervorragendes zu leisten, weswegen die Schüler aus "ihrer natürlichen Bequemlichkeitszone" herausgestoßen werden sollen.

AK Burki, einer der beiden Autoren des Berichts ist Captain in der britischen Armee, hat in Kabul afghanische Soldaten ausgebildet und arbeitet nun im Afghan Counterinsurgency Center. Möglicherweise geht es ihm weniger darum, Schüler militärisch auszubilden und die Aufmüpfigen als Terroristen zu bekämpfen, sondern um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Die britische Regierung plant nämlich die Entlassung von Tausenden von Soldaten, um die hohe Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen. Und mit vielen solchen Schulen wie die Phoenix Free School könnte man die aus Afghanistan heimkehrenden Soldaten gleich an die nächste Front schicken, in die innerstädtischen Schulen.

Das Konzept der freien Schulen, die staatliche Unterstützung erhalten, aber von Eltern, Organisationen oder Firmen gegründet und betrieben werden können und nicht dem Curriculum der staatlichen Schulen unterworfen sind, ist Teil der von der Regierung unter dem Schlagwort der "Big Society" betriebenen Privatisierung bislang staatlicher Aufgaben, womit man einen schlanken Staat und die Verringerung von Ausgaben erreichen will. Für Mary Bousted, Generalsekräterin des Lehrerverbands Association of Teachers and Lecturer, ist es eine Schnapsidee, Ex-Soldaten ohne Lehrerausbildung in Schulen zu beschäftigen. Es sei lächerlich zu glauben, dass die Kenntnisse, die man auf dem Schlachtfeld, bei Manövern oder Übungen erworben habe, ohne weitere Ausbildung einfach für die Lehre an Schulen übernehmen könne.

Bislang wurden 24 freie Schulen vom Bildungsministerium anerkannt, zwei haben bereits ihre Türen geöffnet. Eigentlich gedacht, um Probleme in unterprivilegierten Stadtvierteln zu verbessern, befinden sie sich meist in Mittelschichtsvierteln.

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