Soleimanis "untold facts"

Bild: Khamenei.ir / CC-BY-4.0

Soleimani gab der Webseite des iranischen Staatsoberhaupts im letzten Herbst ein Interview. Heute kann es als sein politisches Testament gelesen werden

Im Iran-Konflikt habe die "Stunde der Amateure" geschlagen, findet Klaus Brinkbäumer in einem Leitartikel für Die Zeit. Damit meint der Autor US-amerikanische und iranische Politiker, die in der jüngsten Vergangenheit gravierende Fehler begangen hätten. Leider ist die Amateurliga auch in den Medien, speziell den deutschen, stark vertreten. Das ist beunruhigend, weil die Artikel überwiegend den Ton trafen, der den iranischen Machthabern gefällt. Mindestens galt das für die umfangreiche Berichterstattung in der ersten Januarwoche, die wegen ihrer Aktualität den spin-off des Ereignisses geprägt hat.

Demnach habe der US-Präsident seine Entscheidung, den Revolutionsgardisten Soleimani töten zu lassen, impulsiv getroffen, ohne Abwägung der Folgen, ohne Konsultation vernunftbegabter Berater und ohne eine erkennbare Strategie. Auf der anderen Seite wurde Soleimani zum zweitmächtigsten Mann des Iran und staatlichen Repräsentanten (Rolf Mützenich, SPD) im Rang eines Vizepräsidenten (Jürgen Trittin, Grüne) stilisiert. Folglich hätten die USA dem Iran faktisch den Krieg erklärt.

Dummheiten

Die in Europa vorherrschende Sicht fasste der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif mit dem Satz zusammen, die USA hätten eine Riesendummheit begangen. Implizit warnt er damit die europäischen Regierungen, ihrerseits keine Dummheiten zu begehen. Die Angesprochenen fühlten sich in ihrem Urteil über Donald Trump bestätigt und bemühten sich, die leise Drohung gegen sich selbst zu überhören.

Wenn Trump allerdings dermaßen deutlich als Idiot auszumachen ist, war es dann nicht auch eine Riesendummheit, ihn zu wählen, seine Wahl zu unterstützen oder sich Vorteile davon zu versprechen? Vor allem in Russland, mächtiger Verbündeter und Schutzmacht des Irans, war diese Dummheit verbreitet. Ebenso wie Putin hatte sich Ali Khamenei, Religions- und Revolutionsführer des Iran, für Trump und gegen Hillary Clinton positioniert. Auch er hätte demnach eine Riesendummheit begangen, die sich in seinem Fall nur so erklären lässt, dass er die Stimme des Gottes überhört hat oder dass Allah gar nicht zu ihm spricht.

Hingegen haben gerade diejenigen Europäer, die sich Tag für Tag iranischen Vorwürfen ausgesetzt sehen, sie würden sich den USA unterwerfen, seien zu schwach für eine eigene Politik und könnten nicht als zuverlässige Partner gelten, diesen Fehler nicht zu verantworten. Sie könnten Sarif bei seiner nächsten Tirade über die Dummheit in der Welt signalisieren, dass er sich einfach mal an die eigene Nase fasst.

Um nicht missverstanden zu werden: Ja, es ist richtig, dass die USA mit ihrem Raketenangriff vom 3. Januar internationales Recht gebrochen haben. Es ist richtig, dass die irakische Souveränität für sie ein Fremdwort ist, das in ihrer Entscheidungsfindung nicht vorkommt; dass sie es nicht für nötig halten, ihre Behauptung von einem bevorstehenden großen Angriff schiitischer Milizen, dem sie in Notwehr zuvorkommen wollten, durch irgendwelche Fakten zu belegen. Und es ist auch richtig, dass diese Art selbstherrlichen Handels US-amerikanischen Gepflogenheiten entspricht. Doch dabei handelt sich nur um einen kleinen Ausschnitt der Fakten, die zu der aktuellen Situation geführt haben.

Joe Biden, Vizepräsident in der Obama-Administration, der sich aktuell darum bewirbt, von den oppositionellen Demokraten als Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden, hat Trumps Vorgehen damit verglichen, eine Handgranate in ein Pulverfass zu schmeißen. Das Bild erreicht seine volle Aussagekraft allerdings erst dann, wenn man fragt, wer eigentlich das Pulverfass aufgestellt hat.

Pulverfässer

Tatsächlich gibt es im Nahen Osten eine Vielzahl von Pulverfässern, deren spektakulärstes, die Terrormiliz Islamischer Staat, die Welt ein halbes Jahrzehnt in Atem gehalten hat. Die Bekämpfung des IS hat der Iran genutzt, um seinerseits Pulverfässer zu platzieren, die Milizen Al-Haschd asch-Schabi im Irak, deren Kommandeur Abu Mahdi al-Muhandis zusammen mit Soleimani und fünf weiteren Kämpfern ums Leben kam, die schiitische Söldnertruppe in Syrien, die das Assad-Regime vor dem Untergang rettete, die Huthi-Rebellen im Jemen, der Islamische Dschihad im Gaza-Streifen. Dabei diente die libanesische Hisbollah, seit langem ein treuer Ableger Teherans, als Modell. Die Regierungen der genannten Staaten können es sich nicht leisten, gegen die Milizen vorzugehen; sie bilden einen Staat im Staat - ideale Voraussetzung, um irgendwann die ganze Macht zu übernehmen.

Das paramilitärische Netzwerk hat sich nicht spontan herausgebildet. Es wurde von der Auslandstruppe der iranischen Revolutionsgarden, der sogenannten Al-Quds Brigade, Stück für Stück geflochten. Mit einem Wort, es ist das Werk von Qassem Soleimani. Er handelte im direkten Auftrag von Ayatollah Khamenei und wurde im Iran vielfach für seine Erfolge gefeiert. Der oberste Führer brachte sein Wirken prägnant auf den Punkt: Soleimani habe sein Leben dem Dschihad gewidmet. So kommen wir dem Phänomen näher, ohne es schon verstanden zu haben.

Man stellt keine Truppe von mehreren tausend Iranern, Afghanen, Pakistanern, Libanesen und Irakern zusammen, um sie mit Verheißungen ewiger Belohnung im Paradies nach Syrien zu schicken. Sondern man zahlt ihnen einen attraktiven Sold. Man bindet keine 40 zerstrittenen irakischen Milizen mit Überzeugungsarbeit, gemeinsamen Gebeten und hässlichen Judenwitzen an sich. Sondern man bietet ihnen überlegene Waffen und SUVs in Militärausführung an. Man schafft Raketen in den Libanon und in den Jemen. Man liefert Öl an bedürftige Regierungen zu extremen Freundschaftspreisen. Soleimani hat enorme Mittel verteilt. Sie wurden von Khamenei persönlich bewilligt, aber sie tauchten in keiner offiziellen Buchhaltung auf.

Für die iranische Regierung unter Präsident Rohani ist das ein dauerndes Problem. Diese Ausgaben sind für sie weder planbar noch nachvollziehbar. In den staatlichen Bilanzen fehlen, in Dollars umgerechnet, acht- bis zehnstellige Beträge. Das Phänomen rangiert im Iran unter dem Titel "Korruption". In der Tat sind solche Verhältnisse ein idealer Nährboden für persönliche Bereicherungen. Doch die allgemeine Rede über Korruption lenkt den Volkszorn auf die Verfehlungen Einzelner statt auf die Defizite eines Systems, das ohne den Export seiner "Revolution" nicht existieren kann.

Soleimanis machtvolle Schattenarmee will unterhalten werden. Je größer und mächtiger sie wird, desto mehr Ressourcen verschlingt sie. Diese Mittel müssen von einer "Ökonomie des Widerstands" erwirtschaftet werden, die der Revolutionsführer dem Iran verordnet hat. Die Widerstandswirtschaft wird von den Revolutionsgarden kontrolliert und ist in wesentlichen Teilen eine Schattenwirtschaft, zwangsläufig, weil sie auf den klandestinen Ölexporten beruht, mit denen die Garden die westlichen Sanktionen unterlaufen. Unter solchen Umständen kann kein Staat effizient wirtschaften.

Veruntreuungen

Die sozialen Protestbewegungen im Iran sind sich dieser Zusammenhänge bewusst. Ihre Erkenntnisse gewannen sie gerade zu der Zeit, als die Sanktionen nach dem Abschluss des Wiener Atomabkommens aufgehoben wurden. Von den damals munter sprudelnden Einnahmen des Iran bekamen große Teile der Gesellschaft nichts ab. Stattdessen musste man zur Kenntnis nehmen, dass ein beträchtlicher Teil der 2015 freigegebenen Auslandsguthaben des Irans umgehend an die Revolutionsgarden überwiesen wurde.

Soleimani hat mehr Gelder ausgegeben als die Summe aller Verluste, die der iranischen Wirtschaft und dem iranischen Staat durch Korruption entstanden sind. Aus der Sicht des Regimes dienten sie einem heiligen Zweck. Aus der Sicht der Gesellschaft, die nicht um ihre Meinung gebeten wurde, handelt es sich um eine Veruntreuung gewaltigen Ausmaßes.

Auch deshalb war das Regime so angestrengt bemüht, dem Getöteten hohe und höchste Ehren zu erweisen. Die Erhebung zum Märtyrer wusch in einem Abwasch alles weg, was zuvor als Schmutz erkannt worden war. Die Revolutionsgarden vergewisserten sich ihrer Macht - einstweilen mit Erfolg.

Bei der massenhaften Trauer um Soleimani gab die Tochter des Generals mit wenigen pointierten Sätzen den Ton an. So fragte sie Rohani, als er der Familie einen Kondolenzbesuch abstattete, vor laufender Kamera: "Wer wird meinen Vater rächen?" Der provozierende Ton war nicht zu überhören: Du doch nicht, schien sie zu sagen, deine Regierung hat meinem Vater nur Steine in den Weg gelegt.

Rohani wollte souverän antworten: "Mach dir keine Sorgen", aber er fand am Ende nur eine nichtssagende Phrase: "Alle werden dafür bezahlen." Danach hatte die Tochter aber nicht gefragt. Sie wollte nicht wissen, wer die Rechnung bezahlt, sondern wer dafür sorgt, dass sie beglichen wird. Der Präsident ist ausgewichen, Zeinab Soleimani hat ihn vorgeführt - und scheinbar auch die Behauptung widerlegt, im Mullah-Regime hätten Frauen nichts zu sagen. Rohani ist angezählt. Ein anderer einflussreicher Politiker der letzten Jahre hat bereits seinen Rückzug angekündigt. Parlamentspräsident Laridschani will nicht noch einmal für dieses Amt kandidieren.

Zeinabs erster öffentlicher Auftritt war so überzeugend, dass sie tags darauf auf der Trauerkundgebung in Teheran einen vorgefertigten Text verlesen durfte. Weltweit wird sie nun mit dem Satz wiedergegeben: "Verrückter Trump, denke nicht, dass mit dem Märtyrertod meines Vaters alles vorbei ist." Doch das Zitat ist ein Schnitt. Wörtlich sagte die Tochter des Generals vor der riesigen Menschenmenge am 6. Januar: "Verrückter Trump, arrogant und ein Spielzeug des Zionismus, denke nicht, dass mit dem Märtyrertod meines Vaters alles vorbei ist" (siehe Video). Auf der englischen Webseite der Teheran Times klingt der Satz noch härter: "You crazy Trump, the symbol of ignorance, the slave of Zionists, don’t think that the killing of my father will finish everything."

Verrücktheiten

Ganz der Vater! Soleimani hat nie einen Zweifel darüber aufkommen lassen, wen er als seinen Hauptfeind ansah. Der Name seiner Brigade war sein Programm. Al Quds ist die arabische Bezeichnung für Jerusalem; dahin sollte ihn sein Dschihad mit der Hilfe von arabischen Verbündeten führen. Seine Tochter und mit ihr Millionen auf den Straßen iranischer Städte können sich den mächtigsten Mann der Welt nur als Marionette verborgener Drahtzieher vorstellen. Trump wäre gar nicht so schlimm, glauben sie, wenn er nicht von Zionisten gesteuert wäre.

Sehen wir den Realitäten rückhaltlos ins Gesicht. Die Köpfe der Revolutionsgardisten sind dermaßen verblendet, die religiösen Verkündungen ihrer Ayatollahs dermaßen manichäisch und die Gefühle der ihnen ergebenen Massen dermaßen primitiv, dass sie selbst in Situationen der Trauer auf die Urformel des Faschismus zurückkommen, die jüdische Weltherrschaft. Je absurder die These, desto mehr Anklang findet sie, wenn sie es nur versteht, zügellose Leidenschaften zu wecken und den angestauten Frustrationen ein greifbares Ziel zu bieten.

Tagesschau, ZDF heute, FAZ, Süddeutsche, Die Welt, Der Spiegel, New York Times, Guardian, BBC, Al Jazeera (en), um nur einige Medien zu nennen, zogen es vor, die gekürzte Fassung von Zeinab Soleimanis Worten zu senden bzw. zu drucken. Vielleicht wollten sie sich nicht zum Multiplikator antisemitischer Propaganda machen lassen. Vielleicht wollten sie ihre Erzählung von den ergreifenden Momenten der Trauer nicht stören, ihr Verständnis für die Emotionen der Massen nicht trüben. Im Journalismus gibt es viele Gründe, mal einen Halbsatz wegzulassen. Übrig bleibt das geschönte Bild einer Revolutionsgardistin, deren Wahrnehmung für die Normen der westlichen Öffentlichkeit frisiert wurde.

Ihr Vater hatte weniger ein ideologisches als vielmehr ein praktisch-militärisches Verständnis von Antisemitismus. Ihn interessierte, wie Israel zu besiegen wäre. Das geht aus einem langen Interview hervor, das er dem Archiv des Revolutionsführers gab. Seit 1. Oktober 2019 steht es auf Khameneis Webseite. Durch die aktuellen Ereignisse ist es gewissermaßen zum politischen Testament des Generals geworden. Zusätzliche Bedeutung könnte es dadurch erhalten, dass Trump seinen nationalen Sicherheitsberater John Bolton kurz zuvor entlassen hatte, auch so eine angeblich spontane Entscheidung, die der Präsident aus einer Laune heraus getroffen haben soll. Bolton kommt in Soleimanis Ausführungen an einer zentralen Stelle vor.

Das Interview trägt den Titel "Untold facts on Israel-Hezbollah war" und hat den zweiten Libanonkrieg (33 Tage-Krieg) vom 12.7. bis zum 14.8.2006 zum Thema. Der General spart nicht mit spannenden Frontabenteuern, die er an der Seite von Imad Mughniyeh, Militärbefehlshaber der Hisbollah, und Hassan Nasrallah, Führer der Hisbollah, im Libanon erlebt hat.

Sie gewähren einige Einblicke in den Ausbruch und Verlauf des Konflikts. Nach Ansicht des Berliner Exil-Iraners Bahman Nirumand zeigten seine Ausführung, dass Iran von den Plänen der Hisbollah zur Entführung zweier israelischer Soldaten - Anlass der militärischen Reaktion Israels - informiert war und ihnen zugestimmt hat. Der Londoner Exil-Iraner Amir Taheri macht darauf aufmerksam, dass die libanesische Regierung und ihre Armee in Soleimanis Bericht mit keinem Wort erwähnt werden. Sie seien gar nicht gefragt worden, ob, wie oder weshalb ein Krieg geführt werden soll. Alle Entscheidungen seien nonchalant von einem Drei-Mann-Komitee, bestehend aus Soleimani, Nasrallah und Mughniyeh, gefällt worden, wobei der Erstgenannte gelegentlich in den Iran reiste, um sich Instruktionen vom Revolutionsführer zu holen.

Märchen

Die Weisungen des Supreme Leaders hätten den Krieg entschieden, betont Soleimani mit großem Ernst in seinem Bericht. Nach der ersten Hälfte der Auseinandersetzungen sei die militärische Lage hoffnungslos gewesen, und er, Soleimani, habe nicht mehr mit einem glimpflichen Ausgang gerechnet. Nasrallah sah sich scharfer Kritik ausgesetzt, mit der Entführung der israelischen Soldaten das Leben vieler libanesischer Schiiten aufs Spiel gesetzt zu haben.

In dieser Situation habe Khamenei kraft einer göttlichen Eingebung - "geleitet von unserem Glauben und nicht von Informationen" - entschieden, wie die Angelegenheit zu betrachten sei:

  • Erstens sagte er einen Sieg voraus. Soleimani bekennt, dass er bei dieser Aussage zunächst schockiert gewesen sei: "Vom militärischen Standpunkt aus hatte ich keine solche Perspektive. Ich wünschte mir insgeheim, der Führer hätte nicht gesagt, dass der Krieg mit einem Sieg enden würde."
  • Zweitens behauptete er, Israel habe ohnehin einen Überfall auf den Libanon geplant. Soleimani konnte das nicht bestätigen: "Ich hatte diese Information nicht; Sayyid (Nasrallah) hatte diese Information nicht; Imad (Mughniyeh) hatte diese Information nicht. Keiner von uns hatte diese Information." Es handelte sich also um eine freie Erfindung des Supreme.
  • Deswegen habe drittens die Gefangennahme zweier Soldaten durch Hisbollah den israelischen Angriff nicht hervorgerufen, sondern gestört! Jetzt erkannte Soleimani Frömmigkeit, Scharfsinn und tiefe Einsicht seines Chefs. "Dementsprechend hatte die Hisbollah durch die Ergreifung zweier Gefangener nicht nur sich selbst vor der vollständigen Zerstörung gerettet, sondern auch die libanesische Nation."

Der General überbrachte die Botschaft an Hassan Nasrallah, der darüber mehr als dankbar war und sie an seine Kämpfer weitergab. "Nichts konnte Sayyids Moral so heben wie diese Worte." Khamenei hatte ihm Kopf und Kragen gerettet. Hisbollah habe wieder Mut gefasst und in den nächsten Tagen eine israelische Fregatte und sieben Panzer zerstört. Dass sich dabei auch russische Waffen als nützlich erwiesen, erwähnt Soleimani nebenbei.

Über die Beendigung des Waffengangs von 2006 steuert Soleimani, der behauptet, direkt in die Waffenstillstands-Verhandlungen involviert gewesen zu sein, eine eigentümliche Legende bei. Im Zuge diplomatischer Bemühungen der UN habe er Hamad Al Khalifah, den ehemaligen Emir von Katar, und John Bolton getroffen, der damals UN-Botschafter der USA war. "Beide sagten mir, der Krieg müsse sofort aufhören. Ich fragte, warum? Sie sagten, wenn der Krieg nicht beendet wird, würde die israelische Armee implodieren und zusammenbrechen." So habe die Hisbollah am Ende einen großen Sieg errungen.

Das Ganze klingt wie ein weiteres Märchen aus den ungezählten Nächten des Orients. Warum hören sich erwachsene Menschen so etwas an? Vielleicht wächst die Sehnsucht nach phantasievollen Geschichten, je länger ein Ende der Finsternis ausbleibt. Märchenhaft sind nun auch die religiösen Darstellungen vom Einzug des Generals und seines irakischen Kameraden Mahdi al-Muhandis ins Paradies. Auf einer Fotomontage, erstellt im Auftrag des Supreme, betritt Soleimani den Platz der Märtyrer, wo ihn einer der Heiligen der Schia, der freilich nur von hinten zu sehen ist, in die Arme schließt. Im Empfangskomitee sind Imad Mughniyeh, Hossein Hamadani, der im Jahr 2009 eine verhängnisvolle Rolle bei der Niederschlagung der iranischen Opposition spielte, und weitere Herren zu erkennen, die auf keiner westlichen Liste von Topterroristen fehlten, aber von Khamenei als reine und unbefleckte Seelen verehrt werden. Republikgründer Khomeini wohnt der Szene bei. Man sieht ihn lächeln. Das hat Seltenheitswert.

Die Absichten, mit denen Khameneis Archiv das Gespräch mit Soleimani publizierte, sind deutlich zu erkennen. Die auf den Iran hörenden Milizen werden aufgefordert, einen Schattenkrieg gegen die Feinde zu führen und zu intensivieren: Attentate, Raketen, Anschläge, Entführungen. Dabei sollen sie sich nicht durch die Erwartung harter Gegenschläge beeindrucken lassen. Khamenei verspricht ihnen auch in kritischen Situationen beizustehen, wobei, nebenbei bemerkt, russische Waffen in Aussicht gestellt werden.

Der Revolutionsführer macht so etwas nicht alle Tage. Er startete eine Kampagne für eine militärische Offensive und wird sich durch den Verlust eines Kommandeurs nicht davon abbringen lassen. Wer bisher noch nicht verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat, dem sollte es spätestens bei der wiederholten Nennung des Namens von Imad Mughniyeh kalt den Rücken hinunterlaufen. Er galt als "Mastermind des schiitischen Terrorismus". Wenn nur ein Bruchteil dessen, was über diesen Mann behauptet wird, zutrifft, würde das schon reichen, um ihn als einen wahren Schlächter des Dschihad zu betrachten.

Mughniyeh startete seine Karriere in den Diensten von Yassir Arafats Fatah. Nachdem Israel 1982 die Verlegung des palästinensischen Hauptquartiers nach Tunis erzwungen hatte, schloss er sich der Hisbollah an. Die blutigen Anschläge, die er organisiert haben soll, fanden zunächst in Beirut statt: das Selbstmordattentat gegen die US-Botschaft 1983, die simultanen LKW-Bomben gegen französische Fallschirmjäger und US-Marines im gleichen Jahr, der Angriff auf ein Nebengebäude der US-Botschaft 1984, zahlreiche Entführungen, die in den achtziger Jahren westliche Staatsangehörige trafen und nicht selten von Folterungen begleitet waren.

2006 beschuldigte ihn der argentinische Staatsanwalt Alberto Nisman, die Bombenanschläge in Buenos Aires auf die israelische Botschaft (1992) und auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA (1994) geplant zu haben. Im Folgejahr konnte Nisman einen internationalen Haftbefehl gegen ihn und fünf iranische Politiker als seine Auftraggeber erwirken.

Am 12.2.2008 fiel Mughniyeh selber einer Autobombe in Damaskus zum Opfer. Es gilt als gesichert, dass es sich dabei um eine koordinierte Geheimdienstaktion des CIA und des Mossad handelte. Allerdings dementierten israelische Offizielle eine Beteiligung, was sonst nicht ihrer Art entspricht - gewöhnlich beschweigen sie solche Vorwürfe.

Dass Soleimani diesen Terroristen überschwenglich preist, ist als alarmierend zu werten. Sogar seine Interviewpartner vom Khamenei-Archiv waren überrascht. Sie unterbrachen das Gespräch und und holten sich erstmal Rückendeckung. Soleimani spielt darauf an, wenn er in der zweiten Session spitz anmerkt: "Ich spreche sehr gerne über Imad, befürchte aber, dass die Sitzung wie gestern unterbrochen wird." Mughniyehs Strategie sei es gewesen, nicht alle Karten auf einmal aufzudecken, sondern Schritt für Schritt vorzugehen. "Er pflegte zu sagen, dass die nächste Etappe Haifa ist, dann die Etappe nach Haifa und dann die zweite Etappe nach Haifa."

Dies könnte alle diejenigen interessieren, die die antiisraelischen Absichten der Iraner bloß für Propagandalärm halten. Für jede dieser Etappen müsse man "ein neues Werkzeug oder eine neue Aktion" bereithalten, um den Gegner zu überraschen und zu verwirren. Oder eine neue Waffe? Das ist für alle diejenigen interessant, die sich mit dem iranischen Atomprogramm befassen und sich in trügerischer Sicherheit wähnen, solange Iran noch keinen Atomtest durchgeführt hat.

Soleimani, der Mughniyeh schon früher "überirdische Fähigkeiten" attestiert hatte, geht so weit, dessen Kampf gegen das "zionistische Regime" mit der historischen Schlacht von Khandaq aus dem Jahr 627 zu vergleichen. Mughniyeh selbst stellt er in eine Reihe mit Malik al-Ashtar, der dem zweiten Imam Ali, Schwiegersohn und nach schiitischem Glauben legitimer Nachfolger Mohammeds, unverbrüchlich die Treue hielt. Soleimani hebt ein Zitat Alis hervor: "Maliks Loyalität zu mir war die gleiche wie zum Propheten." Dasselbe gelte für Mughniyeh.

Mit dem seltsam anmutenden Umweg über die frühen Ursprünge des Schiitentums trifft Soleimani eine folgenschwere Aussage. Er bestätigt, was bisher oft vermutet worden war, aber nicht triftig bewiesen werden konnte: Mughniyeh hat Jahrzehnte lang im Auftrag Irans gehandelt und dabei sprichwörtliche Treue gezeigt. Genau das erwartet Soleimani von seinen Verbündeten im Nahen und Mittleren Osten.

Das Interview mit dem Archiv von Khamenei ist den Nahostexperten westlicher Geheimdienste gewiss rasch aufgefallen. Es dürfte sich nicht gerade förderlich für Soleimanis persönliche Sicherheit ausgewirkt haben. Nun stellt sich die Frage, was Khamenei veranlasst hat, derart weitreichende Äußerungen für eine Veröffentlichung freizugeben und über seine Webseite selbst als Herausgeber aufzutreten. Die Meinungsfreiheit war es sicherlich nicht.

Schlachten

Es geht hier nicht darum ein weiteres Mal zu erzählen, was für ein Bösewicht der Revolutionsführer ist. Aber ist er noch ganz bei Trost? Damit ist nicht seine persönliche Verfasstheit im medizinischen Sinn gemeint. Politisch allerdings scheint er out of (self) control zu manövrieren. Ein Bekenntnis zu Imad Mughniyeh liest sich innerhalb und außerhalb des Irans wie ein unverhüllter Aufruf zum internationalen Terrorismus. Hinzu kommt, dass der religiöse Mummenschanz Ausmaße erreicht hat, die seine theologischen Kollegen früher oder später auf den Plan rufen müssen.

Khamenei hat sich auf eine Zeitreise begeben, die ihn um 14 Jahrhunderte zurück katapultiert, in die Zeit des frühen Islam, als mit Säbeln und Schwertern, Gift und Intrigen ausgefochten wurde, wer den Namen des Propheten für seine Herrschaft beanspruchen durfte - ähnlich wie es im frühen Christentum der Fall war. Jetzt bereitet er sich auf die Schlacht am Jarmuk vor. Sie wurde 636 ausgetragen, vier Jahre nach dem Tod Mohammeds, und führte zur Vertreibung des byzantinischen Reichs aus dem Nahen Osten. Das war der Ausgangspunkt für die islamische Expansion bis nach Afghanistan im Osten und Spanien im Westen.

Die wahnhaften Anfälle des Supreme Leaders erinnern unwillkürlich an die Ein-Mann-Show seines Widerparts im Weißen Haus. Deshalb sind sie an dieser Stelle ausführlich herausgearbeitet worden - aber nicht, um das Vorgehen der USA zu verteidigen. Sie relativieren es, aber sie rechtfertigen es nicht. (Detlef zum Winkel)