Solidarische Landwirtschaft weltweit

Amerikanische CSA-Ernte. Foto: Charles Smith; Lizenz: CC BY-SA 2.0

Bei diesem Konzept, bei dem Konsumenten Bauernhöfe mitfinanzieren, lernen auch Städter etwas über saisonales Essen, Kuhaktien, Feldarbeit und alte Lagertechniken

Eine fehlgeleitete EU-Agrarpolitik mit ihrer einseitigen Subventionierung treibt kleinbäuerliche Vollerwerbsbetriebe in den wirtschaftlichen Ruin. Dagegen setzen sich immer mehr Menschen mit einem neuen Modell zur Wehr: Gemeinschaftlich finanzieren sie die Produktion eines Landwirtschaftsbetriebes und teilen sich alle Erzeugnisse, die er im Laufe eines Jahres produziert.

Kollektive Entscheidungen und die Mitarbeit aller Beteiligten sind die tragenden Säulen der Solidarischen Landwirtschaft (kurz: SoLaWi). Die Landwirte einerseits und Unterstützer andererseits bilden zusammen eine Wirtschaftsgemeinschaft. Gemeinsam besprechen sie ihren Bedarf an Gemüse und anderen Produkten. Auf dieser Grundlage wird die Jahresproduktion geplant und die dafür anfallenden Kosten berechnet. An einem Richtwert orientiert sich der monatliche Beitrag der Unterstützer.

Wie viel jeder zahlt, hängt von der Größe seines Haushaltes und dessen Bedarf ab. So zahlen Einzelpersonen weniger als mehrköpfige Familien. Das Geld aller soll die Jahresproduktion für eine Saison finanzieren - darin inbegriffen sind alle anfallenden Kosten neben Pflanzen, Säen und Ernten. Die Solidarische Landwirtschaft orientiert sich nicht an den Profitinteressen Einzelner, sondern an den Bedürfnissen der beteiligten Menschen.

Die Idee geht auf eine japanische Initiative der 1960er Jahre zurück. Besorgte Mütter wollten ihren Kindern konventionelle, belastete Lebensmittel nicht länger zumuten. Sie trafen eine Vereinbarung mit einem Bauern, dem sie die Abnahme aller seiner Produkte garantierten, unter einer Bedingung: Er durfte keine synthetischen Pflanzenschutzmittel verwenden. Das erste Teikei war geboren - und offenbar so erfolgreich, dass weitere folgten. 1971 gründete sich die Teikei Japan Organic Agriculture Association (JOAA). Zu Beginn der 1990er Jahre war einer von vier japanischen Haushalten Mitglied in einem Teikei.

Etwa zur gleichen Zeit entstanden ähnliche Initiativen in Europa. 1985 erreichte die Idee die USA und Kanada sowie Großbritannien, wo sie unter Community Supported Agriculture (CSA) bekannt wurde. In den USA und in Kanada gibt es etwa 1.400 CSA-Betriebe, an denen sich rund 100.000 Familien beteiligen. In der Gegend um New York mussten immer mehr Bauern aus wirtschaftlichen Gründen ihre Höfe aufgeben. Hier bot CSA eine einmalige Chance: Sie sicherte die Existenz kleinbäuerlicher Betriebe und versorgte gleichzeitig Menschen mit geringem Einkommen mit qualitativ hochwertigen Lebensmitteln.

2001 brachten französische Bauern das Prinzip des CSA nach Frankreich. Das rettete zahlreiche kleinbäuerliche Betriebe vor dem Konkurs. Heute ist AMAP (Associations pour le Maintien de l’Agriculture Paysanne) in Frankreich weit verbreitet.

Mittlerweile haben Menschen rund um den Erdball das gemeinschaftliche Wirtschaften für sich entdeckt. Werden in den USA auch Bio-Abokisten zum Teil unter CSA zusammengefasst, ist in einigen Ländern die solidarische Landwirtschaft sogar häufig der einzige Weg, an Bio-Lebensmittel heranzukommen.

Gerade in den Industrieländern setzen Strukturwandel und fehlende Hofnachfolger die Bauernhöfe unter wirtschaftlichen Druck. Auf der anderen Seite ist das Bewusstsein für Umweltschutz und hochwertige Lebensmittel gestiegen. Nicht umsonst wirtschaften CSA-Betriebe in der Regel ökologisch, denn Ethik und Transparenz sind für eine wachsende Anzahl konsumkritischer Menschen wichtige Kriterien bei der Wahl ihrer Nahrungsmittel.

Vor zehn Jahren waren es gerade mal drei Höfe, die nach dem Solidarprinzip arbeiteten. Vier Jahre später begannen sich die bereits existierenden neun CSA-Betriebe miteinander zu vernetzen. 2010 trafen sich erstmalig in Kassel Vertreter verschiedener Gemeinschaftshöfe. Ein Jahr später gründete sich das "Netzwerk Solidarische Landwirtschaft".

Auf ganz Deutschland verteilt gibt es heute rund 50 CSA-Gemeinschaften. Mindestens 55 weitere befinden sich in Gründung.Die Betriebsformen sind vielfältig: Es gibt sowohl Betriebe mit reinem Gemüseanbau, als auch Betriebe mit Ackerbau und Tierhaltung oder auch Grünlandbetriebe mit Tierhaltung. So hält der Hof "Schwarze Schafe" an der Ostsee Schweine und Ostfriesische Milchschafe auf 24 Hektar Grünland.

Geboten wird die ganze Palette an tierischen Produkten: verschiedene Sorten Schafskäse, Wolle, Fleisch und Wurst vom Schwein und vieles mehr. Einmal in der Woche beliefert der Betrieb die SoLaWi in Greifswald.

Diese Form der Landwirtschaft wird auch mit anderen Finanzierungsvarianten kombiniert. So förderte der Kattendorfer Hof 40 km nördlich von Hamburg die Haltung seiner Tiere mit einer eigentümlichen Idee: Die Unterstützer kauften Kuh- und Kalbaktien im Wert von 500,- bzw. 100 € und bekamen dafür jährlich eine Dividende ausgezahlt - in bar oder in Form von hofeigenen Produkten, die sie sich im Hofladen abholten.

Der Buschberghof, eine Art CSA-Pionier in Deutschland, gelegen etwa 40 Kilometer östlich von Hamburg, erhielt 2009 sogar den "Förderpreis Ökologischer Landbau", weil er "erfolgreich und nachhaltig einen für Deutschland neuartigen Weg der Betriebsführung gegangen ist".

Aber auch auf reinen Gemüsebaubetrieben sind Tiere für die Feldarbeit unabkömmlich: So werden in der Gärtnerei Wurzelwerk in Escherode bei Kassel die Äcker mit Kaltblutpferden bearbeitet. Zusammen mit dem Gemüsebaukollektiv der Kommune Niederkaufungen bildet die Gärtnerei die Selbstversorgergemeinschaft CSA-Escherode.

Je die Hälfte des in beiden Gärtnereien erzeugten Gemüses verteilt sich auf rund 150 Mitgliedsanteile. Unweit von Escherode gibt zwei weitere CSA-Betriebe: Der Dorfgarten in Eichenberg-Hebenshausen befindet sich gerade in Gründung. Und die CSA Freudenthal bei Witzenhausen, die von rund 90 Unterstützern getragen wird, kann bereits auf drei Anbaujahre mit wechselndem Gärtnerkollektiv zurückblicken.

Menschen, die aus der Stadt kommen, lernen viel von dieser Art Landwirtschaft. Holten sie vorher ihr Grünzeug im Supermarkt, erfahren sie nun allein durch ihre Mitarbeit auf dem Feld, wie viel Arbeit in der Erzeugung ihrer Lebensmittel steckt. Ganz automatisch werfen sie Salat und Gemüse seltener weg als früher. Zum Andern bauen sie gerade dadurch eine emotionale Bindung zu "ihrem" Land auf. Im Allgemeinen schärft sich das Bewusstsein dafür, wo ihre Lebensmittel herkommen.

Für viele Neueinsteiger liegt die größte Herausforderung jedoch in der Umstellung der eigenen Ernährung. Da jede Jahreszeit ihre eigenen Kulturen hervorbringt, steht eben nicht das ganze Jahr über das gesamte Angebot zur Verfügung. Gegessen wird vor allem saisonal: Im Sommer und Herbst kann man alle Varianten von Kräutern, Salaten und Obst erntefrisch essen. Im Winter gibt es Möhren, Sellerie, Steckrüben, Sauerkraut, Rettich, Weiß- und Rotkohl, Kartoffeln, Zwiebeln, Pastinaken, Rote Beete, Trockenbohnen, Lauch oder Kürbis.

Was viele hier lernen: Auch aus Kohl und Sellerie kann man leckere Dinge kochen. Häufig werden Gemüse wie Gurken und Tomaten schon im Sommer eingekocht. Ein Teil des Erntegutes wird im Herbst im Keller eingelagert. Nicht selten kommen alte Lagertechniken wie das Abdecken von Möhren, Kohl und Kartoffeln mit feuchtem Sand wieder zur Anwendung.

Der kleinbäuerliche Landwirtschaftsbetrieb steht und fällt mit seiner Vermarktungsstruktur. Gefangen in marktwirtschaftlichen Sachzwängen muss der Landwirt normalerweise zusätzlich zu seiner Arbeit auf dem Hof die Vermarktung seiner Produkte organisieren, sonst bleibt er darauf sitzen. Sich nicht um die Vermarktung kümmern zu müssen, bedeutet für Vollerwerbslandwirte der SoLaWi eine deutliche Entlastung.

Sie haben Planungssicherheit und ein gesichertes Einkommen. Sie können ihre Arbeitskraft zu Hundert Prozent auf dem Hof einbringen. Sie kennen die Abnehmer ihrer Produkte persönlich, was ihre Arbeitsmotivation noch steigert. Gleichzeitig vergrößert sich ihr Gestaltungsspielraum: So werden die Bodenfruchtbarkeit gefördert, samenfeste Sorten angebaut oder mit neuen Anbauformen experimentiert. Und - soweit vorhanden - bleibt genug Zeit für die Betreuung der Tiere.

Die Unterstützer erhalten Nahrungsmittel, von denen sie wissen, wo sie herkommen und deren Entstehungsprozess sie unmittelbar - durch eigene Mitarbeit - erleben können. Denn bei den anfallenden Arbeiten sind alle eingeladen mitzuhelfen. So werden die Konsumenten zu Produzenten. Ihre Finanzierung stärkt die lokale Wertschöpfung und die kleinbäuerliche Landwirtschaft vor Ort. Die Verantwortung, aber auch die Risiken verteilen sich auf viele Schultern. Auch in einem schlechten Jahr muss eine weniger gute Ernte von allen mitgetragen werden. Letztlich profitieren alle Beteiligten von einer neuen Lebendigkeit mit hoher sozialer Qualität.

Weiterführende Literatur:
Perthen, J.: Nachhaltige Lebensweise und Community Supported Agriculture. Wissenschaftliche Hausarbeit an der Uni Kassel, 2011
Bernhard, S.: Wege in eine Solidarische Landwirtschaft (CSA). Bachelorarbeit an der Uni Kassel/Witzenhausen, 2011.

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