Soll man Kinder kriegen oder nicht?

"Nein!", sagen die Antinatalisten

"Man muss die Menschen bei ihrer Geburt beweinen, nicht nach ihrem Tode", meinte Montesquieu. Das philosophische Weltbild des Antinatalismus ist in der Öffentlichkeit und in den Medien noch immer ein Tabu-Thema. Doch was hat es mit diesem Weltbild auf sich?

So etwas gibt es selten im Fernsehen, zumal in den USA: einen waschechten Antinatalisten, also eine Person, die vehement das Kinderkriegen kritisiert. Doch in der erfolgreichen HBO-Krimiserie True Detective (2014) zieht der Polizist Rustin Cohle (gespielt von Matthew McConaughey) gleich in der ersten Episode so richtig vom Leder und verflucht die Existenz der Menschheit:

Ich glaube, dass das menschliche Bewusstsein ein tragischer Fehltritt in der Evolution ist. Wir sind uns zu bewusst über uns selbst geworden; die Natur hat einen Aspekt der Natur geschaffen, der sie von sich selbst trennt. Wir sind Lebewesen, die den Naturgesetzen zufolge gar nicht existieren sollten. Wir sind Dinge, die sich an der Illusion abmühen, dass sie ein Selbst haben. Unsere Gattung könnte, so glaube ich, etwas ehrenhaftes tun, nämlich unsere Programmierung ablehnen, mit der Fortpflanzung aufhören, Hand in Hand dem Aussterben entgegenlaufen, eine letzte Mitternacht, Brüder und Schwestern sagen dem Übel einfach Adieu.

Polizist in True Detective

Das klingt ganz nach Schopenhauer, dem Misanthropen, der wohl nur seinen Pudel wirklich liebte. Und ja, der Drehbuchautor Nic Pizzolatto ist stark von Schopenhauer beeinflusst - ebenso vom Schriftsteller Thomas Ligotti, der existenzphilosophische Horror-Romane schreibt und Nic Pizzolatto auch gleich des Plagiats beschuldigt hat.

In seinem düsteren Sachbuch "The Conspiracy Against the Human Race" (2011) schreibt Ligotti ganz nonchalant: "Nichtexistenz hat noch niemandem geschadet, aber Existenz schadet allen." Antinatalismus in Reinform. Als die erste Staffel von True Detective ausgestrahlt wurde, gab es in den USA teils heftige Diskussionen. Aber warum provoziert das Thema eigentlich so sehr?

Kinder zeugen - die elementare Aufgabe des Menschen?

Menschen ohne Nachwuchs - vor allem Frauen - erregen Argwohn. In den Köpfen vieler Menschen hat sich anscheinend die Meinung eingenistet, dass der Mensch seine ihm ureigenste Aufgabe zu erfüllen habe: die Fortpflanzung, die evolutionstechnisch unabdingbare Reproduktion zum Fortbestand des Homo sapiens. Ohne Kinder keine Zukunft. Wer nicht zeugt, macht sich schnell verdächtig, ein egoistischer Menschenfeind zu sein.

Deshalb schnürt es vielen die Kehle zu, wenn sie solche Sätze lesen: "Nicht geboren zu werden, ist unbestreitbar die beste Lage. Leider steht sie niemandem zu Gebot. […] Meine Vision der Zukunft ist so genau, dass ich, falls ich Kinder hätte, sie sofort erwürgen würde." Diese Zeilen stammen aus einem Buch mit dem vielsagenden Titel "Vom Nachteil, geboren zu sein" (1973). Sein Autor: der Philosoph und Aphoristiker E.M. Cioran (1911-1995), einer der vehementesten Antinatalisten überhaupt.

Viele unterschreiben ohne Wenn und Aber die Behauptung, dass Kinder glücklich machen. Aber Studien und Umfragen helfen bei der philosophischen Frage des Kinderkriegens wenig weiter. Es gibt etliche Studien, deren Kernaussage darin gipfelt, dass die meisten Paare mit Kindern in den ersten vier Jahren glücklicher sind als Kinderlose, sich das Glücksempfinden aber nach vier Jahren in etwa die Waage hält. Im statistischen Mittel, versteht sich.

Eine großangelegte Studie mit mehr als 20.000 Teilnehmern kommt sogar zu dem Urteil, dass Kinder unglücklicher machen als eine Scheidung oder Kündigung. Untersucht haben die Wissenschaftler vor allem die Tatsache, weshalb Eltern in Deutschland nach dem ersten Kind kein weiteres mehr zeugen. Einige mögen also mit Kindern ihre "Selbstverwirklichung" erreichen, andere erblicken in den kleinen Gören ihr Unglück. So zum Beispiel jene israelischen Mütter, die 2015 für einen Eklat sorgten, weil sie öffentlich kundtaten, dass sie es bereuen, Kinder auf die Welt gebracht zu haben.

Anlass war eine Studie der israelischen Soziologin Orna Donath, in der Mütter solche Dinge sagen wie: "Seit den ersten Wochen nach der Geburt habe ich die Entscheidung bereut. Eine Katastrophe. Sofort habe ich gemerkt: Das ist nichts für mich. Mehr noch: Es ist der Albtraum meines Lebens. Ich wollte keine Mutter sein."

Für manche entpuppt sich der sogenannte Kindersegen eben doch als Fluch - oder sie zeugen erst gar keine. Für Orna Donath ist Mutterschaft vor allem ein "kulturelles und historisches Konstrukt", und damit verbunden auch die gesellschaftliche Norm, Kinder in die Welt zu setzen.

Mitverantwortlich für dieses Konstrukt ist wohl die Religion: Interessanterweise waren alle drei großen Weltreligionen zunächst antinatalistisch - das Ziel war die Vereinigung mit Gott im Jenseits. Hier und da zeugen noch ein paar Bibelstellen von diesen Wurzeln: "Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gesäugt haben!" (Lukas 23:29). Nach und nach wurden die drei Weltreligionen pronatalistisch, auch, um sich besser ausbreiten und missionieren zu können.

Der Buddhismus und der Jainismus hingegen haben sich ihre Tendenz zum Antinatalismus bewahrt: Ziel ist es, den ewigen und stets leidvollen Kreislauf von Geburt-Tod-Wiedergeburt (Samsara) zu durchbrechen. Während sich der Islam nicht explizit gegen Verhütung ausspricht, haben östliche Religionen meist überhaupt keine Probleme damit. Apropos: Verhütungsmethoden machen einen Antinatalismus in der Praxis überhaupt erst möglich, gesetzt, dass man weiterhin die Freuden des Sex erleben möchte.

Befreiung vom Naturzwang

Früher hatte man einfach Kinder, heute werden sie mehr und mehr zu einer bewussten Entscheidung. Dementsprechend prophezeite Sigmund Freud 1898, es wäre "einer der größten Triumphe der Menschheit, eine der fühlbarsten Befreiungen vom Naturzwange, dem unser Geschlecht unterworfen ist, wenn es gelänge, den verantwortlichen Akt der Kinderzeugung zu einer willkürlichen und beabsichtigten Handlung zu erheben, um ihn von der Verquickung mit der notwendigen Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses loszulösen."

Der Traum wurde Wirklichkeit: 1912 gab es die ersten nahtlosen Gummikondome, 1930 die ersten aus Latex, 1960 schließlich kam die Antibabypille. Sex und Kinderkriegen lassen sich mittlerweile entkoppeln; einzig die Frage - vielleicht eine der wichtigsten in unserem Leben - bleibt bestehen: Kinder, ja oder nein?

Von Freud stammt noch eine andere, vermutlich zeitlose Prophezeiung: "Die Absicht, dass der Mensch 'glücklich' sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten." Und genau hier sind wir am Kern der Sache. Können wir überhaupt ein glückliches Leben führen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass das Leid das Glück um Längen überwiegt? Und ist das menschliche Bewusstsein vielleicht ein derart tragischer Fehltritt in der Evolution, wie der Polizist Rustin Cohle in der HBO-Serie True Detective mutmaßt, dass lediglich kleine Kinder glücklich sein können, im Laufe ihres Lebens aber unausweichlich und zunehmend dem Leid ausgeliefert sind?

In diesem Sinne notierte Wolfgang Herrndorf, der unheilbar an einem Hirntumor erkrankte und 2013 verstorbene Schriftsteller, am 11. Januar 2011 in seinem Blog-Tagebuch Arbeit und Struktur:

Ich kann kein Käferlein mehr im Hausflur entdecken, ohne es auf den Finger zu nehmen und draußen auf einen Grashalm zu setzen. Zur gleichen Zeit durchströmt mich diffuses Glücksgefühl, wenn eine Boulevardschlagzeile den Tod eines im Eis ertrunkenen Zweijährigen vermeldet. Es dauert ein paar Sekunden, bis mir einfällt, wie schlimm es für die Eltern ist. Aber für das Kind ist es das Beste. Den oft und vermutlich zurecht kritisierten Satz, das Leben sei der Güter höchstes nicht, ich würde ihn jetzt unterschreiben. Was ist das größte Glück? Bewußtlos sterben, und ein unauffällig in den Nacken gehaltenes Bolzenschußgerät entspricht diesem Glück sonderbarerweise genau.

Wolfgang Herrndorf

Die Antinatalisten als Menschenfreunde

Hier finden wir den Übergang vom subjektiven Empfinden hin zum objektiven Argument. Denn viele Antinatalisten beharren darauf, dass sie gewichtige Gründe für ihre Position haben.

Einer der weltweit führenden Antinatalisten, der Philosophieprofessor David Benatar (*1966), betont ausdrücklich, dass er Kinder nicht hasst und schon gar nicht eliminieren möchte. Allein die Geburt neuer Kinder sei fragwürdig - und zwar aus philosophischen Gründen: Benatar, dessen Schriften ebenfalls einen großen Einfluss auf "True Detective" hatten, schreibt in seinem Buch "Better Never to Have Been" (2006):

Es ist merkwürdig, dass gute Menschen alles dafür geben, ihre Kinder vor Leid zu schützen, während wenige von ihnen zu bemerken scheinen, dass der einzige garantierte Weg, alles Leid von ihren Kindern abzuhalten darin besteht, diese Kinder erst gar nicht in die Welt zu setzen. […] Einige antinatalistische Positionen beruhen entweder darauf, dass man keine Kinder mag oder darauf, dass man die Interessen der Eltern berücksichtigt, die dann mehr Freiheit und Mittel haben, wenn sie keine Kinder haben oder welche aufziehen. Mein antinatalistisches Weltbild ist anders. Es entspringt nicht der Abneigung gegen Kinder, sondern im Gegenteil dem Anliegen, das Leid potentieller Kinder zu verhindern.

David Benatar

Demzufolge bezeichnet sich Benatar nicht als Misanthrop, sondern im Gegenteil als Menschenfreund.

Er geht davon aus, dass jedes menschliche Leben mehr Leid als Glück aufweist. Es gebe beispielsweise chronisches Leid, aber keine chronische Freude. Deshalb sei es moralisch verwerflich, Kinder zu zeugen. Die Kernargumentation von Benatar lautet:

  1. Das Vorhandensein von Leid ist schlecht.
  2. Das Vorhandensein von Glück ist gut.
  3. Das Nichtvorhandensein von Leid ist gut (egal, ob es Menschen gibt oder nicht).
  4. Das Nichtvorhandensein von Glück ist nicht schlecht (außer dann, wenn ein bereits existierender Mensch seines Glücks beraubt wird).

Entscheidend ist die Asymmetrie zwischen Leid und Glück und folglich die Asymmetrie zwischen Punkt 3 und 4. Leid wiegt auf der ethischen Waagschale schwerer als Glück. Daraus folgt: Es gibt eine moralische Pflicht, keine leidenden Menschen in die Welt zu setzen. Es gibt jedoch keine moralische Pflicht, glückliche Menschen in die Welt zu setzen. Deshalb sei es immer eine moralisch schlechte Tat, einen Menschen zu zeugen. Unterlässt man es jedoch einfach, einen Menschen zu zeugen, ist das nicht schlecht.

"Weniger Glück ist nur dann ein Übel, wenn man eine Person ausmachen kann, für die das Fehlen von Glück auch ein Übel ist", schreibt Benatar. Wenn ein Mensch erst gar nicht existiert, dann kann er auch kein Leid erfahren. Ist die Person aber auf der Welt, dann erfährt sie zwangsläufig Leid.

Das fehlende Glück ist kein Glück, dessen jemand beraubt wird. Doch das Leid ist unwiderruflich in der Welt, sobald jemand geboren wurde: "Wenn Menschen Kinder haben, spielen sie russisches Roulette mit der Waffe an der Schläfe ihres Kindes", so Benatar.

Die Antinatalisten als Menschenfeinde

Der Antinatalismus kann natürlich auch ganz schreckliche Folgen mit sich bringen, wenn sich ein Staat anmaßt, die Privatangelegenheit der Menschen zu bestimmen. Im 18. Jahrhundert warnte der Ökonom Thomas Robert Malthus (1766-1834) vor einer vermeintlichen Überbevölkerung, forderte eine Abschaffung der ohnehin bescheidenen Armenfürsorge und freute sich sogar über sterbende Menschen:

Kriege - die stille, aber sichere Vernichtung von Menschenleben in großen Städten und Fabriken - und die engen Wohnungen und ungenügende Nahrung vieler Armen - hindern die Bevölkerung daran, über die Subsistenzmittel hinaus zu wachsen und […] vernichten, was überflüssig ist.

Malthus

Chinas antinatalistische Ein-Kind-Politik mag hingegen teils nachvollziehbare Beweggründe haben, doch in der Praxis übt der Staat massiven Zwang aus und bestraft die Eltern von mehreren Kindern mit hohen Geldbußen - die Zweitgeborenen erhalten vom Staat keinen Pass und können somit kaum am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Noch grausamer war der NS-Faschismus, der sogenannte "asoziale Ballastexistenzen" zwangssterilisierte und gemäß seiner menschenverachtenden "Rassenlehre" nur "arischen" Menschen eine Lebensberechtigung zusprach.

Die Befürworter solcher menschenverachtenden Repressionen möchten nicht die Kinder vor dem Leid der Welt bewahren, sondern die Welt (oder sich selbst) vor den Kindern. Der philosophische Antinatalismus hingegen möchte Leid verringern, nicht mehren. Es gibt etliche Berichte von KZ-Überlebenden, die sagen, dass man in einer solch unvorstellbar grausamen Welt keine Kinder zeugen dürfe.

Der Philosoph Robert Nozick (1938-2002) betonte, dass die Menschheit nach der Shoa ihren Anspruch auf ein Fortbestehen verloren habe und sich besser aus dem Universum verabschieden solle. Andere Antinatalisten wiederum, wie etwa Benatar, halten bereits das durchschnittliche Menschenleben - auch eines ohne Armut, Mord und Totschlag - für derart miserabel, dass sie ein Aussterben der Menschheit befürworten.

Einig sind sich die meisten philosophischen Antinatalisten darüber, dass diese Theorie einzig und allein auf freiwilliger Basis umgesetzt werden kann. Ein Beispiel dafür bietet das 1991 gegründete "Voluntary Human Extinction Movement", ein Zusammenschluss von Menschen, die unter dem Motto "mögen wir gut leben - und aussterben" versuchen, die Menschheit argumentativ vom Antinatalismus zu überzeugen.

Erst dann, wenn die Menschen vom Erdball verschwinden, ist auch das Elend aus der Welt. Oder, um es mit Mahatma Gandhi zu sagen: "Ich meine ganz und gar nicht, dass die Fortpflanzung eine Pflicht ist oder dass die Welt ohne sie einen Verlust erleiden würde. Stell dir vor, jegliche Fortpflanzung würde eingestellt, diese würde nur bedeuten, dass es keinerlei Zerstörung mehr gibt."

Patrick Spät lebt als freier Journalist und Buchautor in Berlin. Kaum ein Weltbild provoziert so sehr wie der Antinatalismus. Der Autor vertritt in diesem Artikel nicht die Position des Antinatalismus, sondern möchte lediglich dieses oft ignorierte und verdrängte Thema zur Diskussion stellen.