Somalias Öl: Erdoğan will "vorgehen wie in Libyen"

Die 15 neuen Blocks in tiefen Gewässern vor der somalischen Küste. Grafik: TP

Der türkische Staatspräsident möchte Lagerstätten vor der ostafrikanischen Küste erkunden

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hat seinen eigenen Angaben zufolge ein "Angebot aus Somalia" bekommen, "nach Erdöl-Lagerstätten vor der [somalischen] Küste zu suchen". Da das "segensreich" für die Türkei sei, würden nun " Schritte eingeleitet", das Angebot anzunehmen. Dabei könne man so vorgehen wie in Libyen.

Dort hatte Erdoğan Ende letzten Jahres ein Abkommen mit dem praktisch nur über ein sehr begrenztes Gebiet in Tripolitanien herrschenden Übergangregierungschef Fajis as-Sarradsch geschlossen, das der Türkei die Suche nach Gasvorfeldern in libysch beanspruchten Gewässern erlaubt. Im Gegenzug versprach Erdoğan as-Sarradsch militärische Unterstützung gegen dessen Rivalen Chalifa Haftar (vgl. Libyen: Stellvertreterkrieg um das Mittelmeer).

Dieses Abkommen ist unter anderem deshalb umstritten, weil es griechische und zyprische Ansprüche außen vor lässt. Selbst die geplante Eastmed-Gaspipeline von Israel über Zypern und Griechenland nach Italien wäre der Ansicht des türkischen Staatschefs nach nicht mehr ohne Genehmigung der türkischen Staatsführung möglich (vgl. Israel, Zypern, Griechenland und Italien haben sich auf Eastmed-Gaspipeline geeinigt).

Großes Potenzial

Den Daten von Seismic Geo nach steht zwar noch nicht sicher fest, ob es vor Somalias Küste tatsächlich mit wirtschaftlich vertretbarem Aufwand ausbeutbare Öl- oder Gasvorkommen gibt - aber das Potenzial ist groß. Das somalische Oberhaus hat deshalb am Dreikönigstag ein vom Unterhaus bereits im letzten Jahr verabschiedetes Ölgesetz angenommen - und der somalische Bodenschatzminister Abdirashid Mohamed Ahmed hat Tiefwassergebiete vor der Küste in 15 neue Blocks eingeteilt.

Allerdings ist noch unklar, wer bei der Vergabe dieser Lizenzen welches Sagen hat. Nachdem sich zwischen 1991 und 2011 unentwegt Clans und deren Warlords um die Macht stritten (vgl. Zwischen Kat und Katjuschas), fügte man sich 2012 in Mogadischu nämlich der normativen Kraft des Faktischen und wandelte Somalia in einen Bundesstaat aus aktuell sechs Teilstaaten um, in denen verschiedene Clans den Ton angeben: In Puntland und Jubaland herrscht der Darood-Clan, in Somaliland der Isaaq-Clan, in Galmudug und Hirshabele der Hawiye-Clan und in Bakool der Rahanweyn-Clan.

Ansprüche Kenias und der Teilstaaten

Die Führer des Isaaq-Clans sehen ihr Somaliland als komplett unabhängig an und haben eigene Lizenzen an Genel Energy und RAK Gas ausgestellt. Genel erwarb eine Lizenz für 40.300 Quadratkilometer, RAK Gas eine für 24.200.

In Puntland will Teilstaatpräsident Sa'id Abdullahi Deni zwar zum Bundesstaat gehören - aber das Ölgesetz lehnt er als unberechtigten Eingriff in eigene Zuständigkeiten ab. Dort hat man die eigene Küste bereits 2015 in 25 Blocks aufgeteilt und Erkundungsverträge mit ION Geophysical geschlossen. Von der Zentralregierung in Auftrag gegebene Erkundungsaufträge an die britische Soma Oil and Gas verurteilte die Ölbehörde des Teilstaats als Verfassungsbruch.

Und in Jubaland, im Südwesten, streitet die somalische Bundesregierung mit der Kenias um den Verlauf der Anspruchszonen im Meer. In diesem Streitfall wird der Internationale Gerichtshof voraussichtlich erst Ende 2020 oder Anfang 2021 ein Urteil sprechen.

Zu den Unwägbarkeiten hinzu kommt, dass islamistische Milizen wie die asch-Schabaab ("die Jugend") trotz des militärischen Eingreifens der Afrikanischen Union, Kenias und Äthiopiens noch nicht besiegt sind. Erst am 28. Dezember tötete diese mit der al-Qaida verbundene Dschihadistengruppe über 80 Menschen mit einem Sprengstoffanschlag in der somalischen Hauptstadt Mogadischu.

Weitet Ankara sein militärische Engagement aus, damit sich die somalische Bundesregierung besser gegen Rivalen in den Teilstaaten durchsetzen kann?

Dass darunter auch türkische Ingenieure waren scheint Erdoğan ebenso wenig zu schrecken wie ein Anschlag im südsomalischen Afgooye am 18. Januar, unter dessen 15 Opfern sich ebenfalls türkische Staatsbürger befanden. Der türkische Staatspräsident, der Somalia bereits mehrmals offiziell besucht hat, lässt dort nicht nur weiter Straßen bauen, sondern auch Soldaten ausbilden, die in einer türkischen Kaserne trainiert werden. Ein "Vorgehen wie in Libyen" könnte sogar bedeuten, dass Ankara dieses militärische Engagement ausweitet, damit sich die somalische Bundesregierung besser gegen Rivalen in den Teilstaaten durchsetzen kann. (Peter Mühlbauer)

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