Sonne, Mond und Sterne

Die Himmelsscheibe von Nebra ist eine astronomische Uhr

In Mannheim ist noch bis zum 16. Juli die Himmelsscheibe von Nebra im Rahmen der Ausstellung „Der geschmiedete Himmel“ zu sehen. Sie ist ein Publikumsmagnet: Mehr als 45.000 Besucher waren bereits in den Reiss-Engelhorn-Museen, um die bronzezeitliche Schönheit zu bestaunen.

Die breite Öffentlichkeit ist von der rund 30 cm großen Scheibe mit ihrer sowohl stilisierten als auch mythischen Darstellung des nächtlichen Himmels ebenso begeistert wie die Archäologen. Das mindestens 3.600 Jahre alte Kultobjekt gilt als der bedeutendste archäologische Fund des letzten Jahrhunderts in Deutschland und ist sicher der am intensivsten untersuchte und diskutierte. Die Echtheit der Himmelscheibe von Nebra ist inzwischen unumstritten und ihre Faszination beruht nicht zuletzt darauf, dass sie weltweit die älteste konkrete Abbildung astronomischer Phänomene zeigt.

Depotfund vom Mittelberg bei Nebra; Fundort: Nebra, Burgenlandkreis, Sachsen-Anhalt; Datierung: frühe Bronzezeit, um 1600 v. Chr.; Material: Bronze, Gold; (Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt/Juraj Lipták)

Die Fundgeschichte der Himmelsscheibe liest sich wie ein Kriminalroman. 1999 streifen zwei Männer mit Metalldetektoren auf der Suche nach Militaria über den Mittelberg im Ziegelrodaer Forst bei Nebra in Sachsen-Anhalt. Das Gerät meldete Metall im Boden und die beiden begannen zu graben. Sie stießen auf die senkrecht im Boden steckende runde Metallplatte, die stark verkrustet war und den Raubgräbern weit weniger attraktiv schien als die zwei mit Gold verzierten Schwerter, zwei Beile, ein Meißel und Armspiralen, die sich eingebettet zwischen großen Steinen direkt daneben befanden. Kurz darauf verkauften Harry W. und Mario R. die bronzezeitlichen Stücke für 31.000 DM an einen Händler, der sie weiter veräußerte, bis sie schließlich für den Preis von einer Million Mark verschiedenen Museen für Vorgeschichte zum Kauf anboten wurden.

Aber Schatzfunde von wissenschaftlicher Bedeutung aus Sachsen-Anhalt gehören (wie auch in 13 anderen Bundesländern) dem Staat. Es folgten fingierte Verhandlungen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt mit den Hehlern und schließlich 2002 bei einem Treffen in Basel der polizeiliche Zugriff. Die an dem kriminellen Handel Beteiligten wurden 2003 zu Haft- und Geldstrafen verurteilt, die Raubgräber waren geständig und zeigten den Archäologen den genauen Fundort.

Das gab den Fachleuten die Möglichkeit einer gezielten Nachgrabung und tatsächlich fanden sie die Rest der Steinkiste, in die alle Fundstücke eingebettet gewesen waren. Vor 3.600 Jahren wurden diese Gaben an die Götter feierlich beigesetzt. Das so genannte Hortphänomen war in der Bronzezeit über ganz Europa verbreitet, vom Mittelmeer bis Südschweden und vom Schwarzen Meer bis zur Atlantikküste. Geopfert und rituell vergraben werden vor allem Bronzen, aber auch Kleinteile aus Gold. Allein im nördlichen Mitteleuropa fanden sich bisher 2.200 derartige Depots.

Als die Fachleute die Himmelscheibe endlich in Händen hielten, bot sich ihnen ein desolates Bild. Die Raubgräber hatten das wertvolle Stück, das sie zunächst für einen Eimerdeckel gehalten hatten, mit einer Metallharke am Rand beschädigt und stark zerkratzt. Die Zwischenhändler reinigten sie dann mit Spülwasser und Stahlwolle, wobei sie die Goldauflage beschädigten.

Hortfund von Dieskau, Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, (Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt/Juraj Lipták)

Die Archäologen restaurierten die zwei Kilo schwere Scheibe, deren Durchmesser zwischen 31 und 32 cm schwankt, sehr vorsichtig. Sie besteht aus sehr weicher Bronze (mit einem Zinngehalt von nur 2,5 %) und wurde nicht – wie zu ihrer Entstehungszeit üblich – gegossen, sondern kalt geschmiedet. Der Rand ist ungefähr 1,5 mm dick, das Zentrum 4,5 mm und die runde Platte ist leicht konkav gewölbt. Die auf ihr abgebildeten Himmelskörper bestehen aus Goldblech, das mittels Tauschier-Technik, durch Anpressen in vorher gezogenen Rinnen, angebracht wurde.

Ursprünglich war die Himmelscheibe von Nebra wohl schwarz wie der Nachthimmel. Heute schimmert sie in Grün, aber das verdankt sie der Malachitschicht, die sich während der beinahe 4.000 Jahre unter der Erde gebildet hat. Dieser grobkristalline Korrosionsbelag birgt einen Beweis für die Echtheit der Scheibe. Den Experten für Archäometrie des Curt-Engelhorn-Zentrums in Mannheim gelang es nachzuweisen, dass der Korrosionsprozess tatsächlich über einen sehr langen Zeitraum verlief. Eine künstliche, schnell geschaffene Patina besteht aus sehr kleinen Kristallen, die mit naturwissenschaftlichen Methoden entdeckt werden können.

Zudem belegten die Experten, dass das verwendete Metall nicht in den letzten 100 Jahren aus Erzen verhüttet wurde, denn dann würde es noch schwach radioaktiv strahlen. Die genaue Analyse des für die Legierung verwendeten Kupfers ergab, dass es höchstwahrscheinlich aus dem Ostalpenraum stammt. Vor rund 3.600 Jahren, dem Übergang von der Früh- zur Mittelbronzezeit, gab es in Tirol und Salzburg bereits prähistorische Kupferbergwerke. Kupfer war ein begehrtes Handelsprodukt, weil es in ganz Europa mit Zinn vermischt zu Bronze verarbeitet wurde (Bronzezeit in Mitteleuropa: 2400 bis 800 v.Chr.). Das meiste auf der Himmelscheibe aufgebrachte Gold hat einen sehr hohen Silberanteil und kam wohl aus Siebenbürgen. Nur das sehr wahrscheinlich erst in der letzten Phase hinzugefügte Schiff am unteren Rand der Scheibe besteht aus anderem Gold.

Mit den naturwissenschaftlichen Methoden der Archäometrie gelang auch die Entschlüsselung der Entstehungsphasen der Himmelscheibe von Nebra. In Phase 1, vermutlich einige Generationen vor der feierlichen Opferung um 1.600 v. Chr. wurde die Scheibe in ihrer ursprünglichen Form geschaffen und zeigte nur die Sterne, den Sichelmond und den Vollmond, bzw. die Sonne. In der zweiten Phase fügte ein anderer Handwerker mit deutlich unterscheidbarer Arbeitsweise die Randbögen (von denen der linke wahrscheinlich schon zu prähistorischen Zeiten nicht mehr an seinem Platz war) hinzu und versetzte dafür einen Stern, zwei weitere wurden unter dem Bogen verdeckt. In Phase 3 kam das Schiff, die Barke, am unteren Rand dazu, die aus einer anderen Goldlegierung besteht und wiederum in einem anderen Arbeitsstil gefertigt wurde. In der vierten und letzten Phase vor der Beerdigung wurde der Rand der Himmelsscheibe in gleichmäßigen Abständen gelocht, möglicherweise um sie auf einem Untergrund zu befestigen.

Himmelsscheibe von Nebra (Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt/Juraj Lipták)

Die Himmelscheibe von Nebra begeisterte neben den Archäologen sofort die Medien und die breite Öffentlichkeit. Besonders fasziniert zeigten sich die Archäoastronomen, die sich mit den astronomischen Vorstellungen der Vorzeit wissenschaftlich auseinandersetzen. Einer von ihnen, Wolfhard Schlosser von der Ruhr-Universität Bochum, beschäftigte sich intensiv mit der bronzezeitlichen Himmelsdarstellung und präsentierte eine schlüssige Interpretation. Die sieben eng zusammenstehende Sterne im oberen Bereich der Scheibe stellen die Plejaden dar, das Siebenstirn, das für die prähistorischen Bauern eine herausragende Bedeutung hatte, da ihr Auftauchen am Nachthimmel im März und Oktober mit Aussaat und Ernte zusammenfiel. Sie galten in vielen antiken Kulturen als Kalendersterne. Die anderen Sterne sind so gleichmäßig verteilt, dass sie kein spezielles Sternbild zeigen, sondern sozusagen den ganzen restlichen nächtlichen Kosmos spiegeln. Die beiden Randbögen sind Horizontbögen, die den jährlichen Verlauf der Sonne entlang der Horizontlinie bei Sonnenaufgang und -untergang an den Sonnwendtagen (21. Juni und 21. Dezember) abbilden. Ihr nachträgliches Anbringen war sozusagen eine solare Überarbeitung der ursprünglich lunear geprägten Scheibe.

Die gezielte Beobachtung der Sonne war den Menschen in dieser Region schon lange vertraut wie die Rekonstruktion des nahe gelegenen, 7.000 Jahre alten, prähistorischen Observatoriums, die Kreisgrabenanlage nahe Goseck beweist (vgl. Sonnenaufgang vor 7.000 Jahren 16392).

Vor kurzem stellte dann der Astronom Rahlf Hansen vom Planetarium Hamburg eine überzeugende Erklärung vor, dass es sich bei der Himmelscheibe von Nebra in ihrer ursprünglichen Fassung um eine komplexe astronomische Uhr handelt; ein Memogramm, das es den bronzezeitlichen Menschen ermöglichte, das Sonnenjahr (365 Tage) mit dem Mondjahr (354 Tage) in Einklang zu bringen. Vor der Einführung verbindlicher Kalendersysteme lösten unsere Vorfahren das Problem dieser Harmonisierung durch Einfügung von Schaltmonaten. Die Sonne bestimmt Tage und Jahre, der Mond dagegen Wochen und Monate. Die beiden Systeme in Einklang zu bringen, gelang den alten Kulturen durch Schaltregeln, wie babylonische Keilschrifttexte aus dem 7./6. Jahrhundert v. Chr. beweisen. Wenn im Frühlingsmonat zu Beginn des Jahres die Neulichtsichel (schmale Sichel des Mondes wie noch heute im islamischen Kalender) beim Siebengestirn, den Plejaden, steht, dann handelt es sich um ein Normaljahr. Steht aber in diesem Monat der Mond erst am dritten Tag mit dickerer Sichel dort, dann muss ein Schaltmonat eingefügt werden.

Harmonisierung von Sonnen- und Mondkalender (Bild: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Karol Schauer)

Auf der Himmelsscheibe waren anfänglich 32 Sterne (25 und die Plejaden), der Goldkreis und der Sichelmond zu sehen. Die Dicke der Mondsichel entspricht dem Maß des Schaltsignals aus dem alten Babylon. Sie konnte von den bronzezeitlichen Astronomen direkt zum Vergleich mit dem real am Nachthimmel sichtbaren Mond verwendet werden.

Außerdem ist auch die Zahl 32 von Bedeutung. Der Mondmonat dauert 29,5 Tage, wenn ein Schaltmonat eingefügt wird, dann verstreichen nach dem vorangegangenen Neulicht 32 Tage. Die 32 Sterne auf der Scheibe können also diesen 32 Tagen entsprechen und sind damit ein zusätzliches Schaltsignal. Geschaltet werden muss folglich:

  1. wenn die Mondsichel mit der dargestellten Dicke im Frühlingsmonat neben den Plejaden steht und
  2. wenn seit dem Neulicht des Vormonats 32 Tage vergangen sind, bis der Mond im Frühlingsmonat bei den Plejaden steht.

Zudem vergehen in 32 Sonnenjahren 33 Mondjahre. Die 32 Sterne plus dem großen Goldkreis, die in diesem Zusammenhang die Sonne symbolisieren könnten, ergeben die Mondjahre. Der Goldkreis kann also als der Vollmond im Frühlingsmonat interpretiert werden, der in vielen Kulturen den Beginn des Sonnenjahres bedeutet. Zudem als Vollmond bei den Plejaden im Frühjahr und Herbst, der den Zeitpunkt für Aussaat und Ernte bestimmt. Aber auch als Sonne, um die 33 Mondjahre zu den 32 Sonnenjahren in Beziehung zu setzen.

Die Veränderung der Himmelscheibe in den folgenden Generationen und die Verdeckung einzelner Sterne spricht dafür, dass die Verschlüsselung nur für Eingeweihte verständlich war und dieses Wissen möglicherweise verloren ging. Die Barke, die noch später am unteren Rand angebracht war und wahrscheinlich ein Schiff darstellt, das die Sonne über den Himmel transportiert, ist ein Hinweis auf die Umwidmung der Scheibe als Requisit eines Sonnenkultes.

Die Ausstellung „Der geschmiedete Himmel“ in Mannheim stellt die Himmelscheibe von Nebra und die anderen Stücke des Hortes in den Mittelpunkt, erklärt und ergänzt sie aber mit 450 Leihgaben, die das einmalige Fundstück in den Zusammenhang der europäischen Kultur und der Kulte der Bronzezeit stellen. Besonderes Augenmerk liegt dabei neben den anderen Hortfunden und Gräbern auch auf der bronzezeitlichen Sonnenverehrung, den Mythen vom Sonnenkreislauf und der Sonnenbarke. Sehr informativ und schön arrangiert noch bis 16. Juli in den Reiss-Engelhorn-Museen, ab Oktober 2006 dann im Historischen Museum in Basel. Zur Ausstellung gibt es einen Katalog, der auch im Buchhandel erhältlich ist: Der geschmiedete Himmel. Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren, hg. v. Harald Meller, Stuttgart: Konrad Theiss Verlag, ISBN 3-80621-907-9, 29,90 Euro. (Andrea Naica-Loebell)

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