Sony-Center Berlin

Japans Beitrag für ein neues Stadtzentrum in der deutschen Metropole

Am Mittwoch, den 15. Juli, stellt Sony erstmals den Rohbau der neuen Europazentrale am Potsdamer Platz vor. Das Richtfest des Bauwerks für 1,5 Milliarden DM soll am 2. September stattfinden. Entworfen wurde der Bau von Helmut Jahn, der sagte, es lebe vom "Glauben an Fortschritt durch Technologie". Arthur Schmidt hat sich diesen Glas und Stahl gewordenen Glauben an Fortschritt durch Technologie angesehen.

Die Filmindustrie hat zu Beginn dieses Jahrhunderts Berlins Ruf als Medienstadt begründet. 1923 fand in Berlin die erste Radioübertragung in Deutschland statt und 1931 wurde das Fernsehen dort erstmals der Weltöffentlichkeit präsentiert. Die Entscheidung des Medienunternehmens Sony, am Potsdamer Platz, einem der ehemals verkehrsreichsten Plätze Europas, seinen Europahauptsitz zu errichten, war ein wichtiger Meilenstein für die Stadt, um ihre Bedeutung als Medienstandort im 21. Jahrhundert zurückgewinnen. Das Sony Center manifestiert hierbei auch den Übergang von der industriellen Gesellschaft zur multimedialen Gesellschaft nach der Jahrtausendwende.

Eine Panoramakamera mit aktuellen Bildern vom Potsdamer Platz findet man unter Cityscope.

An einer Stelle in Berlin, die wie keine zweite den West-Ost-Konflikt manifestierte, dem Potsdamer Platz, wird eine neuartige Synthese zwischen Geschichte und Zukunft sowie von Mobilität und Telematik geschaffen. Dieser Platz, der das Dreiländereck der Besatzungszonen bildete (der britischen, der amerikanischen und der sowjetischen Zone), wird mit dem Sony Center zu einem Platz der weltwirtschaftlichen Triade und deren gemeinsamer Schöpfungskraft - realisiert durch einen in Amerika ansässigen Architekten, einen europäischen Generalunternehmer und einen japanischen Investor. Der Potsdamer Platz könnte nach Abschluß der Bauarbeiten zu einem kulturellen, sozialen und architektonischen Brennpunkt der Metropole Berlin avancieren.

Der Wiederaufbau Berlins und die Firma Sony haben eines gemeinsam: beide sind Kinder der Nachkriegszeit. Sony wurde 1946 gegründet und ist in der Folgezeit sehr dynamisch gewachsen. Norio Ohga, Chairman der Sony Corporation, der von 1955 bis 1957 in Berlin studierte, zu einer Zeit als dort überall noch die architektonischen Wunden des Krieges zu sehen waren, hat die Gunst der Stunde erkannt und unterschrieb am 26. Juni 1991 den Grundstückskaufvertrag. Es ist die neue Rolle Berlins in einem europäischen Binnenmarkt, vor allem im Hinblick auf die Wachstumsmärkte Mittel- und Osteuropas, welche Sony dazu bewog, Berlin ein zentrale Rolle in den Standortentscheidungen einzuräumen. Mit einem Gesamtumsatz von 51,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 1997, wovon etwa 25% in Europa erwirtschaftet werden, gehört Sony weltweit zu den führenden Medienkonzernen. Sonys Haupttätigkeitsbereiche sind mit rund 77 % elektronische Hardware und mit 18 % Unterhaltungs-Software.

In unmittelbarer Nähe zum Brandenburger Tor, dem Tiergarten, der Philharmonie, dem Wissenschaftszentrum Berlin, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand sowie dem Martin Gropius-Bau entsteht nicht nur die Europazentrale von Sony, sondern auch ein architektonisches Wahrzeichen für die Stadt, das eine Vielfalt von Nutzungsmöglichkeiten integriert. Mit dem Sony Center wird mehr als nur ein Gebäude realisiert, es wird eine moderne Erlebniswelt, ein Treffpunkt für Handel und Dienstleistungen sowie ein Attraktor für Kultur und Kommunikation geschaffen.

Zu dem vom deutsch-amerikanischen Architekten entworfenen Gebäudekomplex gehören neben Bürogebäuden, ein Filmhaus (mit einer einzigartigen Marlene Dietrich-Sammlung), die Deutsche Mediathek, ein Unterhaltungsbereich mit einem modernen Kinozentrum (Multiplex-Movie-Center mit 2.300 Sitzplätzen und einem IMAX-3D-Kino) sowie Räumlichkeiten für den Einzelhandel, für Veranstaltungen und die Gastronomie.

Den architektonischen Mittelpunkt des Sony Centers bildet das Forum, eine lichtdurchflutete überdachte Arena mit 4.000 Quadratmeter Fläche. Dieser für Berlin neuartige Raum baut eine Brücke zum Leichtbau des 21. Jahrhunderts. 20 % des gesamten Baukomplexes sind für Wohnungen vorgesehen, die um das ehemalige Hotel Esplanade herum integriert werden. Der Büroturm wird mit 100 m Höhe das höchste Gebäude am Potsdamer Platz sein und das zukünftige Zentrum Berlins architektonisch maßgeblich prägen. Links und rechts vom Büroturm entsteht gerade der unterirdische Regionalbahnhof Potsdamer Platz für die Züge der Nord-Süd-Achse zwischen Lehrter Bahnhof und Papestraße.

Der dreieckige Gebäudekomplex (Triade aus 7 einzelnen Gebäuden), der auf dem ca. 26.500 Quadratmeter großen Grundstück entsteht, hat eine Bruttogeschoßfläche von circa 132.500 Quadratmetern, von denen die Büros 81.000, die Wohnungen 26.500, das Filmhaus und die Mediathek 19.000, das Entertainment Center 17.000 sowie der Einzelhandel und die Gastronomie etwa 9.500 Quadratmeter in Anspruch nehmen werden. Als Investitionsvolumen für das neue Sony Center wird 1,5 Milliarden DM genannt.

1994 ist Sony eine internationale Partnerschaft mit dem Projekt-Entwickler TishmanSpeyer und der Baufirma Kajima eingegangen, die 1996 der Firma Hochtief AG den "590 Millionen DM"-Auftrag erteilten, als Generalunternehmer das Bauwerk schlüsselfertig zu erstellen. 1999 wird das eigens für Sony am Potsdamer Platz entwickelte Dach und im Jahr 2000 das gesamte Projekt fertiggestellt sein. Die Tragwerksplanung des Sony Centers wurde von ARGE Ove Arup/BGS Berlin durchgeführt.

Sonderbauteile, die nicht zur primären Tragestruktur der Gebäude gehören, wurden unter anderem von Werner Sobek Ingenieure konzipiert. Hierzu gehören eine Reihe von Nur-Glas-Fassaden, bis zu 20 m hoch gespannte und verglaste Seil- und Seilnetzflächen, großräumige Wintergärten sowie in Glaskuben eingehüllte denkmalgeschützte Baufragmente, deren besondere Merkmale Leichtigkeit und Transparenz sind.

Die von Helmut Jahn entworfene und von Ove Arup & Partner berechnete filigrane Dachkonstruktion, die an einen aufgespannten Regenschirm erinnert, wird etwa 20 Millionen DM kosten. Das Forumdach hat einen elliptischen Grundriß mit einer freien Spannweite von 102 m in Hauptachse und 77 m in der Nebenachse. Das Gesamtgewicht des Daches beträgt 920 Tonnen, wobei 600 Tonnen Stahl, 150 Tonnen Seile sowie 3.500m2 Glasfläche und 5.250 m2 Gewebebahnen benötigt werden. Als Tragwerk für die Dachabdeckung dient eine zentrale Mastkonstruktion, die auf einem auf die umliegenden Gebäude montiertem Ring aus Stahlrohren befestigt wird und die übrigen Gebäude um 26m überragt.

Durch die Integration von durchscheinenden und durchsichtigen Flächen, ist eine abwechslungsreiche Belichtung des Forums, je nach Wetter und Tageszeit, gewährleistet. Um die Auswirkungen des Daches auf den darunterliegenden Platz und die angrenzenden Gebäude zu erproben, wurden die Lichtqualität und die Luftzirkulation simuliert. In Windkanal- und Modellversuchen wurde das Dach auch extremen Wind- und Schneelasten ausgesetzt.

Zu den Zeiten des deutschen Kaisers gehörte das Hotel Esplanade zu den berühmtesten Gebäuden Berlins. Das Hotel, daß 1908 eröffnet wurde, avancierte während den goldenen Zwanzigern zum Treffpunkt von internationalen Stars wie Charly Chaplin und Greta Garbo. Von dem während des 2. Weltkrieges nahezu vollständig zerstörten Gebäude, blieben nur einige Teilbereiche erhalten, die heute unter Denkmalschutz stehen.

Der Kaiserraum und der Frühstücksraum des ehemaligen Esplanade-Hotels geben dem modernen Gebäudekomplex von Sony eine interessante nostalgische Komponente. Beide Räume mußten wegen der Verbreiterung der Potsdamer Straße etwa 70 m gegenüber ihrem ursprünglichen Standort versetzt werden. Im März 1996 wurde der 1.300 Tonnen schwere neobarocke Kaisersaal auf Luftkissen zu seinem neuen Standort befördert. Der Frühstücksraum wurde in etwa 500 Bestandteile zerlegt und wird nach seinem Zusammenbau im neuen Sony-Zentrum als Restaurant fungieren.

Vom Land Berlin, der Deutschen Bahn AG und den privaten Investoren Sony, Daimler Benz und ABB wurde 1993 die Baulog GmbH gegründet, um die baulogistischen Maßnahmen am Potsdamer Platz zu koordinieren. Die Baugrubengröße der Sony-Baustelle beträgt circa 25.000 Quadratmeter bei einer Baugrubentiefe von 11 bis 15 Metern. Die Aushubmenge betrug hierbei 700.000 Tonnen, wobei 450.000 Tonnen Beton, Stahl und sonstiges Stückgut verbaut wurden.

Die Sony-Baustelle gehört zu den größten Baustellen in Berlin, da aufwendige Untergrundkonstruktionen durchgeführt werden mußten. Die Abdichtung zum Grundwasser stellte die Bauspezialisten vor eine besondere Herausforderung. Da in der Anfangsphase des Bauvorganges das Gewicht der oben liegenden Gebäude nicht ausreichte, um dem steten Druck des Grundwassers von unten entgegenzuwirken, mußte ein computergestütztes Wassermanagement betrieben werden - sonst hätte die gesamte Unterkonstruktion aufgeschwemmt werden können. Im Jahr 1995 erfolgte die Grundsteinlegung. Mittlerweile sind die komplexen unterirdischen Konstruktion samt Kinocenter, Bewirtschaftungsstraßen und Anbindungen zum Potsdamer Platz abgeschlossen. Das Richtfest wird im September 1998 stattfinden.

Martin Pawley über das neue Berlin und die Zukunft der Stadt: Warum sollte man eine Phantomstadt bauen? (Artur P. Schmidt)

Anzeige