Sorgt der Kohleausstieg für steigende Müllgebühren?

Müllverbrennung. Foto:

Der Kohleausstieg wurde zumeist nur unter dem Aspekt CO2-Minderung und Ausgleich für verlorengehende Arbeitsplätze betrachtet - und der in Kohlekraftwerken mitverbrannte Hausmüll?

Je nach Position war man nach dem Kohlekompromiss aus dem einen oder anderen Grund mehr oder weniger glücklich. "Eine Kilowattstunde wird im Jahr 2030 nur etwa ein Prozent mehr kosten als heute, wenn wie vorgesehen die Kohleverstromung um zwei Drittel zurückgeht und der Anteil Erneuerbarer Energien auf 65 Prozent steigt." vermeldet Agora Energiewende. Die Welt titelt hingegen "Der Kohle-Kompromiss wird für den Steuerzahler noch richtig teuer" und spricht von volkswirtschaftlichem Versagen, ja bezweifelt sogar positive Effekte fürs Klima.

Die Hausmüllverbrennung in den Braunkohlegebieten wird wohl teurer

Was bei den Verhandlungen und Kostenkalkulationen offensichtlich nicht berücksichtigt wurde, ist die Tatsache, dass in den Kohlekraftwerken nicht nur Kohle verbrannt wird, sondern auch ein Teil des in Deutschland anfallenden Haus- oder Restmülls. Der aus Hausmüll hergestellte sogenannte Ersatzbrennstoff (EBS) bot für die beteiligten Unternehmen bislang einen doppelten Nutzen: Die Müllentsorger wurden ihren Abfall los und die Kraftwerksbetreiber kamen kostengünstig an Brennstoff.

Beide profitierten auch von der Tatsache, dass Kraftwerke deutlich geringere Anforderungen an die Abgasreinigung einhalten müssen als Abfallverbrennungsanlagen. Gesetzliche Grenzwerte für die Schadstoffbelastung von "Ersatzbrennstoffen" sind offensichtlich nicht festgelegt. Das führt dazu, dass das Kraftwerksnebenprodukt REA-Gips aus der Rauchgasentschwefelung, das ohne EBS-Einsatz als Sekundärrohstoff verwertet werden kann und in Gipskartonplatten zum Einsatz kommt, durch die Abfallmitverbrennung die Zertifizierungen als Sekundärrohstoff verliert und entsorgt werden muss.

Letztlich spielten betriebswirtschaftliche Überlegungen die Hauptrolle bei der Entscheidung für oder gegen EBS. Die Umwelt spielt hierbei eher keine Rolle, denn die Müll-Mitverbrennung in Kraftwerken produziert, insbesondere wegen der großen Abgasvolumenströme, erheblich mehr Emissionen als die thermische Behandlung in regulären Müllverbrennungsanlagen.

Fällt nun die Braunkohleverstromung weg, so entfällt die kostengünstige Mitverbrennungsmöglichkeit für den zum EBS umgewidmeten Hausmüll, der bei der Aufbereitung lediglich von Bestandteilen wie Metallen sowie Feststoffen wie Glas oder Mineralen und Wasser befreit wurde, die sich nicht verbrennen lassen, jedoch nicht von Schadstoffen.

Aus Sicht des Umweltschutzes ist der Verzicht auf die Müll-Mitverbrennung durchaus vorteilhaft. Das Umweltbundesamt (UBA) hat im Juni 2018 in einer Studie mit dem Titel "Energieerzeugung aus Abfällen - Stand und Potenziale in Deutschland bis 2030" festgestellt, dass in absehbarer Zeit auch die Mitverbrennung von Abfällen in Braunkohlekraftwerken nicht mehr möglich sei und hat diese Kapazitäten für die Zukunft nicht mehr berücksichtigt.

Im Jahre 2015, als nach Angaben des Bundesumweltministeriums in Deutschland 14,1 Millionen Tonnen Hausmüll angefallen waren, wurden mehr als 1,5 Millionen Tonnen davon in Form von Ersatzbrennstoffen in Kohlekraftwerken mitverfeuert. Die müssen künftig in anderen Anlagen verbrannt werden, denn eine Deponie von Hausmüll ist in Deutschland nicht mehr zulässig.

Müllverbrennung in Müllverbrennungsanlagen lässt die Entsorgungskosten steigen

In Chemnitz werden in der mechanisch-physikalischen Restabfallbehandlungsanlage seit 2005 aus Hausmüll Ersatzbrennstoffe in Form von Pellets hergestellt. Jedes Jahr werden dort etwa 120.000 Tonnen Restmüll von mehr als 800.000 Menschen aus Chemnitz sowie aus Teilen der Landkreise Mittelsachsen und Erzgebirge verarbeitet. Etwa zwei Drittel des Mülls werden zu EBS verarbeitet und mit 3500 LKW-Ladungen zum Braunkohlekraftwerk Jänschwalde in Brandenburg gefahren und dort für die Stromerzeugung mitverbrannt.

Wenn die Kraftwerke jetzt in Etappen vom Netz genommen werden, entfällt diese Lösung. Vom 1. Juni 2020 an wird der Müll zur Müllverbrennungsanlage Zorbau in Lützen in Sachsen-Anhalt transportiert, was zu deutlich steigenden Kosten führt. Wurden für die Entsorgung einer Tonne EBS im Kraftwerk Jänschwalde bislang 35 Euro, inklusive Logistik und Transport dann insgesamt 61 Euro je Tonne bezahlt, so werden künftig 65 Euro pro Tonne fällig, zuzüglich Transport und Logistik, was direkt auf die Gebührenzahler umgelegt wird.

Andere Lösungen für die Müllentsorgung gesucht

Da die in Deutschland bestehenden Müllverbrennungskapazitäten zu fast 100 Prozent ausgelastet sind, müssen für die jährlich 700.000 Tonnen EBS, die bislang in Kohlekraftwerken mitverbrannt werden, neue Abnehmer gesucht werden - doch die sind nicht in Sicht. Und so sucht man nach anderen Wegen. In Freiberg werden beispielsweise kohlenstoffhaltige Feststoffe bei bis zu 1600 Grad Celsius und einem Druck von 60 bar in ihre Grundmoleküle Wasserstoff, Kohlenmonoxid, Kohlendioxid und Wasserdampf aufgespalten. Die so entstehenden Gase können als Ausgangsstoffe für die Petrochemie dienen und die verglaste Schlacke kann in der Bauindustrie verwendet werden. Für die großtechnische Umsetzung fehlen jedoch bislang die gesetzlichen Grundlagen für ein chemisches Recycling. (Christoph Jehle)