Souveränitätsübertragung von unserem Land an die EU

Bild: Pava/CC BY-SA-3.0

Um was es bei der Verfassungsreform in Italien geht - Ein Kommentar

Am 4. Dezember 2016 werden die Italiener über die vom Partito Democratico vorgeschlagene Reform der Verfassung abstimmen. Die Erläuterung der "Ja"- und "Nein"-Begründungen, anhand derer die Italiener sich entscheiden müssen, ob sie den reformierten Text genehmigen werden oder nicht, würde den Rahmen hier sprengen. Ich beschränke mich deshalb auf den Hinweis, dass die italienische Verfassungsreform weitgehend von äußeren, staatsfernen Kräften erwünscht, wenn nicht sogar direkt auferlegt wird.

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Es findet sich zum einen die Finanzgruppe JP Morgan, die bereits im Jahr 2013 in einem Dokument festgehalten hatte, dass eine Reform der von sozialistischen Ideen durchtränkten und auf Arbeitnehmerrechte zentrierten italienischen Verfassung von Nöten sei. Zum anderen findet sich der scheidende amerikanische Präsident Obama, der ebenfalls ausdrücklich das "Ja" unterstützt. Zu guter Letzt findet sich die Europäische Union, die, wie wir wissen, schon lange schamlos in das nationale Leben der Nationalstaaten eingreift, wie es in emblematischer Weise das "Briefchen" von 2011 der EZB an die italienische Regierung mit spezifisch einzuhaltenden politischen Richtlinien belegt.

Sagen wir es ganz offen – die EU will diese Reform: Es ist kein Zufall, dass sie eine weitere Souveränitätsübertragung von unserem Land an die EU vorsieht. Die totale Verdinglichung (Marx) beinhaltet die Entpolitisierung (Schmitt), damit die entpolitisierte Wirtschaft unangefochten herrschen kann.

Dies ergibt sich übrigens auch aus der Einleitung des Verfassungsentwurfes vom 8. April 2014. Unter dem Titel "Die Gründe für die Reform", bringt die Regierung selbst die Ziele zum Ausdruck: "Die Verlagerung des Entscheidungsschwerpunktes, der mit der starken Beschleunigung des europäischen Integrationsprozesses verbundenen ist, und insbesondere die Notwendigkeit, die interne Ordnung den jüngsten Entwicklungen der europäischen Wirtschaftsgovernance (daher, unter anderem, auch die Einführung des Europäischen Semesters und die Reform des Euro-Stabilitätspaktes) und deren strengen Haushaltsregeln (wie die neuen Regeln zu Schulden und Ausgaben) anzupassen; die Herausforderungen der Internationalisierung der Wirtschaft und des geänderten Kontextes des globalen Wettbewerbs." Klarer geht es nicht!

Kurz gesagt, führt diese namentlich von Premierminister Renzi vorgeschlagene und von der EU gewünschte Reform (aber auch, ich wiederhole es, von den USA und JP Morgan) die neue verfassungsrechtliche Verpflichtung der aktiven oder - ich wage es auszusprechen – unbedachten Teilnahme Italiens an der Entstehung und Umsetzung der europäischen Rechtsvorschriften und der EU-Politik ein.

Anders ausgedrückt "konstitutionalisiert" diese Reform die EU zu einer Macht, der sich Italien rückstandslos unterstellen muss: Das ist der Höhepunkt des Abbaus der Souveränität des italienischen Staates. So wird die Reform eine tatsächliche Infragestellung der europäischen Politik auf Grund eines Konfliktes mit den nationalen Rechtsvorschriften und den Grundsätzen unserer Verfassung erschweren.

Übersetzung Jenny Perelli

Diego Fusaro, 1983 in Turin geboren, lehrt Philosophie an der Mailänder Universität. Als unabhängiger Freidenker, intellektueller Dissident, der politisch weder rechts noch links anzusetzen ist, verblüfft er seit geraumer Zeit ganz Italien mit seiner eigenwilligen, neoidealistischen Auslegung des Marxschen Gedanken. Von ihm behauptet die Medienwelt, er sei zur Zeit einer der brillantesten Denker Italiens. Mit eleganter Begeisterung belebt er längst begraben geglaubte Begriffe wie Klassenkampf, Klassenbewusstsein, Proletariat u.ä. und füllt dank seines Charismas die Säle mit einer bunt gemixten Zuhörerschaft, die buchstäblich an seinen Lippen hängt. Er bezeichnet sich als unabhängigen Schüler von Hegel und Marx und ist von der Notwendigkeit einer Fortsetzung des politischen und kulturellen Kampfes überzeugt, den Karl Marx und Antonio Gramsci begonnen haben. In seinen Büchern beschreibt er die Widersprüche des Systems und des Lebens des postmodernen Menschen. Fusar0 betreibt die Website filisofico.net.

(Diego Fusaro)

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