Sozialer Zusammenhalt in Deutschland "gut"?

Grafik: TP

Laut Bertelsmann Stiftung ist es so - trotzdem präsentiert sie auch eine Menge unschöner Studienergebnisse

Globalisierung, Digitalisierung, viele Flüchtlinge und Migranten, die nach Deutschland kommen, und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich lassen skeptische Beobachter aktuell um den Zusammenhalt der Gesellschaft fürchten. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung (PDF) gibt jedoch Entwarnung: Um den Zusammenhalt sei es mit Stand 2017 "allen Unkenrufen zum Trotz ... nach wie vor gut bestellt".

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Auf dem erhobenen Gesamtindex für gesellschaftlichen Zusammenhalt erreicht Deutschland insgesamt 61 von 100 Punkten. Es ist demnach noch viel Luft nach oben - und hinter den fehlenden 39 Punkten steckt eine Reihe von Einzelergebnissen, die schwerlich die Schulnote "gut" verdienen.

Für die Studie wurden 2017 rund 5.000 deutschsprachige Bundesbürger ab 16 Jahren telefonisch nach ihren Einstellungen befragt. Die Ergebnisse sind für die 16 Bundesländer und daneben auch 79 kleinräumigere Regionen ausgewiesen. Unterschieden werden als Kernbereiche von Zusammenhalt drei Aspekte, die sich wiederum jeweils in drei Dimensionen untergliedern:

  1. Soziale Beziehungen: umfassen die Qualität sozialer Netze, das grundlegende Vertrauen in Mitbürger, die Akzeptanz einer Vielfalt der Lebensweisen;
  2. Verbundenheit: umfasst die Identifikation mit dem Gemeinwesen, in dem man lebt, das Vertrauen in dessen Institutionen, das Ausmaß des Erlebens von Gerechtigkeit;
  3. Gemeinwohlorientierung: meint das Maß an Solidarität und Hilfsbereitschaft der Bürger untereinander, die Bereitschaft, grundlegende soziale Regeln anzuerkennen, den Grad der zivilgesellschaftlichen und politischen Partizipation.

Die einzelnen Dimensionen werden in Fragen zur Lebenswelt und zu Meinungen der Befragungsteilnehmer übersetzt. Die Ergebnisse der Befragung sind dann mit objektiven statistischen sozial-ökonomischen Zahlen sowie Indikatoren für Gesundheit, Glück, Zufriedenheit in Zusammenhang gebracht. Die öffentlich viel und kontrovers diskutierten Themen deutsche (Leit-)Kultur als Bestandteil nationaler Identität und Kriminalität in der Gesellschaft treten dabei in den Hintergrund.

Abgefragt werden als "Probleme" in der Nachbarschaft "Hundekot auf der Straße, falsch oder behindernd parkende Autos, beschädigte Spielplätze, Graffiti, Müll in den Straßen oder Grünanlagen, Ruhestörung, herumlungernde Betrunkene, Belästigung oder Beschimpfungen".

An eine "einheitliche Kultur", formuliert die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung Liz Mohn - als quasi unumstößliche Prämisse -, sei gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht gebunden.

Unter dem Strich, so die Studie, sei der gesellschaftliche Zusammenhalt "gut". Auch die "wachsende kulturelle und religiöse Vielfalt" stehe dem nicht entgegen. Allerdings gebe es auch "deutliche Anzeichen für mögliche Gefährdungen": Dazu zählten die in der Bevölkerung wahrgenommene "Gerechtigkeitslücke" und die "tiefe Spaltung", die sich in Bezug auf das soziale Miteinander zwischen Ost und West sowie zwischen strukturschwachen und prosperierenden Regionen auftue.

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Bezogen auf den Gesamtindex für Zusammenhalt - wie gesagt: gut 61 Punkte - erreichen die einzelnen Bundesländer zwischen 57 und 63 Punkte. Dabei ist der Wert in Ostdeutschland/Berlin durchgängig etwas, aber nicht gravierend, niedriger als in den alten Bundesländern.

Die höchsten Werte erreichen das Saarland, Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Hessen. Hinter den Indices verbergen sich allerdings unterschiedliche, wohl bemerkt auch durchaus widersprüchliche Ausprägungen in den Einzel-Dimensionen für jedes der Bundesländer.

Im Einzelnen haben fast 4 von 10 Bürgern (38 %), also beachtliche Teile der Umfrageteilnehmer, den Eindruck, dass der Zusammenhalt in ganz Deutschland "gefährdet" ist. Weitere 37 Prozent sagen teils/teils, gerade einmal jeder vierte Befragte zeigt sich eher sorglos.

Während jedoch in Hamburg und Bremen ein unterdurchschnittlicher Bevölkerungsanteil (27 % bzw. 31 %) um den bundesweiten Zusammenhalt fürchtet, zeigen sich die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern (55 %) , Sachsen, Brandenburg und Thüringen besonders stark beunruhigt.

Bezogen auf die Wohngegend sieht das Bild deutlich erfreulicher aus: 68 Prozent der Bürger schätzen den Zusammenhalt in der "Gegend, in der man wohnt," als sehr oder eher gut ein, nur 7 Prozent halten ihn für eher oder sehr schlecht. Im Ländervergleich stufen vor allem die Saarländer, Rheinland-Pfälzer, Bayern und Schleswig-Holsteiner den Zusammenhalt vor Ort als hoch ein. Demgegenüber empfinden in Hamburg und Berlin sowie in Hessen nur 5 bis 6 von 10 Einwohnern den engeren lokalen Zusammenhalt als angenehm.

Die Tatsache, dass der lokale Zusammenhalt als sehr viel besser als der bundesweite eingeschätzt wird, ist dabei nicht wirklich verwunderlich. Es ist zu erwarten, dass Menschen sich im engeren - gegebenenfalls sozial recht homogenen - selbst gewählten Wohnumfeld, mit Kontakten im gleichen Milieu, geborgener fühlen als im Gesamtgebilde Deutschland.

Selbst eine in abgeschottete "Parallelwelten" unterteilte Gesellschaft könnte auf der lokalen Ebene, rein theoretisch, eine Zusammenhalts-Quote von 100 Prozent produzieren. Sprich: Die ganz konkreten Alltagserfahrungen mit der Nachbarschaft und die Frage, ob die Gesamtgesellschaft auseinanderdriftet, eine nationale Identität aufweist, sind zwei Paar Schuhe.

Gegenüber staatlichen Institutionen zeigen sich starke Minderheiten kritisch - kein gutes Zeichen für eine Demokratie. Die Polizei schneidet am besten ab. Ihr vertrauen 70 Prozent der Befragten stark und nur 8 Prozent wenig, 22 Prozent sagen "teils/teils". Auch die Gerichte stehen mit 49 Prozent Vertrauen bzw. 15 Prozent Misstrauen noch relativ gut da.

Dem Bundestag und der Bundesregierung schenken hingegen lediglich 3 von 10 Befragten großes oder sehr großes Vertrauen - jeder vierte Befragte hegt wenig bis kein Vertrauen. Die politischen Parteien kommen bei bescheidenen 9 Prozent der Bürger eindeutig gut weg, bei 36 Prozent eindeutig schlecht.

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