Sozialrevolte in Marokko

Screenshot, Proteste am 11.Juni. YouTube

Proteste im Rif weiten sich auf andere Landesteile aus

Die massenhaft getragene Sozialrevolte im Norden Marokkos zieht zunehmend breite Kreise. Auch beim Staatsbesuch des französischen Präsidenten Emmanuel Macron - seinem Antrittsbesuch bei den Regimes in Nordafrika - am 14. Juni bildete sie ein Thema, das angesprochen wurde. Dies hinderte den jungforschen französischen Präsidenten nicht daran, die Monarchie in Marokko unter dem Strich im Namen Frankreichs und der EU zu unterstützen.

Ein von zahlreichen Menschenrechts-, Solidaritäts- und Antirassismusgruppen in Frankreich getragener Appell bzw. Offener Brief an Macron, im Vorfeld seines Besuches, änderte daran nichts.

Just am Tag des Staatsbesuchs aus Frankreich fielen die Urteile in einem Massenprozess gegen 25 Aktivisten der sozialen Protestbewegung, welcher in der Provinzhauptstadt Al-Hoceima stattfand. 28 von insgesamt 32 Angeklagten wurden dabei zu je anderthalb Jahren Haft verurteilt.

Die Anklagepunkte lauteten dabei auf illegale Versammlung, Widerstand gegen die Staatsgewalt, in einigen Fällen wurden auch Gewalttätigkeiten gegen die Polizei behauptet. In Wirklichkeit ging die Gewalt natürlich, wie in einem autoritären Regime - das erst 2016 durch die Anti-Folter-Kommission der UN in Genf verurteilt wurde - üblich, vor allem von eben jener Polizei aus. Dabei handelt es sich nur um eine Spitze des Eisbergs der Repression.

Je nach Angaben wurden seit Ende Mai dieses Jahres über 100 (so die staatstragende marokkanische Presse) oder auch über 200 Personen aufgrund ihrer Teilnahme an den Protesten festgenommen und inhaftiert. Menschenrechtsvereinigungen zufolge muss in einigen Fällen von regelrechtem Kidnapping gesprochen werden, wenn Demonstrationsteilnehmer von Unbekannten - die sich nicht als Polizisten auswiesen - eine Kapuze über den Kopf gestülpt bekamen und/oder einfach mitgenommen und verschleppt wurden.

Einer der durch die Basis anerkannten Anführer der seit nunmehr acht Monaten andauernden, massiven Protestbewegung wurde seinerseits am 29. Mai festgenommen. Es handelt sich um den 39jährigen Erwerbslosen Nasser Zefzafi. Er hatte sich zunächst einem Zugriff durch die Staatsorgane ein paar Tage lang entziehen können.

Ihm wurde vorgeworfen, zuvor eine Predigt des Imams in der Hauptmoschee von Al-Hoceima unterbrochen zu haben, da er ihm sozialkonservative bis reaktionäre, gegen gesellschaftliche Veränderungen gerichtete Inhalte vorwarf. Zefzafi droht mehrjährige Haft.

Das Ergebnis der Festnahme Zefzafis, die zeitgleich mit der bisher massivsten Massenverhaftungswelle im Zusammenhang mit den Protesten, Ende Mai, erfolgte - seitdem kam es zu neuen Festnahmen - war jedoch vor allem eine breite Solidarisierung mit dem Repressionsopfer. Demonstrationsteilnehmer und -teilnehmerinnen bekundeten massenhaft: "Nehmt uns alle fest!"

Zefzafi wurde als aktives Sprachrohr der Protestbewegung durch eine junge Frau abgelöst, die 36jährige Nawal Benaissa; eine Mutter von vier Kindern, die sich mit Zustimmung ihrer Familie, trotz des Risikos einer jederzeitigen Festnahme, dem Protest anschloss.

In einer von konservativen Alltagspraktiken dominierten Region wie dem nordafrikanischen Rif-Gebirge ist es bemerkenswert, in welchem Ausmaß Frauen eine aktive Rolle in dieser Protestbewegung spielen und eigenständig agieren.

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