Spam, Betrug und Drogen

Nigeria-Connection in Amsterdam kalt erwischt: 52 verhaftet

Wer hatte noch kein "CONFIDENTIAL BUSINESS PROPOSAL" eines "GENERAL UMARU WOSHA" im Postfach, in dem dieser in gebrochenem Englisch und Großbuchstaben um Mithilfe an einem kriminellen Geldtransfer von einigen Millionen bittet, die natürlich nicht kostenlos sein soll?

Das ist sie auch tatsächlich nicht, denn auf die versprochene stattliche Provision wartet jeder geldgierige Einfaltspinsel, der sich auf die Nigeria Connection einlässt, vergeblich, doch ein krimineller Geldtransfer findet tatsächlich statt: Regierungsbeamte und der Zoll müssen nämlich angeblich plötzlich geschmiert werden und statt Geld zu bekommen, wird zum Opfer, wer sich auf die Nigerianer einlässt.

Die Betrugsbriefe werden seit 1988 verschickt (15 Jahre Nigeria-Connection), anfangs als Fax, dann als teils täglich auftauchende Spam-Emails. Zwar sind die erfundenen Geschichten geradezu abenteuerlich blöd, doch angesichts der im Vergleich zu Viagra und Schniedelverlängerungen wesentlich höheren Gewinnspanne von knapp 4.000 Dollar pro erfolgreichen Betrug lohnt es sich für die Nigerianer, wenn auch nur einer von Zehn- oder Hunderttausend Bespammten anbeißt: Seit Jahrzehnten läuft das kriminelle Geschäft, das von manchen bereits als eine der Haupteinnahmequellen Nigerias angesehen wird, dessen Ruf massiv ankratzt und für das im nigerianischen Strafrecht mittlerweile ein eigener Paragraph, der § 419, vorgesehen wurde.

Man hatte sich mit der ständigen Betrugsmailplage längst abgefunden und nur Internet-Neulinge regen sich über die ständigen Nigeria-Mails noch auf, während eingesessene Netiziens die Nigerianer mit ebenso blöden Antworten veräppeln, die Mails vertonen, ihrerseits versuchen, den Betrügern Geld abzuluchsen (Der dümmste Kriminelle auf diesem Planeten) oder Parodien der Nigeria-Briefe verschicken (Die USA-Connection). Einer stellte gar eine Ankündigung der "3. nigerianischen Email-Konferenz" ins Netz (Große Dinge werfen ihren Schatten voraus) und der "Schockwellenreiter" Jörg Kantel hat mittlerweile statt Briefmarken ein Archiv mit knapp 650 Nigeria-Mails angelegt.

Klingt also ganz lustig, das nigerianische Treiben, ist es aber nicht für Betroffene wie den westdeutschen Stadtkämmerer, der den Gaunern kommunales Geld anvertraute und sich dann wunderte, dass anschließend doch keine Millionen zurück in die nun geleerte Stadtkasse flossen, oder die US-Bankerin, die auf die Nigerianer hereinfiel. Im Februar 2003 gab es den ersten Toten: Ein tschechisches Opfer der Nigeria-Connection erschoss nach einem Jahr vergeblichen Jammerns über das verlorene Geld kurzerhand den nigerianischen Konsul Michael Lekara Wayid in Prag.

Als Nigerias Finanzminister Ngozi Okonjo-Iweala am World Economic Forum in Davos wieder einmal versprach, dass die Betrüger bald dingfest gemacht würden, werten die Anwesenden dies trotzdem nur als reine Höflichkeitsäußerung: Obwohl in den letzten Jahren durchaus in Australien, Kanada und den USA Nigeria-Betrüger festgenommen waren, hatten die Mails und Betrugsfälle nicht abgenommen - die Polizei war mengenmäßig einfach überfordert, in den USA hatte man gerade zwei Beamte übrig.

Doch nun wurden im bislang größten Schlag gegen die Nigeria-Connection von 80 Polizisten 23 Appartements durchsucht und 52 Beteiligte festgenommen - ein Verdächtiger verletzte sich, als er durch einen Sprung aus dem dritten Stock seiner Verhaftung entgehen wollte - sowie 50.000 Euro in bar, Computer, Mobiltelefone und gefälschte Dokumente sichergestellt - und zwar nicht in Nigeria, sondern in Amsterdam. Die Nigeria-Connection war dort aufgefallen, weil das Versenden der Unmengen an Betrugs-Emails regelmäßig die Mailserver des holländischen Kabel-Internetproviders UPC lahm legte, dessen Flatrate die in den Niederlanden wohnenden Nigerianer bevorzugten. Der geknackte Betrugsring, der natürlich nur einen Teil der Organisation darstellt, hatte bereits Millionen von Euros ergaunert.

Im Mai 2003 waren in Amsterdam erst sechs Urteile gegen Nigeria-Betrüger mit Gefängnisstrafen von einem bis zu viereinhalb Jahren ausgesprochen worden. Die jetzige, gut vorbereitete Aktion deckte jedoch auch Verbindungen zwischen den Email-Betrügern und Drogenschmugglern von den niederländischen Antillen auf: Jährlich bis zu 25.000 aus Kolumbien über die niederländischen Antillen nach Amsterdam einfliegende Drogenkuriere transportieren Kokain in verschluckten Kapseln. Die Auftraggeber sind neben kolumbianischen Drogenbaronen auch Nigerianer, so die holländische Polizei, und die ergaunerten "Nigeria-Connection"-Gelder finanzieren dann den Drogenschmuggel.

Da Amsterdam der Nigeria-Connection bereits zu heiß geworden war, haben sich viele schon vor der jetzigen Razzia abgesetzt: Die Redaktion der englischen "The Register" hatte bereits bemerkt, dass viele Betrugs-Mails seit neuestem nicht mehr aus Amsterdam kommen, sondern aus Spanien. (Wolf-Dieter Roth)

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