Spanien: Ist der Kopf islamistischer Terrorzelle wirklich in die Luft geflogen?

Immer merkwürdigere Umstände kommen ans Licht, Aussagen wurden versteckt, der Imam war ein Zuträger des Geheimdienstes, die überlebenden Terroristen wurden nicht des Mordes angeklagt

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass der Kopf der Terroranschläge im Sommer vor drei Jahren in Barcelona und Cambrils ein Zuträger des spanischen Geheimdienstes war.

Die Zeitung Público hatte vor einem Jahr aufgedeckt, dass der Geheimdienst und andere spanische Sicherheitskräfte mit dem Imam Abdelbaki Es Satty bis zu den Anschlägen im August 2017 in Kontakt standen, worüber Telepolis ausführlich berichtet hatte (Spanischer Geheimdienst kontrollierte Terrorzelle.

Nun hat Público nachgelegt und veröffentlicht, dass eine zentrale Aussage zu der Tätigkeit von Es Satty für den spanischen Geheimdienst in dem Berg der Ermittlungsakten im Umfang von 100.000 Seiten verborgen und von der Staatsanwaltschaft und der Guardia Civil übergangen wurde. Für einen Zufall hält das die Zeitung nicht, schließlich habe es sich um einen Hauptzeugen gehandelt, dessen Vernehmung ausdrücklich von Spanien bei den belgischen Behörden angefordert worden war.

Público geht eher davon aus, dass die Aussage verborgen bleiben sollte. Sie wird deshalb in einer Zusammenfassung über die Ermittlungen im Rahmen eines Rechtshilfeersuchens nicht erwähnt und sie taucht im Inhaltsverzeichnis einer CD nicht auf, auf der sie abgespeichert ist. Weder der Richter noch die Anwälte hätten deshalb von der Existenz der Aussage gewusst. Und dem zuständigen Richter sei auch keine Übersetzung der Aussage übermittelt worden.

Es handelt sich dabei um die fünfseitige Zeugenaussage von Soliman Akaychouh, der Leiter einer Moschee in Diegem bei Brüssel, wo Es Satty predigen wollte. Akaychouh wurde schon drei Tage nach den Anschlägen vernommen und erklärte in der von Público veröffentlichten Aussage, dass Es Satty nach eigenen Angaben im telefonischen Kontakt mit dem spanischen Geheimdienst stand. "Er sagte mir, dass er mit dem spanischen Geheimdienst sprach, der unter anderem wissen wollte, wo er sei", sagte der Leiter der Moschee aus.

Dem Leiter der Moschee war der Imam wegen seiner Radikalität und seines Extremismus suspekt. Deshalb hatte er sich auch mit der belgischen Polizei in Verbindung gesetzt. Die habe daraufhin eine Anfrage an die katalanische Polizei gestartet. Die ergab aber nichts, da die Mossos d'Esquadra bekanntlich von den spanischen Kollegen über die Aktivitäten des bekannten radikalen Islamisten und ehemaligen Drogenhändler nicht informiert worden waren. Wie Telepolis berichtete, waren die Mossos zudem vom Zugang zu wichtigen Daten und Ressourcen des Zentrums zur Bekämpfung von Terror und organisierter Kriminalität (CITCO) abgehängt worden.

Dahinter stand ein unglaublicher Vorgang, bei dem spanische Nationalpolizisten 2015 radikale Islamisten vor den Ermittlungen der katalanischen Polizei gewarnt hatten. Die Truppe wurde mit der "Operación Caronte" ausgehoben und wollte Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Barcelona und das Parlament durchführen. Die Islamisten standen dabei auch in Verbindung zu einem Neonazi, Freund des Chefs der Truppe, um sich Waffen und Sprengstoff zu besorgen. Und der wurde erstaunlicherweise nicht wegen "Terrorismus-Unterstützung" angeschuldigt.

Die großen Parteien verhindern die Aufklärung über Verwicklungen des Imams mit den Sicherheitskräften

Diese Vorgänge reihen sich in eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten um islamistische Aktivitäten in Katalonien und Es Satty ein. Denn schon seit 2003 war er spanischen Sicherheitskräften als radikaler Islamist bekannt. Er stand in Kontakt mit radikalen Islamisten und war mit einem derer befreundet, die das Massaker 2004 in Madrid mit 191 Toten angerichtet hatten. Komischerweise wurde Es Satty auch frühzeitig aus dem Knast entlassen, wo er wegen Drogenhandel saß. Und seine Abschiebung nach Marokko, die im Urteil nach der Strafverbüßung ausdrücklich festgelegt worden war, wurde ebenfalls nicht umgesetzt, da von ihm keine "Gefahr" ausgegangen sei.

Merkwürdigkeiten könnte man noch viele aufzählen. Da wäre die Tatsache, dass sich auch alle großen Parteien im spanischen Parlament weigern, die Verwicklungen des Imams mit den Sicherheitskräften zu untersuchen. Dann wäre da die Tatsache, dass die überlebenden Mitglieder der Terrorzelle nicht wegen Mordes angeklagt werden, obwohl sie 17 Menschen umgebracht haben - darunter eine deutsche Frau - und riesige Anschläge vorhatten. Sie wurden verhindert, weil ein Teil der Truppe beim Bombenbau in der Nacht zuvor in die Luft flog.

"Wir stellen in Zweifel, dass der Imám von Ripoll tot ist"

Die neueste und interessanteste Merkwürdigkeit ist aber, dass nun schwerwiegende Fragen auftauchen, ob der Geheimdienstspitzel Es Satty tatsächlich beim Bombenbau in Alcanar in die Luft geflogen ist, wovon bisher stets ausgegangen wurde. Der Anwalt Jaume Cuevillas erklärte im katalanischen Fernsehen: "Wir stellen in Zweifel, dass der Imám von Ripoll tot ist." Cuevillas vertritt die Familie des jungen Xavier Martínez, der ebenfalls bei der Terrorfahrt mit dem Kleintransporter auf den Ramblas ermordet wurde.

Er hat in den Ermittlungsakten keine Beweise gefunden, wie DNA-Spuren, die belegen könnten, dass sich Es Satty zum Zeitpunkt der Explosion tatsächlich in dem Haus aufgehalten hat. Nach Angaben der Ermittler sollen sich vier bis fünf Terroristen dort aufgehalten haben. Es seien aber in dem Schutthaufen nur Reste von zwei Personen gefunden worden, von der nur eine habe identifiziert werden können. Zudem hätten Zeugen ausgesagt, dass der Wagen des Imams kurz nach der Explosion weggefahren sei, der später in einem Nachbardorf gefunden wurde.

In dem Schutthaufen wurde auch das Handy von Es Satty nicht gefunden. Damit sei vier Tage nach der Explosion noch telefoniert worden, berichtet der Anwalt aus den Ermittlungsakten. Auch die E-Mail-Adresse, über die der Terrorchef in Kontakt mit dem Geheimdienst stand, wie Público aufgedeckt hatte, sei nach der Explosion weiter benutzt worden. Für Cuevillas ist zudem auffällig, dass niemand die Leiche des Imams beansprucht habe, aber die Nichte des Imams in der Nacht nach der Explosion und Stunden vor dem Anschlag in Barcelona zwei Flugtickets gekauft hat. Wegen all dieser Vorgänge äußerte der Anwalt "berechtigte Zweifel", dass Es Satty tot ist. (Ralf Streck)