Spanien: Krise treibt Suizide auf neuen Rekord

Die Zahl der Selbstmorde nahm seit 2007 deutlich um 20% zu und ist die häufigste Ursache eines nichtnatürlichen Todes

"Ein Mann in den Sechzigern begeht in Valencia Selbstmord, bevor er aus seiner Wohnung geräumt wurde", titelte die spanische Lokalzeitung "Levante" vergangene Woche. Es war das Räumungskommando, das den 66-jährigen Mann fand. Er hatte sich in der südostspanischen Stadt das Leben genommen, bevor er auf die Straße gesetzt wurde. Er konnte seit dem vergangenen November die Miete nicht mehr bezahlen.

Derlei Meldungen tauchen in landesweiten Medien kaum noch auf. Das war einmal anders. Spektakuläre Selbstmorde bei Räumungen hatten einst die Scheinwerfer auf das Drama geschaffen und eine breite Öffentlichkeit geschaffen (Neuer Selbstmord in Spanien bei Zwangsräumung). So entstand mit der Bewegung gegen die Zwangsräumungen eine starke Kraft im Land und ließ zum Beispiel zwischenzeitlich aus ihrem Aushängeschild Ada Colau die Bürgermeisterin von Barcelona werden.

Während andere ehemalige Aktivisten der Bewegung nun in die große Politik gegangen sind und dort auch um die Bildung der spanischen Regierung buhlen, geht das soziale Drama mit tödlichen Konsequenzen weiter. Das belegen auch Zahlen, die das nationale Statistikamt (INE) diese Woche veröffentlicht hat. Die Statistiker zeigen auf, wie seit dem Ausbrechen der schweren Krise die Zahl der Suizide um 20% angestiegen ist. 2014, für 2015 liegen noch keine Daten vor, wurde mit 3.910 Selbstmorden die höchste Zahl erreicht, seit mit den Aufzeichnungen in Spanien vor 35 Jahren begonnen wurde.

Mit den INE-Zahlen wird klar, dass seit dem ersten Krisenjahr 2008 ein deutlicher Anstieg der Selbstmorde zu beobachten ist. Spanien bestätigt damit die Untersuchungen, die aufzeigen, dass die Selbstmorde insgesamt in der Krise deutlich zugenommen haben (Wie die Krise tötet). Da das auch das Jahr war, in dem im Land das Punktesystem für Führerscheine eingeführt wurde und krisenbedingt der Verkehr abnahm, gab es erstmals mehr Selbstmorde als Verkehrstote. Die Schere geht seither immer stärker auseinander. 2014 haben sich schon doppelt so viele Menschen das Leben genommen, wie auf den gefährlichen Straßen ums Leben kamen. Suizide sind inzwischen in Spanien die häufigste Ursache für einen nichtnatürlichen Tod.

Es kann nun ein immer klarerer Zusammenhang zwischen Zwangsräumungen und Selbstmorden hergestellt werden, auch wenn die Statistiker diesen Zusammenhang nicht herstellen. Denn mit der extrem steigenden Arbeitslosigkeit, die Quote stieg 2009 auf knapp 20%, nahm die Zahl der Zwangsräumungen ab 2011 stark zu. Denn viele Menschen fielen dann durch alle sozialen Netze. In Spanien gibt es höchstens zwei Jahre Arbeitslosengeld. Danach gibt es, allerdings auch nicht in allen Fällen, für sechs Monate ein Sozialgeld in Höhe von 400 Euro.

Mit der Ausweitung des Zwangsräumungsdramas wurden Selbstmorde immer häufiger. 2012 wurde sogar ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 11 % verzeichnet, als die Arbeitslosenquote mit fast 26% den Höchststand erreicht hatte. 2013 blieb die Arbeitslosigkeit auf dem extrem hohen Niveau zwar praktisch stabil, die Suizide nahmen aber erneut um 9 % zu. Die Zahl stieg zwar 2014 weiter an, aber der Anstieg schwächte sich gegenüber dem Vorjahr mit gut 1 % deutlich ab.

Gespannt darf man auf Zahlen von 2015 sein. Mit der wirtschaftlichen Erholung ging die Arbeitslosigkeit auf gut 20% zurück. Gegenüber dem Vorjahr nahm die Zahl der Zwangsräumungsverfahren nur leicht von etwa 68.100 auf 67400 um 1,1% ab, womit klar ist, dass die Krise für die Menschen im Land weiter nicht vorbei ist. So darf erwartet werden, dass sich auch im vergangenen Jahr an der Zahl der Selbstmorde kaum etwas geändert hat. Insgesamt wurden seit Krisenbeginn etwa 650.000 Räumungsverfahren eingeleitet, die letztlich fast immer zum Verlust der Wohnung führten. Das hat auch damit zu tun, dass sogar ein Verfahren, das keine rechtliche Grundlage hat, nicht einmal von einem Richter gestoppt werden kann. Der Europäische Gerichtshof hatte deswegen Gesetzesveränderungen gefordert. Er hält auch die reformierten Gesetze nicht mit dem europäischen Verbraucherrecht vereinbar.

Für Spezialisten ist die hohe Zahl der "Selbstmorde gekommen, um zu bleiben". Das meint Santiago Durán-Sindreu. Der Psychiater, spezialisiert auf Suizide im Krankenhaus Sant Pau in Barcelona, weist auf die Tendenzen vor der Krise hin. Deshalb lasse sich das Phänomen nicht darauf reduzieren. Schon seit 1980 sei ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen. "Egal, was die Ursache ist", meint er, "es müsse an Präventionsmaßnahmen gearbeitet werden". Die seien anders als in Nordeuropa praktisch inexistent und der "Suizid weiter ein Tabuthema". Allerdings wäre es in Spanien schon Prävention, den Menschen eine Ersatzwohnung zu bieten. Das ist selten der Fall, weshalb sogar der Europäische Menschenrechtsgerichtshof schon Räumungen gestoppt hat, weil sogar Familien mit kleinen Kindern einfach von den Banken auf die Straße gesetzt werden, die mit Steuergeldern gerettet wurden. (Ralf Streck)

Anzeige