Spanien: Warum so viele junge Menschen nicht "auf eigenen Füßen" stehen

Barcelona. Bild: Pixabay License

Mehr als 65% aller jungen Menschen zwischen 16 und 34 Jahren leben noch immer bei den Eltern, deutlich mehr als vor 10 Jahren

In Spanien war Wahlkampf. Nicht nur das Europaparlament und Kommunalparlamente wurden gewählt, sondern ein Monat zuvor wurde bei vorgezogenen Neuwahlen auch das spanische Parlament neu bestimmt. Die jungen Wähler waren besonders umworben, denn die älteren Generationen sind im Wahlverhalten weniger mobil.

Deren Wahlverhalten, zu einem guten Teil sehr konservativ, steht meist fest und bewegt sich eher weiter nach rechts bis tief hinein ins ultrarechte Lager, wie die Wahlerfolge der Ciudadanos und der offen faschistisch auftretenden VOX zeigen.

So umwarb der sozialdemokratische Regierungschef ganz besonders die jungen Menschen, die heute im Land miese Bedingungen vorfinden und machte erneut große Versprechen. Zahlen der spanischen Statistikbehörde (INE) machen jedoch unmissverständlich deutlich, wie die Lage ist und geben einen Anhaltspunkt, warum der Auszug aus dem Elternhaus für viele nurmehr ein schöner Traum bleibt.

Die Zahl derjenigen, die zuhause wohnen, ist in den vergangen zehn Jahren weiter deutlich gestiegen. Waren es 2008, zu Beginn der schweren Krise, noch 58,1% der jungen Menschen im Alter zwischen 16 und 34 Jahren, die sich nicht emanzipieren konnten, waren es 2018 sogar schon 65,1%.

"Verlorene Generation"

Das belegt zudem das Gegenteil der Propaganda, die den Menschen in Spanien seit Jahren verkauft wird, wonach die Krise angeblich überwunden sei. Verwiesen wird dabei gerne darauf, dass das Land seit Jahren stabil wächst. Doch viele Menschen, vor allem junge, bekommen weiter von diesem Wachstum nichts ab. Die Lage der jungen Menschen zeigt das sehr deutlich. Und so ist ans Ausziehen von zuhause immer weniger zu denken.

Dieser gebeutelte Teil der Gesellschaft, es wird auch gern von einer "verlorenen Generation" gesprochen, umwarb der Sozialdemokrat Pedro Sánchez im Wahlkampf sehr stark. Er köderte sie ganz besonders, verabschiedete vor den Neuwahlen auch noch schnell noch einige Dekrete. Damit gab er vielen jungen Menschen das Gefühl, dass sie etwas zu verlieren hätten, sollte er nicht bestätigt werden und die Rechten kommen.

Zudem baute Sánchez die Hoffnung auf, dass er auf diesem Kurs fortfahren würde, wenn er die Wahlen gewinnt. Auf den Wahlveranstaltungen erklärte er zum Beispiel mit Blick auf die Jugend: "Wir wollen ein Spanien, wo die jungen Leute studieren, einen würdigen Arbeitsplatz finden und sich mit 20 Jahren von den Eltern emanzipieren und nicht mit 35, wie es heute in Spanien der Fall ist."

Spanien im Vergleich mit anderen Ländern

Tatsächlich ging seine Strategie auf, obwohl er mit seiner Angabe deutlich übertrieb und zeigte, dass er über die Situation vieler Menschen nicht wirklich etwas weiß. Denn tatsächlich emanzipieren sich junge Menschen im spanischen Staat durchschnittlich mit knapp 30 Jahren, statt mit 35 Jahren, wie Sánchez behauptet hatte. Das Land liegt damit allerdings deutlich über dem ohnehin hohen europäischen Durchschnitt von 26 Jahren.

In Deutschland emanzipiert man sich im Durchschnitt mit knapp 24 Jahren, im reicheren Luxemburg schon mit 20 und in Schweden sogar schon mit etwas über 18 Jahren. Das zeigen Zahlen der Europäischen Statistikbehörde (Eurostat).

Diese Zahlen demonstrieren auch, dass es sogar noch Länder wie Bulgarien oder Malta gibt, bei denen es noch finsterer als in Spanien aussieht. Kroatien schießt den Bock mit fast 32 Jahren ab. Aber auch das Land kommt nicht an die Schwelle von 35 heran, von der der spanische Regierungschef für seine Heimat fabulierte, deren reale Lage er nicht kennt.

Das ist natürlich kein gutes Zeichen. Wer die Lage nicht kennt, wird kaum die nötigen Maßnahmen ergreifen, um sie zu ändern. Besonders vorsichtig sollte man bei dem "Stehaufmännchen" sein, das gerne links blinkt und rechts überholt, viel verspricht, aber nichts einhält.

Arbeitslosigkeit: Der Beitrag der Sozialdemokraten

Bei all der Wahlpropaganda ging natürlich unter, dass zur verheerenden Lage für junge Menschen im Land die Sozialdemokraten (PSOE) massiv beigetragen haben. Denn anders als beim Nachbar Portugal haben auch die spanischen Sozialdemokraten auf die Austeritätsprogramme gesetzt, den Abbau erkämpfter Rechte und damit die Prekarisierung der Arbeitswelt massiv vorangetrieben und noch nicht wirklich damit gebrochen. In Portugal wurde die Arbeitslosigkeit dagegen von der Linksregierung auf 6,4% gedrückt und die Jugendarbeitslosigkeit ist mit 16,5% auch nicht einmal halb so hoch wie in Spanien.

Insgesamt ist die allgemeine Arbeitslosigkeit in Spanien mit 14% noch immer sehr hoch und die Quote beträgt bei jungen Menschen bis zu 25 Jahren sogar noch immer mehr als 36%. Damit haben wir einen zentralen Faktor, weshalb die Emanzipationsquote im Land so niedrig ist. Dass die Sozialdemokraten wenig an der Lage bisher geändert haben, allen voran nicht einmal die besonders krasse Arbeitsmarktreform der rechten Vorgänger wie versprochen geschleift haben, ist offensichtlich vielen jungen Wählern entgangen.

Fast 29% haben in der Altersgruppe zwischen 18 und 30 Jahren wie keine andere Altersgruppe die PSOE von Sánchez gewählt. Vielen Erstwählern ist offenbar nicht bekannt gewesen, dass die PSOE dafür eintrat, die Schuldenbremse in die Verfassung zu schreiben und dass sie die Vermögenssteuer mitten in der Krise abgeschafft hat.

Die Partei lag in der Wählergunst nun bei jungen Menschen sogar 10 Punkte vor der von Podemos geführten Linkskoalition. Die ultrakonservative Volkspartei (PP) lag dafür mit 28% bei den Rentnern ab 66 Jahren abgeschlagen an der Spitze. Podemos, die einst auf die Stimmen der jungen Menschen zählen konnte, die ihre Hoffnung darin gesetzt hatten, dass diese Partei und die ihr nahestehenden Bürgerbewegungen an der fatalen Lage für junge Menschen etwas ändern würde, haben der Partei in Scharen den Rücken zugekehrt. Die Wohnungsfrage ist dafür bedeutsam.

Zwangsräumungen und Obdachlosigkeit

Zentraler Bestandteil der Empörten-Bewegung, aus der Podemos entstammt, war auch die Frage von Zwangsräumungen. Mit Ada Colau wurde sogar die Anführerin der Plattform, die dagegen kämpfte, Bürgermeisterin von Barcelona. Doch die verlor nun die Wahlen gegen die Republikanische Linke Kataloniens (ERC). Und das hat auch damit zu tun, dass Colau viele vorwerfen, gerade auf dem Gebiet versagt zu haben, über das sie auf ihren Posten gekommen war.

So gibt es zum Beispiel heute mehr Obdachlose in der Stadt als vor ihrer Amtszeit. Die Arrels-Stiftung zählte 2017 mehr als 1.000 Menschen, die nun auf der Straße leben. 2017 erhielten von ihr fast 2000 Menschen Hilfe, etwa 50% mehr als fünf Jahre zuvor und ein guter Teil hatte lange Zeit keinerlei Kontakt zu Sozialarbeitern 1,026 Menschen lebten 2017 in Barcelona auf der Straße, das waren 62% mehr als noch 2008.

Und gestoppt wurden auch die Zwangsräumungen nicht, sie sind allerdings ein wenig zurückgegangen. 2017 waren es immer noch 2.519. Waren früher zumeist Besitzer von Wohnungen betroffen, die ihre Hypotheken bei den Banken nicht mehr bedienen konnten, wurde nun in Barcelona in 2.139 Fällen geräumt, weil die Mieten nicht mehr bezahlt werden konnten. Wundern muss man sich darüber nicht wirklich, schaut man sich an, wie sie explodiert sind. Die Mietpreise sind in den vergangenen fünf Jahren um 40% gestiegen.

In der katalanischen Metropole gingen die Räumungen 2018 weiter zurück. Doch dafür macht die spanische Zeitung Público ein Gesetz der katalanischen Regierung verantwortlich, an dem Colau und ihre Truppe keinen Anteil hatte. Dahinter stand der Wahlsieger ERC, der nun erneut in der Frage mit den Parteien der Unabhängigkeitsbewegung tätig wurde und die Mieten deckelt. Colau kritisierte das, da die Regionalregierung angeblich dafür keine Kompetenzen habe.

Die Zeitung beklagt gleichzeitig, dass angesichts fehlender entsprechender Gesetzesinitiativen die Zahl der Räumungen in der spanischen Hauptstadt deutlich gestiegen ist. Das war das zweite Aushängeschild einer von Podemos gestützten Regierung, das vermutlich auch abgewählt ist. Zwischen 2016 und 2018 stieg die Zahl der Räumungen in Madrid sogar um 8,2%, während sie im gleichen Zeitraum in Barcelona um 9,2% sank.