Spanien als Schauglas für die drohenden Klimaveränderungen

Während die Klimakonferenz in Nairobi tagt, liegt Madrid im Fieber und leidet selbst die regnerische nordspanische Region Kantabrien schon unter der Dürre

Bis zum 17. November noch debattieren im kenianischen Nairobi auf der UN-Klimakonferenz 189 Staaten über die Erderwärmung. Doch in der Halbzeit ist schon klar, dass kaum Ergebnisse von der Konferenz zu erwarten sind, welche der Dramatik der Situation angemessen wären. Wie im Schauglas kann in Spanien beobachtet werden, wie schnell sich das Klima verändert. Von der Dürre ist nun sogar die regenreiche nordspanische Region Kantabrien betroffen. Sollte es nicht bald regnen, muss das Wasser nachts in der Region um Santander abgestellt werden. Die Hauptstadt Madrid, so eine Studie, wird so stark von der Erderwärmung betroffen sein wie keine andere Region in Europa.

Bisher gibt es keine hoffnungsvollen Zeichen aus Nairobi, wo über ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll beraten wird. Der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel erklärte vorsorglich schon einmal, man werde kaum mit einer Nachfolgeregelung für Kyoto nach Hause fahren.

Das Abkommen, das den Ausstoß der so genannten Treibhausgase regelt, läuft 2012 aus. Bisher sieht es nicht einmal danach aus, dass die in Kyoto vereinbarten Ziele eingehalten werden. In dem Abkommen von 1997 hatten sich die Industriestaaten verpflichtet, ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis 2012 um insgesamt 5,2 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu verringern. Die USA hatten als weltweit größter Kohlendioxid-Emittent ihre Unterschrift ohnehin zurückgezogen.

Tatsächlich hat der Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern wieder zugenommen. Das UN-Klimasekretariat gab kurz vor der Konferenz bekannt, dass der Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern ungeachtet der Verpflichtungen in den Jahren 2000 bis 2004 wieder gestiegen sei. Der Bericht umfasst erstmals eine vollständige Datensammlung aller 41 Industrieländer, die Mitglieder der UN-Klimarahmenkonvention sind. Zwar seien die Gesamtemissionen der Industrieländer im Zeitraum zwischen 1990 und 2004 um 3,3% gesunken, doch dies sei vor allem auf eine Reduktion in den mittel- und osteuropäischen Ländern zurückzuführen. In den übrigen Mitgliedsstaaten der Konvention seien sie um 11,0% gestiegen.

“Das Beunruhigende ist, dass die mittel- und osteuropäischen Länder bisher zwar zu einem großen Teil für die Reduktion der Gesamtemissionen der Industrieländer verantwortlich waren, diese Länder als Gruppe aber zwischen 2000 und 2004 eine Zunahme der Emissionen um 4,1% zu verzeichnen haben“, sagte Yvo de Boer, Exekutivsekretär von UNFCCC, bei der Vorstellung des Berichts. Die Industriestaaten müssten ihre Anstrengungen verstärken, um die Treibhausgase zu verringern, mahnte er.

So wäre es eine wesentliche Aufgabe der Konferenz, nicht nur auf die eingegangenen Verpflichtungen zu pochen, sondern darüber hinaus neue Reduktionsziele ins Auge zu fassen, die weit über Kyoto hinausgehen. Nach beidem sieht es aber bisher ebenso wenig aus, wie nach der dringend nötigen Einbindung der USA. Neben ihr müssten auch die aufstrebenden Wirtschaftsnationen, vor allem China und Indien, auf den Klimaschutz eingeschworen werden. China ist schon jetzt als der zweitgrößte Kohlendioxidproduzent der Welt mit 40 Prozent am Anstieg der Treibhausgase beteiligt. Die Internationale Energiebehörde (IEA/http://www.iea.org) hat gerade erst angekündigt, dass die heute viertgrößte Wirtschaftsnation etwa 2009 die USA bei der CO2-Produktion übertreffen werde. Das ist fast ein Jahrzehnt früher als bisher erwartet.

Das zaghafte Verhalten in der Klimafrage ist vor allem deshalb so erstaunlich, weil der Klimawandel längst begonnen hat (Klimakapriolen). Nach Angaben des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) sei nur noch zu beeinflussen, wie hoch die Erderwärmung ausfalle. Hunderte Wissenschaftler aus der gesamten Welt haben in einem Bericht für das Klimagremium den Forschungsstand gebündelt. Nach Angaben von Martin Claußen, der für das Max-Planck-Institut für Meteorologie an der Studie mitgearbeitet hat, wird die Erhöhung der Treibhausgas-Emissionen eine Temperaturerhöhung von zweieinhalb bis vier Grad Celsius bedeuten.

Wie im Schauglas können die Klimaveränderungen in Spanien beobachtet werden. Die iberische Halbinsel insgesamt, so sagen die Klimaforscher voraus, wird in Europa vom Klimawandel am stärksten betroffen sein. So ergibt sich im November die absurde Situation, dass die regenreiche nordspanische Region Kantabrien erneut von einer Dürre beherrscht wird. Vergangene Woche musste die zweite Stufe der Beschränkungen beim Verbrauch von Trinkwasser in Kraft gesetzt werden.

Schon vor Wochen wurde die Bewässerung der öffentlichen Anlagen und Parks eingestellt. Nun sind auch die privaten Haushalte betroffen: Schwimmbäder dürfen nicht mehr gefüllt, Gärten nicht mehr bewässert und Autos nicht mehr gewaschen werden. Wenn es bei den hohen Temperaturen bleibt und es "in einigen Tagen" nicht regnet, werden noch drastischere Maßnahmen in der Region um die Bucht von Santander fällig, wo das meiste Wasser der Provinz verbraucht wird. Zunächst soll dann nachts die Wasserversorgung ganz abgestellt werden.

Der Fluss Pas, welcher die größte Stadt der Region mit Wasser versorgt ist genauso trocken, wie die Brunnen, die fast leer gepumpt sind. “In den letzten Tagen ist der Pas auf 40 % seiner normalen Fließmenge angelangt und wir können sagen, dass es historisch niemals diese Erschöpfung gegeben hat", sagte der Wasserverantwortliche von Santander Inigo De la Serna. Es werde das höchste Defizit an Niederschlägen in den letzten 30 Jahren beobachtet. Die durchschnittliche Temperatur liegt derzeit schon 3,5 Grad über dem Durchschnitt und nicht selten über abnormalen 20 Grad.

Ähnliches berichten die Nachbarn in Asturien oder im Baskenland. Durch die Picos de Europa, eine bis zu 2.648 Meter hohe Gebirgskette, die im geringen Abstand zum Atlantik verläuft, schien die Wasserversorgung stets gesichert. An ihr stauen sich die feuchten Luftmassen, die vom Meer kommen und regnen hier meist ab. Doch das passiert immer seltener. So musste 2003 schon einmal die Wasserversorgung eingeschränkt werden.

Heftige Regenfälle im Oktober haben die Lage im gesamten Land zwar nun wieder etwas entspannt, nachdem im September dem spanischen Süden der Wasserhahn abgedreht werden musste (Wasserhahn für spanischen Süden abgedreht), aber die Lage bleibt ernst. In den besonders von der Dürre betroffenen Regionen um den Fluss Segura und Jucar sind die Stauseen trotz der Regenfälle nur mit 9,5 % und 12,5 % gefüllt, während sie insgesamt im Durchschnitt wieder bei 46 % liegen. Doch auch wegen der starken Niederschläge im Oktober sind die Meteorologen besorgt, denn sie sind unüblich. Lag die Niederschlagsmenge seit 1930 im Oktober durchschnittlich bei 68,8 Litern pro Quadratmeter, lagen sie in den beiden zurückliegenden hydrologischen Jahren mit 83,1 und 93,2 Litern pro Quadratmeter weit darüber und jeweils folgten extreme Dürrejahre.

Auch der Generalsekretär für Klimaschutz im Umweltministerium Arturo Gonzalo Azpiri hat neue Daten. Nach denen liege die spanische Hauptstadt Madrid schon im Fieber, weil sich das Klima bereits verändert hat. "Eine Studie der Universität von Kastilien-La Mancha, durchgeführt von 400 Experten vom Nationalen Meteorologischen Institut, kommt zum Ergebnis, dass die Temperatur am Ende dieses Jahrhundert in Madrid im Sommer zwischen fünf und sieben Grad höher liegen wird und im Winter zwischen drei und vier", berichtete Azpiri. "Das", fügte er an, "sind die höchsten Vorraussagen in ganz Europa." Im Umfeld von Madrid führt er als Beispiel das Dorf Navacerrada an, das auf 1.200 Metern über dem Meeresspiegel oberhalb von Madrid in der Sierra de Guadarrma liegt. "Von 1971 bis heute haben sich die Schneetage um 41% reduziert und die Niederschläge insgesamt um 27 %, während die Temperaturen steigen."

Ausnahmsweise hat die Umwelt für Madrid offenbar das Verursacherprinzip eingeführt. Denn die Region steht europaweit an der Spitze beim Verstoß gegen die Ziele des Kyoto-Protokolls. Azpiri schätzt, dass in der Region um Madrid der Ausstoß von Treibhausgasen sogar um 80 % zugenommen hat. Statt 15 % Zuwachs, der Spanien wegen der nachholenden Entwicklung zugebilligt wurde, liegt man landesweit schon 53 % über der Marke von 1990. Dass die am dichtesten besiedelte Region diesen Wert noch stark toppt, macht deutlich, wie wenig man sich in der Hauptstadt um die Klimaschutzziele schert.

Pünktlich zum Klimagipfel in Nairobi hatte aber Spaniens Umweltministerin eine frohe Botschaft zu vermelde. Dieses Jahr könnte der Ausstoß an Treibhausgasen erstmals geringer ausfallen, sagte Cristina Narbona. Allerdings lässt die zurückhaltende Wortwahl vermuten, dass sie ihren eigenen Worten wirklich über den Weg traut. Sie sagte nur: "Es scheint, dass sich die Emissionen von Treibhausgasen erstmals abbremsen würden." Die mögliche angesprochene Senkung von einem Prozent im ersten Halbjahr (im Vergleich zum Vorjahreszeitraum und nicht in Bezug auf 1990), kann man auch herbeirechnen oder -messen. Da es bisher keine durchgreifenden Maßnahmen der Regierung zur Verringerung der Klimagase gibt, die Wirtschaft und der Verkehr (als Hauptverursacher) aber stark weiter wachsen, gibt es kaum Anhaltspunkte, woher die Abbremsung eigentlich kommen sollte.

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