Spanien hat mit dem Rapper Valtonyc einen neuen Flüchtling

Für seine Lieder soll der Mallorquiner heute eine Haftstrafe antreten, doch er will nun in Europa auf die fehlende Meinungsfreiheit in Spanien aufmerksam machen

"Morgen ist der Tag, dann werden sie die Tür meiner Wohnung eintreten, um mich in den Knast zu werfen", schrieb Josep Miquel Arenas gestern, der als "Valtonyc" bekannt ist. Der Rap-Sänger aus Mallorca, der heute "wegen einiger Lieder" eine dreieinhalbjährige Haftstrafe antreten sollte, schrieb, dass "sich Spanien, wieder einmal, lächerlich machen wird". Er kündigte per Twitter auch an: "Ich werde es ihnen nicht so leicht machen, Ungehorsam ist legitim und angesichts dieses faschistischen Staates eine Pflicht. Hier gibt niemand auf."

Was der linke Aktivist meinte, der wegen "Majestätsbeleidigung" und angeblicher "Verherrlichung von Terrorismus" verurteilt wurde, ist nun klar. Trotz seiner Überwachung durch die Polizei, die er zuvor öffentlich gemacht hatte, setzte sich der 24-Jährige ins Exil ab. Nach den Katalanen und früher Basken, die wegen Folter oder politischer Verfolgung geflohen waren, tritt nun wegen fehlender Meinungsfreiheit und politischer Verfolgung also auch ein junger Sänger die Flucht aus Spanien an.

Dass hier linke Aktivisten, Puppenspieler, Sänger und Twitterer verfolgt werden, ist bekannt. Ungeschoren kommen meist Rechtsradikale davon, die sogar über Radio dazu auffordern dürfen, "Bomben in Brauereien in Bayern" zu legen "Barcelona zu bombardieren". Das ist durch die spanische Meinungsfreiheit gedeckt. Es häufen sich aber Haftstrafen, seit die Volkspartei (PP) diverse Strafverschärfungen und ein Maulkorbgesetz in Kraft gesetzt hat. Die zunehmende Kriminalisierung wird durch internationale Organisationen und durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte aber auch immer stärker kritisiert.

Vor seiner Flucht, über dessen Ziel spekuliert wurde, berichtete Valtonyc auch von "Todesdrohungen" durch Mitglieder der paramilitärischen Guardia Civil. "Ich weiß, dass euch Gewalt gut reinläuft, ihr auch Leute umbringt. Ich sage das wegen des 1. Oktobers in Katalonien oder das, was ihr mit Einwanderern in Ceuta und Melilla macht." Er meint damit zum einen die "militärähnliche Operation" gegen friedliche Teilnehmer des Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien oder dazu, dass die Paramilitärs auch mit tödlichem Ausgang auf schwimmende Flüchtlinge schießen.

Vor seiner Flucht ging Valtonyc noch auf Konzertreise in Spanien und veranstaltete auch darüber ein Versteckspiel, zu dem er aufgerufen hatte. Solidarische Menschen und Gruppen hatten ihm insgesamt 23 verschiedene Flugtickets zu insgesamt 11 verschiedenen Zielen gekauft, berichtetet er. Damit sollten Verfolger ausgetrickst werden, was auch gelungen ist. "Sie haben Angst, dass ich in ein demokratisches Land fliehe, erzähle, was hier passiert ist, und damit Spanien bloßstelle", kündigte er seine geplante Flucht an. Am heutigen Nachmittag hat der Rapper gegenüber dem katalanischen Fernsehen TV3 auch erklärt, wohin die Reise ging. Auch er ist, wie zuvor verfolgte katalanische Politiker, nach Belgien geflüchtet.

Das ist logisch. Aber es war auch spekuliert worden, er könne in die Schweiz gehen, da sich dort auch schon die Katalaninnen Anna Gabriel und Marta Rovira befinden. Die Schweiz hat zudem erklärt, man werde niemanden nach Spanien wegen politischer Aktivitäten ausliefern. Aber Belgien, das die Auslieferung von drei ehemaligen katalanischen Regierungsmitgliedern gerade definitiv abgelehnt hat, ist die bessere Wahl. Das Land hat sich auch schon geweigert, Basken nach Spanien auszuliefern, da ihnen dort Folter droht. Die Schweiz hatte dagegen mit aller Gewalt versucht, ein baskisches Folteropfer ausliefern. Bern bekleckerte sich dabei nicht mit Ruhm, machte sich schließlich lächerlich, da die Strafe längst verjährt war.

Nun will auch Valtonyc in Europa darauf aufmerksam machen, dass die Lage in Spanien immer gravierender wird, wo Journalisten seit Wochen Trauer tragen, um gegen die "Manipulation" im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu protestieren, wo nun sogar Richter und Staatsanwälte gemeinsam gestreikt haben, um gegen die Einmischung der Politik zu protestieren und für weil sie die "Unabhängigkeit stärken" wollen.

Sein Fall wird dazu beitragen, wie auch die Lage von Carles Puigdemont in Deutschland, über die gravierenden Demokratiedefizite im Land aufzuklären. Im Fall von Valtonyc zweifelt auch die Bürgermeisterin der katalanischen Metropole Barcelona, ob Spanien noch eine Demokratie ist: "Ein Land, in dem Künstler fliehen müssen, um nicht wegen ihrer Liedtexte inhaftiert zu werden, ist ein Land, in dem die Meinungsfreiheit verletzt wird und in dem die Demokratie auf dem Spiel steht", erklärte die linksgerichtete Ada Colau per Twitter. (Ralf Streck)

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