"Spanien in eine Hölle verwandeln"

Während die geschäftsführende Regierung in Spanien behauptet, die Drahtzieher des Massakers vom 11. März in Madrid gefasst zu haben, droht al-Qaida mit neuen Anschlägen. Die spanische Bevölkerung ist verunsichert

Al-Qaida hat sich an die rechtsradikale spanische Zeitung ABC gewendet und droht, man werde "Spanien in eine Hölle" verwandeln. Neue Anschläge werde es geben, wenn sich das Land nicht "sofort aus dem Irak und Afghanistan zurückzieht". Das Fax an ABC war in arabischer Sprache abgefasst und wird als echt eingeschätzt. Unterzeichnet wurde es von Abu Dujan al Afgani der sich auch im Namen von al-Qaida auf einem Video zu dem Massaker in Madrid am 11. März bekannt hat. Die Waffenruhe, die Ansar al-Qaida nach dem Wahlsieg der Sozialisten am 15. März ausgesprochen worden war, zieht die Organisation zurück und gibt der Regierung nun Zeit bis zum 14. um die Truppen aus dem Irak abzuziehen.

Am Wochenende ist es in Irak zu gewalttätigen Massendemonstrationen von Anhängern des Schiitenführers Muktada al-Sadr in Bagdad, Kufa und Nadschaf gekommen. Sadrs Miliz hatte in Nadschaf eine Kaserne der Besatzungstruppen an. Spanische Soldaten töteten über 20 Iraker und verletzten einige Hundert. Das hat die Spanier ins Visier gebracht und die Atmosphäre weiter angeheizt. US-Truppen haben inzwischen die Stadt abgesperrt unter Ausnahmezustand gestellt. Gegen Sadr wurde ein Haftbefehl ausgegeben.

Nach der neuen al-Qaida-Drohung könnte Spanien ein weiteres Blutbad bevor stehen, auch wenn die geschäftsführende Regierung am Sonntag so tat, als habe das Land das Gröbste hinter sich. Innenminister Angel Acebes erklärte nach der Polizeiaktion am Wochenende: "Der harte Kern der Terroristen, der die Anschläge vom 11. März durchführte, wurde entweder verhaftet oder hat sich durch kollektiven Selbstmord getötet." Fünf Islamisten haben sich am Samstag in Madrid in die Luft gejagt hatten, als ihre Wohnung von der Sondereinsatzgruppe GEO gestürmt wurde. Unter den Toten befand sich neben Abdennabi Kounjaa und Asri Rifat Anouar auch deren Chef Serhan ben Abdelmajid Fajet und dessen Stellvertreter Jamal Ahmidan, erklärte Acebes, der noch letzte Woche ganz andere Drahtzieher genannt hatte (Terroristenjagd auf spanisch).

Die Aktion sei ein voller Erfolg gewesen, erklärte Acebes. Erstmals ist dabei ein GEO-Mitglied getötet worden, elf weitere Militärs wurden verletzt. Drei befinden sich noch in einem kritischen Zustand. Weil 200 Zünder und zehn Kilo Sprengstoff gefunden wurden, meint Acebes, "bevorstehende Anschläge" seien verhindert worden. Obwohl der Stadtteil abgeriegelt war, konnten mindestens drei Personen fliehen. Wie die regierungsnahe Zeitung El Mundo berichtet, sollen erneut zwei mutmaßliche Terroristen festgenommen worden sein, einer in Ceuta, der spanischen Exklave in Afrika, und ein anderer in Fuenlabrada bei Madrid. Bei ersterem kann es sich nicht um einen der Geflüchteten handeln, näheres ist noch nicht bekannt. Jedenfalls wird vermutet, dass am Samstag einige Islamisten sich geopfert haben, damit die anderen fliehen und den Kampf fortführen können. Die geringe Sprengstoffmenge spricht ebenfalls dafür, dass die Gruppe noch andere Lager hat oder mehrere Gruppen unabhängig voneinander agieren, wie es das Drohfax nahe legt.

Das Geständnis des spanischen Ex-Minenarbeiters, der den Islamisten angeblich 100 Kilogramm Sprengstoff Goma 2 verkauft haben will, wird immer wackeliger (Terroristenjagd auf spanisch). Es wurden allein 100 Kilo für die Anschläge in Madrid benutzt, mit dem Fund des Sprengstoffs in Madrid und mit der Bombe auf den Schienen sind es nun aber schon mehr als 120 Kilo Goma 2. ABC erklärt sogar, es seien weitere 60 Kilogramm Goma 2 gefunden worden. Wobei man die Meldungen von ABC mit Vorsicht genießen muss, die Zeitung kolportiert gerne ungeprüft Meldungen des Geheimdienstes und ist oft mehr an Desinformation als an Information beteiligt.

Die Bevölkerung in Spanien ist inzwischen hochgradig verunsichert. Da ist das durch den versuchten Zuganschlag verursachte Verkehrschaos im Osterreiseverkehr noch das kleinste Problem. Die Angst vor Arabern grassiert. In der Metro herrscht Stille oft eine gespenstische Stille und jeder beobachtet jeden. Viele fordern von den Sozialisten, endlich das Wahlversprechen einzulösen und die Truppe aus dem Irak abzuziehen. Doch die haben derzeit Glück, dass die Konservativen noch die Regierungsgeschäfte führen und sie noch nicht direkt verantwortlich gemacht werden.

In Madrid zogen gestern über 20.000 Menschen für Frieden und gegen den Terrorismus durch die Straßen. Die von vielen PSOE-Mitglieder geführte Demonstration wurde zum Protest gegen die Aznar-Regierung. In einem Aufruf, der am Schluss verlesen wurde, forderte man alle Verantwortlichen auf, gegen den Terrorismus mit den Waffen des Dialogs und der Toleranz zu kämpfen. Die "Kriegspolitik" wurde abgelehnt, "andere Völker mit Zielen zu unterwerfen, die unseren Interessen fremd sind. Das ist weit von dem Weg zu einer friedlicheren Welt entfernt, erzeugt mehr Gewalt, verursacht mehr Tote, mehr Hass und ist der Humus zur Kultivierung der terroristischen Gewalttaten". Aus diesen Gründen wurde der Abzug der spanischen Truppen aus dem Irak gefordert. (Ralf Streck)

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