Spanien ist besonders von der Türkei-Krise betroffen

Geschäfts- und Bankenviertel von Istanbul. Bild: Freund von Emguec/CC BY-SA-3.0

Vor allem die spanische Großbank BBVA muss mit hohen Abschreibungen wegen der Lira-Krise rechnen

Dass die Kurse der türkischen Lira in den freien Fall übergegangen sind, könnte für Spanien und vor allem für die spanische Großbank BBVA zum Problem werden. Die BBVA ist die europäische Bank, die am stärksten in der Türkei engagiert ist. Wegen niedriger Zinsen im Euroraum hat die zweitgrößte spanische Bank das Risiko in der bisher lukrativen Türkei ausgeweitet und ihre Beteiligung an der bedeutenden türkischen Garanti Bank im Laufe der letzten Jahre auf fast 50 Prozent erhöht.

Das ist ein Effekt, der durch die umstrittene Null- und Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) vorhergesehen wurde. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat immer wieder auch auf die Gefahren der ultralockeren Geldpolitik hingewiesen. Die Zentralbank der Zentralbanken in Basel plädiert seit langem dafür, diese Politik zurückzunehmen, da die Gefahren für die Finanzmarktstabilität nicht mehr vermindert, sondern wieder erhöht würden. Es wurde auch vor Schuldenblasen in Schwellenländern gewarnt.

Die spanische BBVA soll mit etwa 63 Milliarden Euro in der Türkei exponiert sein. Etwa 20 Prozent ihres Geschäfts entfielen zuletzt auf das Krisenland und 15 Prozent des Gewinns kamen im letzten Quartal 2018 aus der Türkei. Die Gewinne der Großbank gingen schon im ersten Quartal wegen des Wechselkursdrucks auf die Lira auf 12 Prozent zurück. Angesichts des Kursverfalls bricht er nun weiter ein. Entsprechend sind auch die Kurse der Bank an den Börsen gepurzelt. Allein in der vergangenen Woche gingen sie um etwa zehn Prozent in die Knie. Am Montag brachen die Aktien erneut vier Prozent ein, stabilisierten sich am Dienstag aber, nachdem die türkische Zentralbank Stabilisierungsmaßnahmen angekündigt hatte.

Damit stabilisierte sich auch die Lira zunächst wieder. Sie verlor aber am Mittwoch erneut an Wert. Das hat auch damit zu tun, dass Erdogan zwischenzeitlich weiter Öl ins Feuer geschüttet hat. Er hat einen Boykott elektronischer Produkte aus den USA angekündigt, allerdings wurde das noch nicht konkret umgesetzt. Im Amtsblatt wurden allerdings gestiegene Zölle für Autos aus den USA veröffentlicht, die sich auf 120 Prozent verdoppeln. Auf alkoholische Grenze entfallen nun 140 Prozent und auf Tabak 60 Prozent. Zudem werden auch andere Produkte wie Reis oder Kohle mit höheren Abgaben belegt. Vize-Präsident Oktay erklärte auf Twitter, es sei eine auf dem "Gegenseitigkeitsprinzip" beruhende Reaktion auf die "gezielten Angriffen" der US-Regierung auf die türkische Wirtschaft.

Aber auch andere europäische Großbanken sind von der Krise betroffen. Die Europäische Zentralbank (EZB) beobachtet neben der BBVA auch die Entwicklung italienischen Unicredit und der französische BNP Paribas. Für die Mailänder Unicredit, die mit 41 Prozent an der Yapi Kredi beteiligt ist, der viertgrößten Privatbank der Türkei, kommt die Krise zur Unzeit. Die Unicredit leidet ohnehin noch unter vielen faulen Krediten, deren Umfang sie zuletzt aber verringern konnte. Im vergangenen Jahr verbuchte die Bank wieder einen Gewinn in Höhe von 5,5 Milliarden Euro. 2016 musste sie noch einen mehr als doppelt so hohen Verlust verbuchen. Analysten halten die Yapi Kredit für eine der am schwächsten türkischen Großbanken. Experten fragen sich schon, ob die Unicredit ihre 2,5 Milliarden Euro, die sie in der Yapi Kredi stecken hat, komplett abschreiben muss.

Deutlich stärker engagiert ist zwar die BNP Paribas, die mit 72,5 Prozent an türkischen Privatbank TEB beteiligt ist. Allerdings ist der Anteil am Türkei-Geschäft kleiner und die Bank stabiler. Stärker exponiert sind zudem auch noch die niederländische ING und die britische HSBC. Forderungen deutscher Banken sollen sich auf etwa 21 Milliarden Euro belaufen, was im Verhältnis zu ihrem gesamten Auslandsgeschäft im Umfang von 1,8 Billionen nur relativ unbedeutend ist.

Die Frage ist aber, welche Domino- und Ansteckungseffekte auf andere Länder eine Bankenkrise in Türkei hätte. Damit, das hat die Finanzkrise gezeigt, kann sich das Szenario schnell und grundlegend verändern. Deshalb ist es gewagt, eine solche Einschätzung wie die Süddeutsche Zeitung abzugeben. "Jedoch würde eine Krise in der Türkei allein wohl weder Europas Banken im Allgemeinen, noch BBVA im Speziellen umwerfen. Die meisten Banken hätten ihr Risiko weitgehend abgesichert, schreiben die Analysten des US-Finanzdienstleisters Citigroup. Selbst wenn BBVA ihr gesamtes Türkei-Geschäft abschreiben würde, was Milliardenverluste nach sich zöge, wäre die Existenz der Bank noch nicht gefährdet."

Insgesamt sind spanische Banken, die mehr als 83 Milliarden Euro in der Türkei investiert haben, am stärksten vom Lira-Absturz betroffen. Auch ihr Problem ist, dass die Kredite oft in Fremdwährungen wie Dollar und Euro vergeben wurden. Das sollen etwa 40 Prozent sein. Türkische Banken hätten 148 Milliarden an Krediten in Dollar und Forderungen über 110 Milliarden in Euro in ihren Büchern. Damit drohen zwar den Banken wegen des Verfalls der Lira zunächst weniger Verluste, nur wird es für viele türkische Firmen und Verbraucher schwieriger oder unmöglich, ihre Kredite in Auslandswährung zu bedienen. Die Kredite werden faul und bringen die Banken in Gefahr.

Spanien ist aber nicht nur über seine Banken stark betroffen, sondern die Türkei ist auch ein wichtiger Handelspartner des Landes. Außerhalb der EU ist die die Türkei der viertgrößte Markt für spanische Produkte. Im vergangenen Jahr sind die Exporte um 10 Prozent auf fast sechs Milliarden Euro gestiegen, die nun wegen des Wechselkurses für viele Türken unerschwinglich werden. (Ralf Streck)

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