Spanien nimmt Italien den Corona-Spitzenplatz ab

Vilafranca del Penedès, Katalonien, 14. März 2020. Bild: Xaviaranda/CC BY-SA 4.0

In Spanien werden nun mehr Tote als in Italien verzeichnet und das Krisenmanagement in Madrid ist chaotisch und unverantwortlich

Die Coronavirus-Krise in Europa entwickelt sich, wie an dieser Stelle erwartet. Spanien ist dabei, Italien bei der Zahl der Toten den Spitzenplatz abzunehmen. Sehr deutlich wurde das am Mittwoch, als in Spanien ein neuer Rekord mit 738 Toten aufgestellt wurde.

Die Zahl schnellte wegen des Nachholeffekts deutlich in die Höhe, denn etliche Menschen, zum Teil schon tot, waren zuvor in dantesken Szenen einfach in Altenheimen zurückgelassen worden. Deshalb war am Mittwoch der Vorsprung vor Italien schon deutlich. In Italien sank die Todeszahl erneut wieder und es wurden schließlich 683 Tote registriert. Am Donnerstag lagen nun beide Länder praktisch gleichauf. In Spanien ist die Zahl wieder etwas auf 655 gesunken, in Italien waren es mit 662 etwas mehr.

Ob sich tatsächlich in Spanien ein Abwärtstrend ergibt, wie man ihn in Italien nun seit Sonntag sehen kann, muss abgewartet werden. Es könnte sein, dass Spanien wegen der erwähnten Szenen am Mittwoch nur einen Ausreißer nach oben hatte, die Zahl am Donnerstag deshalb etwas zurückging, um am Freitag weiter zu steigen. Das ist zu befürchten. Zu hoffen ist aber, dass in beiden Ländern die Maßnahmen zu wirken beginnen.

Doch das ist eher aus Italien zu erwarten. Dort wurde der Krisenherd in Norditalien abgeriegelt, wo sich die Mehrheit der Toten konzentriert. In Spanien unterließ man eine Abriegelung des Ansteckungsherds Madrid. Seit Tagen sinkt der Anteil der Toten an der Gesamtzahl in Spanien, da sich das Virus über das gesamte Land verteilte. Waren es letzte Woche noch fast 70%, verzeichnet Madrid nun nur noch gut 50% aller Toten.

Wirksam dürfte in Italien langsam auch werden, dass man sich in Rom am vergangenen Wochenende nach langem Zögern zur Entscheidung durchgerungen hatte, die Aktivitäten im Land auf die Grundversorgung zu reduzieren. Das geschieht in Spanien weiterhin nicht. Die Kritik daran wird immer heftiger.

Im Baskenland treten Belegschaften wie bei Aernnova deshalb in den unbefristeten Streik. In vielen Betrieben gibt es Ausstände und Protestversammlungen. Kaum jemand sieht noch ein, warum über die Grundversorgung hinaus produziert werden soll, mit entsprechenden Ansteckungsrisiken.

Internationale Kritik an der Reaktion auf das Coronavirus

Dass zwar in Madrid vor fast zwei Wochen ein Alarmzustand verkündet worden ist, man danach aber noch einmal mehr als 24 Stunden brauchte, um reale Maßnahmen zu ergreifen und zwischenzeitlich die große Ausfahrt viele Hauptstädter an die Mittelmeerküste zuließ, wird nun nicht nur von Telepolis hart kritisiert.

Auch der britische Telegraph und vor allem The Guardian gehen mit den Sozialdemokraten in Madrid hart ins Gericht. "Warum reagierte Spanien so falsch auf das Coronavirus", ist die Fragestellung im Titel.

Die Zeitung erinnert daran, dass Fernando Simón, das Aushängeschild der Madrider Krisen-Bekämpfer, noch am 9. Februar erklärte, dass "Spanien nur eine Handvoll Fälle bekommen" werde. Auf Basis dieser völligen Fehleinschätzung werden seither fatal falsche Entscheidungen getroffen, die bis Donnerstag nun schon fast 4.100 Menschen das Leben gekostet und das Gesundheitssystem in der Hauptstadtregion zum Kollabieren gebracht haben.

Ausgewiesene Experten, die an dieser Stelle zitiert wurden, werden überhört. Seit zwei Wochen fordern sie die Abschottung von Krisenherden wie Madrid und die Reduzierung aller Aktivitäten auf die Basisversorgung. Deshalb wird die Forderung von Oriol Mitjà immer richtiger, dass der gesamte Krisenstab abtreten sollte. Da das Land auf der "Intensivstation" liegt, sei es "besser den Arzt zu wechseln, bevor es zu spät ist".

Geschehen ist das nicht. Die Verharmloser, im neu gegründeten Expertenteam sind es drei von sechs Mitgliedern, geben weiter den Ton an. Der Krisenstab trifft ständig neue Fehlentscheidungen. So hatte Mitjà längst eine fehlende Prävention kritisiert, und so stellt auch der Guardian fest, dass es nun, wo Spanien in Richtung Höhepunkt strebt, an allem fehlt: an den dringend benötigten Beatmungsgeräten genauso wie an einfacher Schutzkleidung oder Tests.

"Völlig überfordert"

Im breiter Öffentlichkeit wird auch im Land kritisiert, dass eine über Wochen abgetauchte Zentralregierung plötzlich alle Zügel an sich zog und die Krisenbekämpfung in Madrid zentralisierte. Und deshalb sollte auch Gesundheitsminister Salvador Illa schnell zurücktreten, da er offensichtlich völlig überfordert ist. Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Schnelltests nichts taugen, die sein Haus eilig verspätet eingekauft hat. Statt 80% hatten sie nur 30% Sensibilität, stellen also meist die Infektion gar nicht fest.

Noch krasser für den Minister sind Mitteilungen der chinesischen Botschaft zum am Mittwoch groß angekündigten Kauf von Material im Umfang von 432 Millionen Euro, darunter 5,5 Millionen Tests und 550 Millionen Schutzmasken(!). Die seien bei der Firma Bioeasy Biotechnology bestellt worden, die aber nicht über die nötige Lizenz verfügt und deshalb nicht in der Lieferantenliste der Botschaft geführt wird, wie diese twitterte.

Angemerkt wird, dass das Material China noch nicht verlassen hat. Ohnehin hatte auch der überforderte Gesundheitsminister angekündigt, es werde stufenweise zwischen April und Juni (!) geliefert. Komisch ist, dass der Innenminister der gleichen Regierung meint, dass bald der Höhepunkt überschritten werde. Fernando Grande-Marlaska faselt schon im Trump-Stil davon, dass man die Maßnahmen an Ostern (11.4.) lockern könne.

Dass hier eine Regierung freihändig jongliert, ist offensichtlich. Fatal ist, dass sie nun sogar verhindern will, dass der Ansteckungsherd im Umfeld der katalanischen Stadt Igualada weiterhin abgeriegelt werden darf.

Von einer Abschottung ganz Kataloniens, wie es der katalanische Regierungschef Quim Torra seit zwei Wochen fordert, wollen die Zentralisten in Madrid weiter auch nichts wissen. Will man eine weitere massive Verbreitung des Virus in Katalonien?

Mit der großen Ausfahrt aus Madrid hat man für den massiven Export in die rebellische Region gesorgt. Die Financial Times (FT) zeigt in einer Grafik auf, dass die Kurve bei den Menschen, die an covid-19 sterben, schon jetzt in Katalonien und New York steiler ist als in Madrid oder der Lombardei. (Ralf Streck)