Spanien und die Migrantenkinder

Auffanglager schützen Migrantenkinder auf den Kanarischen Inseln nicht vor Missbrauch

Die von den spanischen Behörden von den lebensgefährlichen Bootsüberfahrten geretteten Kinder aus dem Maghreb und den subsaharischen Staaten sind in den spanischen Inselnotfallzentren auf Gran Canaria und Teneriffa nicht sicher vor Missbrauch und Gewalt. Dies kritisiert die Sprecherin Simone Troller von Human Rights Watch für Kinderrechte in Europa, die Koautorin des kürzlich veröffentlichten Berichts Unwelcome Responsibilities: Spain’s Failure to protect the Rights of Unaccompanied Migrant Children in the Canary Islands ist.

Weit weg vom Saharastrand Las Teresitas auf Teneriffa oder den Sandstränden der Vulkaninsel Gran Canaria; weit weg von den Hotels und Touristenattraktionen wie den spanischen Kolonialbauten und beliebten Cafés leiden Kinder, die aus ihren Heimatländern vor der Armut geflüchtet sind. Notdürftig untergebracht nach häufig spektakulären Rettungsaktionen der Behörden fristen die Kinder anschließend in den Notfallzentren Tegueste, Arinaga und La Esperanza auf Teneriffa und Gran Canaria, die wie abgeschlossene Inseln in den Industriegebieten der Inselhauptstädte Santa Cruz und Las Palmas de Gran Canaria liegen, ein freudloses Leben hinter Gittern. Dort, wo sie niemals auch nur ein Tourist zufällig bei einem Stadtbummel finden könnte.

Die Gebäude, wovon eines ein ehemaliges Jugendgefängnis war, sind umgeben von meterhohen Zäunen, hinter denen die Kinder einen grauenvollen Alltag erleben. Simone Troller von Human Rigths Watch in Brüssel hat im Januar 2007 75 Kinder in drei spanischen Notfallzentren und acht normalen Zentren mit Hilfe von verschiedenen Übersetzern interviewt und die Ergebnisse nun in einem Bericht veröffentlicht. Ihr Resümee ist ernüchternd: „Viele Kinder sind Opfer von Misshandlungen, Lebensmittelvergiftungen, Rechtsverletzungen und Gewalt.“

Die Kanaren schützen nur eine Mindestzahl der Migrantenkinder

Seit 2006 sind 1140 Kinder bereits durch die Flüchtlingslager auf den Kanaren gegangen. Viele von ihnen, nicht alle, sind politisch verfolgt. Um das herauszufinden und ihren Aufenthalt zu legalisieren, nehmen die Kanarischen Inseln als Bundesland nur bis zu 300 der geflohenen Kinder auf, die dann in weitaus kindgerechtere Flüchtlingsunterkünfte gebracht werden, wo sie angemessen behandelt werden und in spanische Schulen gehen.

Sobald jedoch die Zahl über 300 liegt, werden die restlichen Kinder, die häufig aus dem Senegal oder aus Marokko stammen und zwischen 10 und 17 Jahren alt sind, in Notfallzentren gebracht, wo ihr Los weit weniger gut ist. Simone Troller kritisiert diesbezüglich, dass die kanarischen Behörden ihre Aufsichtspflicht gegenüber den Kindern vernachlässigen und fordert die spanische Zentralregierung auf, die Inselnotfallzentren möglichst schnell zu schließen.

Die Verantwortung für die mangelnde Betreuungssituation in den Inselnotfallzentren lehnt die spanische Regierung jedoch unter dem Vorwand ab, dass die Inseln selbstverwaltet und allein für die Fürsorgepflicht der Migrantenkinder zuständig sind.

Isolierte Aufenthaltssituation ohne Betreuung

Die Notfallzentren, die bis zu 20 km außerhalb der Inselhauptstädte liegen, sind so gut versteckt und abgelegen, dass Simone Troller sie nur mit der Hilfe der Inselbehörden finden konnte. Beim Besuch von Arinaga und La Esperanza wurde sie das Gefühl nicht los, dass für sie eigens „eine Show abgezogen wurde“. Dennoch konnte sie beobachten, dass die Kinder den Tag auf Innenhöfen verbrachten, die keine Spielmöglichkeiten boten. „Die Kinder können keinen Sport machen. Sie bekommen keinerlei Hilfe, wenn sie Probleme oder Fragen haben. Auch werden ihre Beschwerden nicht gehört. Es müsste doch zumindest einen Kummerkasten

Ein- bis zweimal die Woche nur dürfen die Kinder mit etwas Geld das Zentrum verlassen und werden in die Stadt gefahren, wo sie ihre Familien anrufen und sich etwas Gutes zu essen kaufen können. Denn viele Kinder bemängelten vor allem das schlechte Essen in den Zentren, das von einem Catering-Service täglich gebracht werde. Durchfall, Magenkrämpfe und andere Lebensmittelvergiftungen seien in Tegueste und La Esperanza an der Tagesordnung. So sei es auch üblich, dass zwischen den Kindern mit Kuchen oder Waffeln gehandelt werde, die sie sich in der Stadt gekauft haben.

Zudem sind die Kinder dem Risiko der Gewalt ausgesetzt. UN-Studien belegen, dass es objektive Faktoren für Gewalt gibt. Diese sei desto so höher, je größer die Zentren sind, je geringer die Bewegungsfreiheit ist und je stärker gefängnisartige Zustände vorherrschen. Damit erhöhe sich die Gewalt zwischen älteren und jüngeren Kindern, die ohne Aufsicht zusammenleben. So nehme aber auch die Gewalt zwischen Kindern und den wenigen Aufsehern zu. Simone Troller sah Kinder mit Narben am Oberkörper, die von Faustschlägen und Würgegriffen der Erwachsenen resultierten. In einem Fall sei ein Junge unter einer Dusche von einem Aufseher blutig geschlagen worden. In einem anderen Fall wurde ein Kind von einem Aufseher sexuell misshandelt.

Simone Troller hat die Gewalt- und Misshandlungsfälle der spanischen Behörde gemeldet, ohne jedoch die Namen der Kinder und der Aufseher preiszugeben. „Die Fürsorgebehörde lehnte es daraufhin ab, die Vorwürfe zu überprüfen, da man die Namen dazu gebraucht hätte“, sagt Simone Troller. Und als die Staatsanwaltschaft die Untersuchung übernahm, brachte ihr Untersuchungsbericht keine Aufklärung, wie sie Telepolis berichtet:

Die Methoden waren sicherlich falsch, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Die Staatsanwaltschaft kann bei sexueller Misshandlung Kinder nicht in Gruppen und noch dazu ohne Übersetzer zu dem Thema befragen. Die Kinder schämen sich. Das ist ein Tabuthema.

Ungewisse Zukunft der Kinder

Simone Troller glaubt, dass Spanien das Betreuungsproblem der Migrantenkinder selbst lösen könnte und dafür auch die finanziellen Ressourcen hätte. Jedoch müssten die Verantwortlichkeiten zwischen dem Festland und den Inseln zukünftig klarer definiert werden, damit die von Spanien 1990 ratifizierte Kinderrechtskonvention auch auf den Inseln durchgesetzt wird. So sei nicht nur das Leben der Migrantenkinder in Gefahr, sondern auch das der späteren Erwachsenen.

Die Kinder, die nicht in ihre Herkunftsländer zurückgeführt werden, können, soweit sie über ihre Rechte aufgeklärt werden, einen Antrag auf Asyl stellen. Zudem haben sie das Recht auf eine zeitlich begrenzte Aufenthaltsgenehmigung. Meist bleibt jedoch ihr Aufenthalt ungeregelt, bis sie erwachsen sind:

Aus willkürlichen Gründen bekommen die Kinder erst eine Aufenthaltsbewilligung mit 18 Jahren. Dann sind sie jedoch volljährig und das Dokument ist ungültig. So verlassen sie als erwachsener, illegaler Migrant das Lager und leben auf der Straße, ohne eine Chance auf Integration zu bekommen. Sie werden in diesen Status reingedrückt, weil die Behörden keine rechtzeitigen Lösungen finden.

Deshalb plädiert Troller für das Recht auf Schulbildung mit Intensivsprachkursen in den Notfallzentren, damit die Migrantenkinder die gleichen Rechte auf Bildung, Schutz und Aufklärung ihrer Rechte wie jedes spanische Kind genießen. (Claudia Hangen)