Spanien verärgert: Mexiko will Entschuldigung für die "Eroberung"

Die Folterung des Cuauhtémoc (der letzte aztekische Herrscher von Tenochtitlán), Gemälde von Leandro Izaguirre (1892). Bild: Google Cultural Institute / gemeinfrei

In Spanien betreiben die Rechtsparteien schon länger Geschichtsklitterung und bezeichnen den Völkermord als unvergleichliche Leistung für die Menschheit

Ein klares "Nein" aus praktisch allen großen spanischen Parteien schallte Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador (AMLO) entgegen, nachdem er sich in einem Brief an den spanischen Staatschef und den Vatikan gerichtet hatte, um endlich eine Entschuldigung für die Verbrechen an der indigenen Bevölkerung zu fordern.

"Ich habe einen Brief an den König und den Papst geschickt", erklärte AMLO per Twitter in einem kurzen Film. Er fordert, dass die Geschichte über die Verbrechen an der Ursprungsbevölkerung erzählt und dass sie um Verzeihung gebeten wird. Rechte seien verletzt worden, die man "heute als Menschenrechte" bezeichnet. "Es gab Massaker und Zwang und die sogenannte Eroberung wurde mit dem Schwert und mit dem Kreuz durchgeführt."

Ablehnung

Eine Bitte um Entschuldigung kommt auch für die sozialdemokratische spanische Regierung offenbar nicht in Frage. Für die Regierung hat das Außenministerium sofort mit "aller Entschiedenheit" abgelehnt, dass der König für Spanien die indigene Bevölkerung in Mexiko um Verzeihung bitte. Das Außenministerium "bedauert zutiefst", dass der Brief öffentlich gemacht wurde, da man in Madrid solche Vorgänge lieber unter den Teppich kehrt.

Dabei hatte AMLO auch deutlich erklärt, dass es ihm um Aussöhnung geht, aber es zuvor an der Zeit sei, um Vergebung zu bitten. Er selbst bittet die Ureinwohner auch um Verzeihung für die Verbrechen, die an ihnen nach dem Ende der Kolonialzeit begangen wurden und zur Ausrottung ganzer Völker geführt haben. Der mexikanische Präsident hatte Spanien vorgeschlagen, eine gemeinsame Arbeitsgruppe für eine historische Aufarbeitung zu bilden.

Von Spaniens Außenminister Josep Borrell war kaum etwas anderes als eine schroffe Ablehnung zu erwarten. Man kennt sein undiplomatisches Vorgehen auch vom Umgang mit den Katalanen nur zu gut. Er spricht zum Beispiel davon, Katalonien müsse "desinfiziert" werden. Erneut setzte sich der Sozialdemokrat mit der Ablehnung einer Bitte um Entschuldigung ins Boot mit Rechten und Ultrarechten. Er meinte sogar, die Vorgänge vor 500 Jahren in Mexiko könnten "aus zeitgenössischer Sicht nicht beurteilt werden".

Probleme mit der Geschichte

Damit fällt er sogar noch hinter den früheren ultrakonservativen Regierungschef Mariano Rajoy zurück. Denn der trieb ab 2014 ein Gesetz voran, damit die Nachfahren der Juden, die ab 1492 einer ethnischen Säuberung unter Isabella die Katholische zum Opfer fielen, spanische Staatsbürger werden können. Das Gesetz, das etwas Wiedergutmachung leisten soll, ist noch bis zum 1. Oktober dieses Jahres in Kraft. Das war ein zaghaftes Eingeständnis am Unrecht, das an den Juden begangen wurde.

Der amtierende Außenminister Borrell hat wahrlich Probleme mit der Geschichte. Er trat erst vor kurzem tief ins Fettnäpfchen, als er davon sprach, dass die "USA nicht mehr getan haben, als ein paar Indianer umzubringen". Dafür wurde er von deren Nachfahren als "Rassist" und "Leugner" bezeichnet, der eine weiße Vorherrschaft vertrete und einen "Genozid" banalisiere.

"What a supremacist, denialist, and pathetic way to describe a genocide", entgegnete das American Indian Movement (AIM). Das AIM veröffentlichte Borells Rede und solidarisierte sich mit dem Kampf für die Unabhängigkeit der Katalanen.

Danach versuchte Borrell sich damit herauszuwinden, er habe sich zu "umgangssprachlich" über die "beinahe Ausrottung" ausgedrückt. Nur hatte er von keiner Ausrottung gesprochen, sondern sie geleugnet. Was AIM dem (noch) amtierenden Außenminister vorgeworfen hatte, kann man Borrell nun erneut vorhalten. Der war stets eine Fehlbesetzung und ist längst auch für Regierungschef Pedro Sánchez untragbar geworden, der ihn deshalb nun ins Europaparlament abschiebt.

Millionen wurden Opfer der Konquistadoren

Man fragt sich aber, wo der Unterschied zwischen Nord- und Südamerika ist. Millionen Menschen waren die Opfer in Nordamerika und Millionen wurden Opfer der Konquistadoren in Südamerika. Die spanische Invasion in Mexiko begann 1519. Zwei Jahre später fiel die Azteken-Hauptstadt Tenochtitlán unter spanische Kontrolle, weshalb 2021 ein besonderes Datum für Mexiko wird.

Hernán Cortéz und seine Truppe gingen bei der Suche nach Gold und Bodenschätzen wie andere spanische Eroberer äußerst brutal gegen die indigene Bevölkerung vor. Berühmt wurden die Schriften von Bartolomé de Las Casas. Der spanische Dominkanermönch hat das Vorgehen der Eroberer zum Beispiel so beschrieben:

Sie wetteten miteinander, wer von ihnen einen Menschen auf einen Schwertstreich mitten voneinander hauen, ihm mit einer Pike den Kopf spalten, oder das Eingeweide aus dem Leib reißen könne. Neugeborene Geschöpfe rissen sie bei den Füßen von den Brüsten ihrer Mütter und schleuderten sie mit den Köpfen wider die Felsen. (…) Große und Edle brachten sie gewöhnlich folgendergestalt um: sie machten Roste von Stäben, die sie auf Gabeln legten, darauf banden sie die Unglücklichen fest, und machten ein gelindes Feuer darunter, bis sie nach und nach ein jämmerliches Geschrei erhoben, und unter unsäglichen Schmerzen den Geist aufgaben.

David Landes, Wohlstand und Armut der Nationen

Nachdem nun alle "diese ungerechten und satanischen Kriege nebst den dabei verübten Mordtaten vorüber waren", habe sich die "unerträglichste und abscheulichste Sklaverei" ausgebreitet. Wer nicht den Waffen und der Mordlust der Konquistadoren zum Opfer fiel, starb als Sklave oder fiel eingeschleppten Krankheiten wie Masern oder Pocken zum Opfer.

Mit Bezug auf den US-Wissenschaftler H. F. Dobyns schreibt eldiario.es, dass 95% der gesamten Einwohner in Amerika in den 130 Jahren nach der Ankunft von Kolumbus zum Opfer gefallen waren. In Mexiko sollen 1518, ein Jahr vor der spanischen Invasion, geschätzt gut 25 Millionen Menschen gelebt haben. 1623 sollen es nur noch 700.000 gewesen sein.

Der Umgang mit den Rechten

In diesem Fall wird sich Borrell vermutlich nicht für seine neue Verniedlichung eines Genozids herauszureden versuchen. Denn nun steht offenbar die gesamte sozialdemokratische Regierung hinter einem Mann, der auch keine Probleme hat, in einer Organisation wie die "Katalanische Zivilgesellschaft" (SCC) Mitglied zu sein. Die wurde von der rechtsradikalen und identitären Somatemps gegründet und wird von einem Präsidenten geführt, der über einen Facebook-Account Nazi-Propaganda verbreitet hat.

Die Sozialdemokraten wollen offensichtlich den Rechten vor den vorgezogenen Neuwahlen am 28. April keine offene Flanke bieten, die drei Rechtsparteien sind sich einig, dass es keine Bitte um Entschuldigung geben darf. Der Spitzenkandidat der ultranationalistischen Ciudadanos (Cs) nannte AMLO einen "Lügner". Der Populist "fälscht die Geschichte" und suche die Konfrontation.

Seine Forderung sei eine "unerträgliche Beleidigung aller Spanier", sagte der Mann, der ebenfalls in Katalonien auf Krawall gebürstet ist und bei dessen Parteiveranstaltungen Journalisten verprügelt werden.

Der einstige Sprecher der Volkspartei (PP) unter Regierungschef Rajoy fand ebenfalls deutliche Worte, die man als Geschichtsfälschung bezeichnen könnte. Rafael Hernando meinte, "wir sind dahin gegangen" und haben Mexiko "erobert und zivilisiert". Man habe den "Stämmen ein Ende gesetzt, die ihre Nachbarn grausam ermordet haben", twitterte. Er liegt damit ganz auf der Linie des Rajoy-Nachfolgers, der die PP immer weiter an den rechten Rand rückt.

Im Bündnis mit den Ciudadanos von Albert Rivera paktiert er auch schon mit der VOX-Partei, die sogar "gestandene Nazis" und Holocaust-Leugner zu Kandidaten macht. Es war Pablo Casado, daran wurde er nun von Journalisten im Land erinnert, der die Eroberung Amerikas folgendermaßen dargestellt hat: "Keine Nation hat so viel für die Menschheit getan wie unsere." Mit drei Schiffen sei die Weltgeschichte für immer verändert worden. Das stimmt, äußerst brutal und blutig. (Ralf Streck)

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