Spaniens "Verschwundene": Nur in Kambodscha sind es mehr

Aushebung eines Massengrab im baskischen Elgeta (2004). Bild: Ralf Streck

Fast 40 Jahre nach dem Ende der Diktatur liegen noch über 100.000 Gegner des Franco-Regimes in Massengräbern und Straßengräben

Am gestrigen Freitag wurde weltweit der "Tag der Verschwundenen" begangen, wobei die spanische Variante in der Übersetzung deutlich klarer ist - "Día Internacional de las Víctimas de Desapariciones Forzadas". Denn die Menschen sind nicht bloß "verschwunden", sondern man ließ sie mit Gewalt verschwinden. Sie sind "Opfer von gewaltsamem Verschwindenlassen", wie die wörtliche Übersetzung des spanischen Titels lautet. An diesem von den Vereinten Nationen bestimmten Gedenktag soll an das Schicksal dieser Menschen erinnert werden.

In Spanien ist weitgehend bekannt, wo die Gegner der Franco-Putschisten verscharrt wurden, anders zum Beispiel als im Fall des Dichters Federico García Lorca, der ebenfalls fern jeder Kriegshandlung aus dem Haus gezerrt und ermordet wurde.

Mit 114.000 wird die Zahl der Menschen beziffert, die noch immer nicht identifiziert in Massengräbern verscharrt sind. "Nur in Kambodscha gibt es mehr Verschwundene als in Spanien", titelte zum Beispiel der Schweizer Rundfunk (SFR) zum Thema. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk verweist auch darauf, dass der Diktator bis heute unangetastet in seinem Mausoleum liegt.

Dieses ließ sich Franco noch zu Lebzeiten von vielen Zwangsarbeitern errichten. Viele haben im sogenannten "Tal der Gefallenen" ihr Leben dabei verloren und wurden dort gegen den Willen ihrer Angehörigen anonym verscharrt - wie zahllose Republikaner, Anarchisten, Kommunisten, Basken oder Katalanen, die die Republik mit ihrem Leben gegen die Putschisten verteidigt hatten.

Aus dem Projekt der Exhumierung des Diktators, das die Sozialdemokraten von Pedro Sánchez eigentlich schon im vergangenen Sommer abschließen wollten, an dem Ort, wo sich Ewiggestrige noch heute in großer Zahl treffen, um den Faschismus zu verehren, ist bislang nichts geworden. Das Versprechen, das Tal in einen Gedenkort für die Opfer der Diktatur umzuwandeln, wurde ohnehin wie viele andere Sánchez-Versprechen komplett aufgegeben. Und obwohl die Exhumierung im Parlament beschlossen wurde, ist unklar ob sie jemals durchgeführt wird.

Auch dieser Vorgang, wie der Umgang mit den Massengräbern, in denen auch Parteigänger von Sánchez verscharrt liegen, zeigt die Tatsache auf, dass Spanien nie mit der Diktatur gebrochen hat. So ist es kein Wunder, dass die große Volkspartei (PP) von ehemaligen Mitgliedern der Franco-Diktatur gegründet wurde. Es verwundert auch nicht, dass die "Postfaschisten" keinerlei Unrechtsbewusstsein entwickelt haben. So erklärte der ehemalige PP-Innenminister Jaime Mayor: "Warum soll ich den Franquismus verurteilen, wenn es viele Familien gab, die ihn natürlich und normal erlebt haben?"

Man wundert sich dann auch nicht, wenn es in Spanien eine Franco-Stiftung gibt, die mit Steuergeldern gefördert wird, während die Opfer der Diktatur nach dem zaghaften Gesetzen zur Wiederherstellung der historischen Erinnerung in vielen Regionen des Landes außerhalb Kataloniens und des Baskenlands noch heute für die Öffnungen der Massengräber und die DNA-Tests aufkommen müssen.

Immer mal wieder werden Massengräber ausgehoben, wie das vermutlich größte im ländlichen Raum auf dem Friedhof der alten Bergarbeiterstadt Nerva. Das Massengrab in der andalusischen Provinz Huelva ist besonders. "Normalerweise sieht man ein paar Körper in einem Grab; vier, fünf oder auch zehn, dann folgt darauf einige Meter entfernt ein anderes Grab und so weiter. Hier dagegen gibt es über 40 mal drei Meter einen einzigen riesigen Leichenberg", erklärt Forensiker Andrés Fernández Martín. Mehr als 200 Menschen sollen hier verscharrt sein und das Grab wird nun vorsichtig ausgehoben.

Ob das fertiggestellt wird, ist fraglich. Die Finanzierung steht nur für drei Monate. Da aber in Andalusien nun die die PP in Koalition mit der rechten Ciudadanos (Cs) regiert, die von der rechtsradikalen Vox gestützt wird, kann es sein, dass diese Exhumierung abgebrochen werden soll. Denn Vox will diese Ausgrabungen stoppen und kein Geld mehr zur Verfügung stellen.

Ausgerechnet dieser offen faschistisch auftretenden Partei wurde von PP und Cs die Leitung der Kommission für die historische Erinnerung zugeschustert, um ihre Unterstützung zu erhalten. Sie will die wenigen und zaghaften Entwicklungen zurückdrehen. Spanien läuft, wegen des erratischen Kurses von Sánchez zudem Gefahr, dass eine "Trifachito-Regierung" im November das ganze Land regieren könnte, weil der Sozialdemokrat unfähig zum Dialog ist und Spanien deshalb auf die vierten Wahlen in nur vier Jahren zustrebt.



(Ralf Streck)