Spanischer Geheimdienst kontrollierte Terrorzelle bis zu Anschlag in Barcelona

Der spanische Regierungschef Pedro Sánchez und der CNI-Direktor im Hauptquartier des Geheimdienstes. Bild: Moncloa

Die Zeitung Público legt erschreckende Dokumente vor, die zeigen, dass der CNI stets mit dem Chef der Terrorzelle in Kontakt stand und die Terroristen umfangreich überwacht hat

Die Fortsetzungsgeschichte über die Verstrickungen des spanischen Geheimdienstes CNI, der allen Hinweisen nach auch in Deutschland sehr aktiv war, erreicht nun in der Zeitung Público einen zweiten Höhepunkt. Sie veröffentlicht heute am zweiten Tag brisante Daten und Dokumente zu Anschlägen islamistischer Terroristen vor knapp zwei Jahren im katalanischen Barcelona und Cambrils. Längst war bekannt, worüber Telepolis berichtete, dass der Chef der Terrorzelle ein Geheimdienstspitzel war. Längst war auch bekannt, dass auch andere spanische Sicherheitskräfte in Kontakt mit dem Imam Abdelbaki Es Satty standen.

Nun legt der Journalist Carlos Enrique Bayo - hier ein sehr interessantes Interview mit ihm - das Ergebnis seiner einjährigen Recherchen vor. Er zeigt auf, wie der CNI über einen toten Briefkasten im Internet mit dem Terrorchef kommunizierte. Beide hatten Zugriff auf das Email-Konto adamperez27177@gmail.com. Kommuniziert wurde so, wie auch schon Bin Laden mit seinen Anhängern kommunizierte. Es wurden nur Online-Nachrichten im Postfach geschrieben, die aber nicht als Email verschickt, sondern dort nur als Entwürfe abgelegt wurden.

Das Email-Konto

So konnte CNI und Es Satty kommunizieren, ohne dass ein Emailverkehr entstand. "ICH SEHE, DASS DU ZUGANG HAST, DU MUSST JETZT NUR EINE NACHRICHT WIE DIESEN ENTWURF SCHREIBEN UND ICH LESE ES. JETZT KANNST DU ANFANGEN, MIR SACHEN MITZUTEILEN. DANKE MEIN FREUND", ist in einem Screenshot aus diesem Konto vom 24. Mai zu lesen. Knapp einen Monat später, als die Vorbereitung auf ein Massaker mit zwei Transporter-Bomben auf Hochtouren liefen, fragt der Kontaktmann den Imam: "HAST DU MIR NICHTS ZU SAGEN ODER KANNST DU NICHT."

Zwei Entwürfe

Die Transporter sollten mit mehr als 100 mit Sprengstoff befüllten Gasflaschen im Zentrum Barcelonas und bei einem Spiel des FC Barcelona explodieren, um ein noch größeres Massaker als 2004 in Madrid mit 191 Toten anzurichten. 500 Liter Aceton hatte die Truppe zur Herstellung von Acetonperoxid bestellt. Das dient bekanntlich für den beim IS beliebten Sprengstoff, der wegen seiner Gefährlichkeit vom IS "Mutter des Teufels" genannt wird.

Der CNI war auch bei Fahrten der Truppe dabei. So schreibt er, dass das Ziel einer Reise war, "in Freiburg einen gebrauchten Subaru Impreza" kaufen. Da das schief ging, wurde ein Flug aus Zürich nach Barcelona für den 22.12.2016 reserviert. Die Telefone der Zellenmitglieder wurden noch mindestens vier Tage vor den Anschlägen abgehört. Die Schlapphüte wussten auch von den Fahrten aus Ripoll mit dem Audi A3 in die Bombenwerkstatt in Alcanar.

Protokoll über die Paris-Fahrt

Dort flog Es Satty mit anderen Zellenmitgliedern am 16. August 2017 gegen 23 Uhr beim Bombenbau in die Luft. Das brachte den Rest der Zelle dazu, vor der Aufdeckung durch die katalanische Polizei zur Form von Autoattentaten in Barcelona mit einem Kleintransporter und in Cambrils mit dem Audi zu greifen. Insgesamt 16 Menschen wurden dabei ermordet. Mit dem A3 waren zwei Terroristen kurz zuvor noch in Paris. Der CNI war wieder live dabei. Akribisch listet er auf, wo sie übernachten wollten, wo sie "21 Minuten" parkten und in einem Geschäft eine Kamera kauften und welche falschen Namen sie benutzten.

Untersuchungsausschuss wird blockiert

Die Zeitung klärt auf, dass am Tag nach dem Anschlag in Barcelona am 18. August der Eintrag zu Es Satty in den Computern des Geheimdienstes gelöscht wurde, will aber aus Schutz ihrer Quellen dazu keine näheren Angaben machen. Das Löschen der Einträge über Es Satty aus der CNI-Datenbank, so unterstreicht die Zeitung, "ist nur in der Geheimdienstzentrale in Madrid möglich". Der Zeitpunkt ist auch schon deshalb wichtig, weil bis zum 21. August nicht über DNA-Test geklärt war, wer in der Bombenwerkstatt in Alcanar ums Leben kam.

Die katalanische Regionalpolizei verkündete, was in Madrid offenbar längst bekannt war. Die Mossos d'Esquadara klärten die Hintergründe sehr schnell auf, wie auch international anerkannt wurde. Das geschah, obwohl die Mossos von allen erdrückenden Hinweisen auf den Imam und die Zelle von spanischen Sicherheitskräften abgeschnitten worden waren. Dass Es Satty wegen Drogenhandel vorbestraft war, dass er auch Verbindungen zu radikalen Islamisten in Belgien hatte, wurde vorenthalten. Aber spanische Sicherheitskräfte, die alles wussten, sogar die Zelle unter Kontrolle hatten, versuchten, den Mossos die Schuld zuzuschieben.

Angesichts aller Erkenntnisse aus zwei Jahren drängt sich der Eindruck auf, dass man sogar verhindern wollte, dass die Mossos gegen die Zelle und deren Geheimdienstspitzel-Chef ermitteln. Zudem muss es viel zu verbergen geben, denn die regierenden Sozialdemokraten (PSOE), die rechte Volkspartei (PP) - unter deren Regierung sich die Vorgänge abspielten - und der rechts-ultraliberalen Ciudadanos (Cs) haben gemeinsam die Bildung eines Untersuchungsausschusses verhindert.

Weitere Fakten werden aber zum Vorschein kommen. Público kündigte an aufzuzeigen, wie der Imam angeworben wurde und welche Vorgänge er verraten hat. Längst war klar, dass der Mann, der nach einem Urteil nach Marokko hätte abgeschoben werden sollen, im Gefängnis Kontakt zu Sicherheitskräften hatte und danach eine Vorzugsbehandlung bekam. Die Vorgänge waren sehr ähnlich wie im Fall des Massakers 2004 in Madrid. Es Satty hatte auch Kontakt zu dessen Autoren. Auch deshalb zog Telepolis schnell Parallelen zu dem Anschlag 2004, in den auch Spitzel und die Sicherheitskräfte verwickelt waren. Spitzel lieferten damals sogar den Sprengstoff an diese Zelle, die unter Kontrolle stand.