Spaßguerilla von rechts

Mit gezielten Regelverstößen versuchen junge Konservative die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Auf Regionalkonferenzen begründen sie ihren Klamauk intellektuell und dienen sich der heimatlosen Rechten als "geistige Führer" an

Richtig aufgefallen sind sie einer breiteren Öffentlichkeit erstmals in Hamburg, als Günther Grass Ende August sein jüngstes Buch „Die Box“ im Thalia Theater vorstellte. Der Achtzigjährige hatte gerade zum Mikrofon gegriffen, als plötzlich vom ersten Rang ein lautes „Vatti“ erklang. Gleichzeitig wurde ein großes Plakat entrollt, auf dem der Dichter mit Pfeife und Stahlhelm abgebildet war. Darauf prangte der Schriftzug: „Vatti ist immer dabei. www.ungebeten.de grüßt die moralische Instanz Günter Grass.“

Bald darauf ertönten aus anderen Ecken des Saales die Rufe: „Nebelkerzenprosa“, „Wir haben Ihnen fünfzig Jahre zugehört!“, und ein lautes: „Das ist die dritte konservative-subversive Aktion“. Offensichtlich spielten die Störer, die sich strategisch gut im Saal verteilt hatten, auf den Umstand an, dass Grass seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS der Öffentlichkeit Jahrzehnte lang verschwiegen hatte.

Der Dichter blieb jedoch gelassen. Er forderte die Aktivisten auf, nicht bloß zu johlen, sondern doch erst mal zuzuhören, was er zu sagen habe. Das Publikum sah das dagegen anders. Es fühlte sich von den Männern belästigt. Als es seinem Unmut lautstark kundtat, wurden die Männer von Ordnern aus dem Saal gedrängt.

Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung: wir gehören ihr nur in dem Maße an, wie wir uns gegen sie auflehnen.

André Breton

Der Ort dieser Aktion war von den Demonstranten zweifellos gut gewählt. Bei der Premiere des Buches war der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Außer dem hanseatischen Bildungsbürgertum und den glühenden Grass-Verehrern waren auch zahlreiche Pressevertreter und Kamerateams anwesend, auch überregionale, sodass hinterher nicht nur das Hamburger Abendblatt ausführlich über den Vorfall berichtete, sondern auch Die Welt (Konservative Spontis attackieren Günter Grass) und die taz (Gesamtkunstwerk Grass), die Berliner Zeitung Stör-Aktion überschattet Grass-Lesung) und das Deutschlandradio. Sogar dem heute journal war die Störung einen kurzen Hinweis wert, während die Süddeutsche Zeitung eine Woche drauf eine ganze Seite ihrer Wochenendbeilage für ein Portrait des Anführers freiräumte.

Rasch wurde bekannt, dass es sich dabei nicht um die erste Provokation dieser Art gehandelt hatte. Bereits im Mai hatte diese „obskure ‚konservativ-subversive’ Gruppe“, wie Dirk Knipphals noch in der taz schrieb, den Jubiläumskongress der 68er-Generation an der Humboldt-Universität heimgesucht. An der Fassade der Universität hatte sie zunächst riesige Transparente angebracht, auf denen an die kommunistischen Massenmorde von Pol Pot, Stalin und Mao erinnert wurde. Danach hatte sie während einer Diskussionsveranstaltung das Audimax gestürmt, von der Empore Flugblätter geworfen und ein Transparent mit Lenin entrollt, das die Aufschrift trug: „68er Illusion. Zehn Millionen Tote für eine gute Sache.“ Einen Monat später hatte man ein Treffen von DDR-Altlinken mit Egon Krenz in Chemnitz aufgebracht, das von der Rosa Luxemburg Stiftung organisiert worden war. Das Medienecho darauf war allerdings damals eher gering.

Organisiert und ausgeführt werden diese „spontanen“ Manöver von einer Gruppe, die sich „Konservativ-subversive Aktion“ (KSA) nennt. Dirigiert wird sie von Götz Kubitschek, einem ehemaligen Oberleutnant der Bundeswehr, der lange Jahre Redakteur der rechtskonservativen Wochenzeitschrift Junge Freiheit war. Zusammen mit dem Historiker Karlheinz Weißmann leitet er seit einigen Jahren das Institut für Staatspolitik, eine Art jungkonservative Denkfabrik, die Kubitschek mit seiner Frau auf dem alten Rittergut Schnellroda in Sachsen-Anhalt eingerichtet hat.

Ideologisch unterfüttert werden die Politspektakel mit Publikationen aus dem Antaios, Ares und Karolinger Verlag, in dem vor allem Schriften der Reaktion und der konservativen Revolution vertrieben werden, von Armin Mohler und Joseph de Maistre über Nicolàs Goméz Davilá und Oswald Spengler bis hin zu Donosó Cortes und Carl Schmitt. Publizistisch begleitet werden sie von der rechtsintellektuellen Zeitschrift Sezession, die viermal im Jahr erscheint und sich dem Unbequemen, Querköpfigen und Widerständigen widmen will, das vor fünf Jahren aus der Zeitschrift Criticon, dem ehemaligen Sprachrohr der intellektuellen Rechten, verschwunden ist. Webmäßig kommentiert und mithilfe von Blogs und Podcasts penibel dokumentiert werden alle Aktionen über das Online-Magazin www.blauenarzisse.de, Ableger einer gleichnamigen Zeitschrift, die sich die Deutung und Verbreitung rechter Jugendkultur auf die Fahnen geschrieben hat.

Konspirativ vorbereitet und koordiniert wird das Ganze entweder per Blog über die Plattform www.ungebeten.de oder über Emails, die an potentielle Kunden des Antaios-Verlags, Abonnenten der „Sezession“ oder an Teilnehmern von Seminaren oder Sommerakademien auf dem Rittergut versandt werden. Wann und wo diese Treffen, Tagungen oder Aktionen stattfinden, wird meist kurz vorher mitgeteilt, um Störungen linker Gruppen auszuschließen. Darum greift man gern auf Methoden der Kommunikationsguerilla, auf Tarnen und Täuschen zurück. Beispielsweise werden bewusst falsche Fährten gelegt, um die Antifa zu verwirren. Erst jüngst wurde großmäulig „die vierte konservative-subversive Aktion“ angekündigt, die sich aber als Fake herausstellte.

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