Spiegel entlässt betriebsbedingt – und Breitbart will nach Europa expandieren

Spiegel-Hauptgebäude in Hamburg. Foto: Dennis Siebert. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Auflagen deutscher Zeitungen und Zeitschriften stark gesunken

Im 1952 gegründeten Spiegel-Verlag wurde bis jetzt noch niemand gekündigt, weil die Geschäfte so schlecht liefen. Bis jetzt – denn wie der Branchendienst Meedia erfuhr, müssen im nächsten Jahr 35 Angestellte “betriebsbedingt” ihren Hut nehmen. Insgesamt sollen sogar 149 von 727 Stellen wegfallen – die meisten davon jedoch über Vorruhestandregelungen und Umsetzungen.

Dass die Stellen wegfallen, hat damit zu tun, dass die Auflage des Nachrichtenmagazins stetig sinkt - alleine im dritten Quartal 2016 um fünf Prozent auf jetzt unter 790.000 Exemplare. Damit ist der Spiegel aber nicht alleine – es geht praktisch allen deutschen Mainstream-Zeitungen so: Die Auflage der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) sank um 11,2 Prozent, die der Bild-Zeitung um 10,9 Prozent (beziehungsweise 240.000 Exemplare), die der Berliner Zeitung um 10,1 Prozent, die des Neues Deutschland um 9,3 Prozent, die der Illustrierten Stern um 8,4 Prozent, die der Bild am Sonntag (BamS) um 8,1 Prozent, die der Welt um 5,3 Prozent, die des Focus um 5,2 Prozent, die der Welt am Sonntag um 4,9 Prozent, die des Tagesspiegel um 3,7 Prozent, die der Süddeutschen Zeitung (SZ) um 3,7, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) um 3,6 Prozent, die der Taz um 1,8 Prozent und die der Wochenzeitung Die Zeit um 1,2 Prozent.

Inhaltlich homogener deutscher Medienmarkt

Das vorher nur im Internet zugängliche Magazin des ehemaligen Wirtschaftswoche-Chefredakteurs Roland Tichy, das sich inhaltlich unter anderem durch seine liberal-konservativen Positionen von diesem Mainstream abgrenzt, ging dagegen mit über 100.000 Followern bei Twitter im Oktober als Print-Magazin an den Kiosk.

Den Eindruck, dass der inhaltlich recht homogene deutsche Medienmarkt im konservativen Bereich (auch wenn das etwas paradox klingt) Platz für Neues lässt, hat man auch in den USA, bei Breitbart News. Alexander Marlow, der Chefredakteur des Portals, nannte Politico Deutschland neben Frankreich und Belgien als einen der möglichen Standorte für eine angedachte Expansion in Europa, wo es bislang nur eine Zweigstelle in London gibt, die von Raheem Kassam geführt wird, einem ehemaligen Assistenten von Nigel Farage.

Breitbart News ist mit 240 Millionen Klicks und 37 Millionen Besuchern im Oktober 2016 inzwischen eines der erfolgreichsten amerikanischen Nachrichtenportale. Bei der Verbreitung der Inhalte in Sozialen Medien wie Facebook und Twitter sahen die Medienanalytiker von NewsWhip Breitbart im Frühjahr sogar auf Platz 1. Weltweit.

Angriffsziel: “Pretty much everyone” (außer Trump)

Das News-Portal steht nicht nur für Attacken gegen die Demokratische Partei, sondern auch gegen das republikanische Establishment. Hillary Clinton fasste das Angriffsspektrum letzten Donnerstag wie folgt zusammen: “[Breitbart-Chef Stephen] Bannon has nasty things to say about pretty much everyone.”

Das Unternehmen wurde vor neun Jahren vom damaligen Drudge-Report- und Huffington-Post-Mitarbeiter Andrew Breitbart als Videoblog ins Leben gerufen, der damit explizit ein konservatives Gegenstück zu den etablierten linksliberalen Medien aufbauen wollte. 2010 sagte er Slate, sein Geschäftsmodell sei der "Angriff" und er nehme es in Kauf, wenn er deshalb als "verrückt" dargestellt werde. Als der Gründer 2012 im Alter von lediglich 43 Jahren überraschend an einem Herzinfarkt starb, gingen viele davon aus, dass das das Ende der Erfolgsgeschichte des Portals sein würde – aber das Gegenteil war der Fall:

“Anti-Establishment-Revolte gegen die permanente politische Klasse”

Breitbarts Nachfolger Stephen Bannon, der in den 1990er Jahren mit der Fernsehsendung Seinfeld reich wurde, steigerte den Traffic alleine im letzten Jahr um 124 Prozent. Das dürfte auch daran liegen, dass man sich mit dem britischen Kolumnisten-Star Milo Yiannopoulos explizit als Gegengewicht zum SJW-Mainstream positionierte (vgl. Cruz verweigert Trump die Unterstützung) und sich über Donald Trump nicht geifernd ereiferte, sondern den Milliardär – wenn auch manchmal etwas augenzwinkernd – als Mann feierte, der das Potenzial hat, dem Establishment gefährlich zu werden.

Im August wechselte Bannon als Chef ins Wahlkampfteam von Trump. Nun soll er Chefstratege in dessen Administration werden. Was das für sein Medienunternehmen heißt, wird sich zeigen.

Marlow zufolge will man mit der neuen Zweigstelle in Europa nicht nur US-Leser über die Geschehnisse dort informieren, sondern sich auch eine Leserschaft vor Ort aufbauen. Bannon hatte bereits vorher verlautbart, die “Anti-Establishment-Revolte gegen die permanente politische Klasse vor Ort und die globalen Eliten, die sie beeinflussen” gebe es nicht nur in den USA, sondern auch jenseits des Atlantik.

Kritiker werfen Breitbart Falschmeldungen, einseitige Berichterstattung und eine "Tonlage" vor, die sie an die der AfD erinnert. Zu den bekanntesten Fehlern, die sich auf der Seite fanden, zählt der auf einer Namensgleichheit basierende Irrtum, dass es sich bei einer von Barack Obama für das Justizministerium nominierten Frau um eine Anwältin aus Bill Clintons Whitewater-Affäre handelte, und die aus einem sarkastischen Scherz resultierende Ente, Verteidigungsminister Chuck Hagel habe bei einer Gruppe namens "Friends of Hamas" eine bezahlte Rede gehalten. Aktuell von der New York Times (die sich auf Bannons - sehr im Unfrieden geschiedene - Ex-Frau beruft) erhobene Vorwürfe, der Breitbart-Chef sei Antisemit, homophob und Sexist, werden von seinem Umfeld vehement bestritten. (Peter Mühlbauer)

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