Spiele mit Klick und Text

Klassische Adventure-Games sind nach wie vor gefragt

Oldschool-Adventures erleben ein stilles Revival - zum einen mit künstlich originellen B-Produkten, zum anderen mit dem Potential für was Neues

Sie sind nicht tot zu kriegen: Abenteuerspiele der "Alten Schule" erfreuen sich anhaltender Beliebtheit - was nicht zuletzt eine Welle von unterschiedlich wertvollen Neuerscheinungen belegt. Stundenlang Rätsel zu knacken, phantastische Grafiken zu bestaunen und einer spannenden Geschichte zu folgen, trifft den Geschmacksnerv einer Zielgruppe, die gern auch mal zum Krimi greift. Adventures haben etwas von visualisiertem Roman und virtuellem Spielfilm. Ihr Konsum entlastet zwar die bildliche Fantasie, regt aber das Relationsverständnis und den Drang zur Suche nach Lösungen an.

Filmreif: Mit "Fahrenheit" landeten Atari und die Entwicklerstudios von Quantic Dream einen anspruchsvollen Thriller-Hit

Vom einst puren Textspiel entwickelten sie sich zu bildstarken Science-Fiction- (Dreamfall), Grusel- (Black Mirror), Detektiv- (Sherlock Holmes: Das Geheimnis des silbernen Ohrrings) oder Abenteuergeschichten, denen es an spannenden Momenten nicht mangelt. Die ambitionierten Entwicklungen mancher Macher führt zu individuell beeinflussbaren Adventures, deren Verlauf an Entscheidungspunkten unterschiedliche Richtungen einschlägt, um in einem von mehreren Finals zu enden, wie Ataris Thriller "Fahrenheit" (ausgezeichnet mit dem Award "Best of Games Convention 2005") beispielhaft vorführte.

In ferner Zukunft: Heldin Zoë aus "Dreamfall" bereist Welten und löst ein Geheimnis ums Träumen

Ihre intuitive Steuerung macht die Bedienung für jeden halbwegs Computererfahrenen verständlich. Im Point ´n´ Click-Adventure werden vom Spieler nur zwei motorische Aktionen verlangt: das Zeigen und das Anklicken mit der Maus. Der spielerische Anspruch liegt nicht in Schnelligkeit oder Geschicklichkeit; Denken ist gefragt. Auf seiner Spurensuche sammelt der Spieler in Dialogen Informationen aus Charakteren, denen er während seiner Reise begegnet und untersucht das Bild nach nützlichen Gegenständen. Diese mal sehr eindeutigen, dann wieder fragwürdigen Utensilien nimmt er in sein Inventar auf und benutzt sie an anderer Stelle des Spiels zum Weiterkommen - vom klassischen Schlüssel über die rostige Kurbel bis hin zu verschiedenen Chemikalien, die es korrekt zu mischen gilt.

Spiele wie "Heart of China", "Loom", "Monkey Island", "Zak McKracken", "Indiana Jones and the Fate of Atlantis" oder die "Myst"-Reihe sind Klassiker des Genres, an denen sich ein paar hier vorgestellte neue Titel zu messen haben.

"Myst V" zählt zu den schönsten Adventures überhaupt

Nahezu alles, was ein erinnerungswürdiges Adventure braucht, kommt vom belgischen Comiczeichner und Autor Benoit Sokal, der bereits mit "Syberia" einen Hit laden konnte: "Paradise" hat eine vertrackte Handlung, eine mystische Atmosphäre und eine fantastische Optik. Die Geschichte spielt im fiktiven afrikanischen Land Mauranien. Sein autoritärer Herrscher König Rodon zieht sich auf eine abgelegene Residenz zurück und ermöglicht so Nachbarstaaten, strategische Stellungen seines Landes zu erobern.

Atmosphäre pur: In "Paradise" durchsucht der Spieler afrikanische Eingeborenenhütten bei Sonnenuntergang

Daraufhin ruft Rodon nach seiner Tochter Ann. Und obwohl Ann jeglichen Kontakt zu ihrem Vater abgebrochen hatte, willigt sie ein und macht sich auf den Weg zu ihm. Doch wie es die Umstände wollen, stürzt ihr Flugzeug irgendwo in Afrika ab. Sie überlebt, wacht in einem riesigen Palast auf und kämpft mit Gedächtnisverlust. Auf der Suche nach sich selbst wandert sie umher und trifft schließlich einen geheimnisvollen schwarzen Leoparden, der sie durch das Dickicht neuer und alter Erinnerungen führt.

Herrliche Augenblicke und Liebe zum Detail: Grafik aus "Paradise"

Amnesie ist nicht selten ein spannendes Thema. Das Konzept von "Paradise" weiß dank seiner faszinierenden Atmosphären zu fesseln. Der positive Eindruck wird bald jedoch durch kleine, aber entscheidende Mängel getrübt. Gründliches Durchsuchen der unterschiedlichen "Räume", in denen Schlüsselgegenstände teils wie Nadeln im Heuhaufen versteckt sind, fordert ein hohes Maß an Geduld.

"Paradise": Hebel, Leitern und Flaschenzüge stellen Ann bei ihrer Odyssee durch Afrika jede Menge Fragen

Zudem lässt die Steuerungsmechanik ein wenig zu wünschen übrig. Hat der Cursor z.B. am Rande des Sichtbaren einen Interaktionspunkt signalisiert, scrollt gleichzeitig auch der Bildschirm weiter, da die Fortbewegung von Bildabschnitt zu Bildabschnitt ebenfalls durch den Cursor eingegeben wird. Nichtsdestotrotz strotzt "Paradise" von kunstvoll gestalteten Szenarien mit Liebe zum Detail. Mit jedem aufgedeckten Geheimnis und jeder wiederentdeckten Erinnerung geht der Spannungsbogen steil nach oben.

Geheimnisvolle Mechanismen: In Adventures wie "Paradise" oder "Myst" blockieren seltsame Maschinen das Weiterkommen

Da kann man über technische Mankos schon mal hinwegsehen, die in den meisten Adventures noch gang und gäbe sind. So wie in der Umsetzung eines italienischen Comics: "Das Eulemberg-Experiment" hat dem Genre, bis auf ein paar lustiger Story-Wendungen, wenig Erinnerungswürdiges beizutragen. Adam Quinn ist der Held der Geschichte um den Mord an einem Archäologen. Diesem widerlichen Detektiv gilt es zuzuhören, wenn etliche millimeterkleine Gegenstände nach ihrer Nützlichkeit untersucht werden müssen. In durch Ladefehler abgehackten Sätzen reißt er platte Witze und lässt so auf nervtötende Weise den Spielfluss stocken. In Kombination mit langweiligem Hin- und Herreisen durch unsinnige Botendienste und Quinns allzu gemütlicher Fortbewegungsart geht dem Spiel sehr schnell die Luft aus.

Dialoglastig: George aus "Baphomets Fluch - Der Engel des Todes" muss einige, teils lustige Geschichten über sich ergehen lassen

Der lang erwarteten Fortsetzung eines Klassikers hätte man manche Fehler leicht ausbügeln können, da die Entwickler eigentlich alte Hasen sind: "Baphomets Fluch - Der Engel des Todes" geht zurück zu den Wurzeln des Genres und lässt die von Fans als überflüssig empfundenen Action-Sequenzen des Vorgängers von 2003 weg: Per Point ´n´ Click oder alternativ mit den Cursortasten steuert der Spieler Titelheld George Stobbart, dessen Hilfe von der hübschen Anna Maria aufgesucht wird. Auf der Flucht vor der Mafia sucht das Duo nach einem mächtigen Artefakt, das sie kreuz und quer über die Erde führt - eine ca. 15-stündige Reise, die durch fehlerhafte Wegfindung der Spielfigur, Dialogen, die man nicht abbrechen kann und teils an den Haaren herbeigezogenen Rätseln gestreckt wird. Besonders schade ist diese auch optisch erkennbare Schlamperei im Endschliff, da "Baphomets Fluch 4" eine witzige Story mit jeder Menge Humor hat, deren Potential zum Tophit gereicht hätte.

Armes Schwein: Die Story von "Baphomets Fluch - Der Engel des Todes" ist, trotz einer Altersfreigabe ab 6 Jahren, durchaus nicht blutleer

Genrefans können aber sicher sein, dass auch in Zukunft nicht nur Nullnummern und halbe Sachen den Markt der Adventures dominieren. Angekündigt sind bereits vielversprechende Titel wie das Spiel zu Steve Purcells Comic-Detektivgespann "Sam & Max", Teil zwei des Kulthits "Runaway" oder dem Comedy-Spiel "Tony Tough 2". (Mark Lederer)

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