Spielplatz der Wissenschaften

Das Phaeno in Wolfsburg ist eine zweifache Überraschung: In der größten Experimentierlandschaft Deutschlands können Besucher Wirbelstürme beobachten und mit ihren Gedanken ihre Kräfte messen. Spektakulär ist auch die Architektur des von Zaha Hadid entworfenen Hauses

In der gleißenden Morgensonne blendet der helle Beton, der sich wie ein gewaltiges Gletschermassiv vor die Bürohausschachteln der Wolfsburger Bahnhofsgegend schiebt. Nicht einmal die Schlote des VW-Werks, das hinter Wolfsburgs neuem Wissenschaftsmuseum Phaeno liegt, überragen die 16 Meter hohen, glatt polierten Außenseiten des Hauses. Drei Flanken bilden einen dreieckigen Grundriss, dessen Spitze weit über den Platz zielt. Gut 150 Meter weiter befindet eine kleine Höhle, der Eingang in den gewaltigen Bau.

Sicht auf das Phaeno von Süden. Foto: Klemens Ortmeyer

Eine Schülergruppe drängt unruhig hinein. Eine steile Rolltreppe schaufelt sie hinauf auf ein Hochplateau, auf den 9.000 qm großen Wissenschaftsspielplatz. Hinter der futuristischen Fassade des von der Stararchitektin Zaha Hadid entworfenen Hauses liegt eine Halle, die Assoziationen an eine Fabrik, andererseits an einen überdachten grauen Canyon weckt. Ein weiter offener Raum, durch den sich Hügel schwingen und Pfeiler in Form massiger Baumstämme aus dem Boden wachsen. Das Dach besteht aus abertausenden Stahlstreben, eingezogen bis in die entlegensten Winkel. Über Pfade, durch Schluchten hindurch, vorbei an Kratern, führen die Wege durch ein riesiges Labor mit 250 Experimenten, die alle ausprobiert und erforscht werden wollen.

Eine Leuchtschrift kündigt eine Gasshow im Krater und für zehn Uhr einen Feuertornado an. Was man immer schon mal über die Schwerkraft wissen wollte, aber im Physikunterricht nicht kapiert hat, verspricht das Phaeno zu erklären. Hier fließt der Strom, der Lampen leuchten lässt und Treppen bewegt, nicht einfach aus der Steckdose. Im Themenbereich Energie kann man selbst kurbeln und ein Kraftwerk in Gang setzen, dessen Elektrizität Haushaltsgeräte betreibt.

Experimentieren soll Spaß machen

„Alle nehmen erstmal ihre Kaugummis raus. Essen und trinken ist nur in der Garderobe erlaubt.“ Eine Lehrerin erteilt letzte Anweisungen, bevor die Jungen und Mädchen vorbei stürmen. Schnell hat sich die Gruppe im vorderen Teil des Baus verteilt. Einige hantieren an Seilen und ziehen eine Kiste, auf der ein Schüler sitzt, hin und her. Andere versuchen erfolglos, blaue Würfel zu einem Brückenbogen zusammenzusetzen. Die Quader aus Schaumgummi stürzen immer wieder ein. Zum Mitmachen fordert auch ein Hinweisschild neben einem mit Wasser gefüllten Glasbehälter auf: „Beobachte den blauen Ball und das Glasröhrchen, während du Luft in die Säule pumpst.“

Leichter gesagt, als getan. Der altertümliche Hebel lässt sich nur schwer auf und ab drücken. Der Ball sinkt nicht, aber der Behälter, in dem Wasser die Luft durch das Pumpen verdrängt. Wieso, weshalb, warum? Im Röhrchen schrumpft die Luftblase, das schwerer als Wasser ist und deshalb sinkt, lese ich nach. Aha. Als Erwachsener wüsste man natürlich gerne mehr, wenn schon das Verständnis für naturwissenschaftliche Phänomene nie so groß war, sucht eine wissenschaftliche Einordnung dieses Phänomens und fragt sich, welcher praktische Nutzen aus dieser Erkenntnis vielleicht entsteht.

Der „große Hängelinienbogen“ im Bereich Materie: Eine Gruppe baut mit großen Schaumstoffwürfeln einen zwei Meter hohen stützenfreien Brückenbogen. Die Kräfte, die in einem Bogen wirken, sind hier das Thema. Foto: phäno/Rainer Jensen

Während überall etwas leuchtet, sich dreht, wirbelnde Bilder den Blick verwirren, können einige Themen auch zielgerichteter erkundet werden. Neben der „Vier-Elemente“- und Energie-Tour stehen Führungen durch die Klangwelten auf dem Programm. Dabei entdecken Kinder klatschend und pfeifend die Musik ihres Körpers und basteln aus Alltagsmaterialien Instrumente. Die Werkstattmitarbeiter des Phaeno bauten ein riesiges Rohr, das den Schall der Musik sichtbar macht. „Bei den Klangwelten kommt es uns darauf an, emotionale und künstlerische Dimensionen anzusprechen“, erklärt Davy Champion, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter zum Soundprojekt eine Sonderausstellung entwickelte.

Auf Deutschlands größtem Wissenschaftsspielplatz machen langatmige Erklärungen keinen Sinn. Schließlich ist die Zielgruppe des Phaeno ausgesprochen jung. Vormittags kommen bis zu 30 Schulklassen. Auch als Ziel für den Wochenendausflug ist das Haus beliebt. Und die Jugendlichen sollen vor allem ihren Spaß haben, spielerisch Phänomene aus Natur und Technik entdecken. Das „Science Center“ ist nicht als Museum konzipiert, in dem eine naturwissenschaftliche Sammlung für Erbauung sorgt. Mit dem Slogan „Wissenschaft zum Anfassen“ werben die Wolfsburger für sich und wollen die Hemmschwelle gegenüber Physik, Chemie und Technik abbauen. Die Besucherzahlen bestätigen, dass die Idee aufgeht. Seit der Eröffnung im November 2005 lockte das Haus mit 180.000 Besuchern doppelt so viele Gäste an, als prognostiziert waren.

Schatzsuche im Biolabor

Eine vierte Klasse versammelt sich im Biolabor, in dem Neonlicht und weiße Wände eine sterile Atmosphäre erzeugen. Auf dem Tisch mit Resopalbeschichtung stehen mit Wasser gefüllte Aquarien. In den nächsten 20 Minuten experimentieren die Jugendlichen mit den „Vier Elementen“. Julia Schwarz betreut die Gruppe als eine von acht Phaenowomen und Phaenomen, die an diesem Tag durch die Ausstellung führen. Nachdem die Namen der Stoffe Feuer, Wasser, Luft und Erde gefallen sind, fragt Schwarz weiter nach. „Warum sind das die vier Elemente?“ Die Gruppe wird unruhig. Alle richten den Blick konzentriert auf die Fragerin. Beim Wettkampf um die schnellste Antwort liegt Jens vorn und erklärt: „Das waren die ersten Elemente, die auf der Erde waren.“ Früher dachten die Menschen, alles bestünde aus diesen Urmassen. Und als sei es völlig selbstverständlich, klärt sich schnell, dass heutzutage keiner mehr so was glaubt. „Es gibt noch viel mehr Elemente“, sagt Judith. Welche bleibt erstmal offen. Später ziehen die Kinder los auf eine„Entdeckungstour“, bei der sie das Thema anhand eines Fragebogens selbstständig verfolgen können.

Im Biolabor: Kinder experimentieren im Workshop „Vier Elemente“. Foto: phäno/Rainer Jensen

Statt im Schulbuch nachschlagen zu lassen, verfolgen die Museumspädagogen das Konzept des „Learning by doing“ und verbinden es mit phantasievollen Geschichten. Und die kommen bei den Grundschülern an. Da taucht ein Gummibärchen auf dem Meeresgrund nach einem Schatz, ohne nass zu werden. Statt Gold sinkt ein Cent auf den Boden der Aquarien. Und den kann man mit Hilfe eines Boots, mit einem Glas und einem Magneten bergen. Die Viertklässer hantieren mit dem Gefäß und probieren das Boot mit Bär irgendwie trocken durchs Wasser zu lotsen. Das Experiment glückt. Das Schiff samt Crew erreicht den Schatz ohne nass zu werden. Bloß den Magneten hatten einige Schüler nicht versenkt, der den Cent erst hinausziehen kann. Markus kann gleich erklären, warum die Utensilien trocken bleiben. „Im Glas ist Luft. Die Luft drückt das Wasser weg.“ Seine Mitschüler und er finden das alles klasse und cool. Als dann die Zeit um ist, rennen alle los, denn in wenigen Minuten soll der Feuertornado loswirbeln.

Wie Baumstämme steigen Betonkegel aus der Tiefe, die das Gebäude tragen. Foto: Klemens Ortmeyer

Experiment Architektur

Hoch über dem Boden schwebt Hadids Phaeno, von kegelförmigen Füßen getragen. Der helle Beton betont die Leichtigkeit des kolossalen Baus, der trotz seiner Größe nicht überwältigend wirkt, vielmehr Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Den Schwung der zehn tragenden Kegel, des sich windenden Raums unter dem Museum setzt sich in den wellenförmigen Vorplatz fort. Wie auch im Innern dienen keine eindeutigen Begrenzungen durch Kanten und Ecken der Orientierung der Besucher, denen sich ein großer Spielraum für ihre Wege eröffnet. Die der Stadt zugewandte Außenseite des Museums, von Luken durchbrochen, kippt schräg nach hinten, während die Fassade hinter der Spitze wieder plan entlang des Mittellandkanals verläuft. Kaum einen rechten Winkel zieht die Architektin. Der graue Baustoff biegt und verschränkt sich in alle Richtungen.

Hadids Entwürfe, in denen sich vielfältig die Formen überschneidenden, sind inspiriert von dem russischen Avantgardisten Kasimir Malewitsch. Um ihre Vision von einer plastischen Formgebung umzusetzen, das Gebäude wie eine Skulptur aus einem Guss zu modellieren, reichten herkömmliche Technologien nicht aus. Das Phaeno erforderte eine bautechnisch einmalige Umsetzung. Stützen, Balken und Decken kommen darin nicht mehr vor. Das Stahldach überspannt die 6.000 qm Grundfläche ohne Träger. Dafür waren flexibel angefertigte Holzverschalungen erforderlich. Erst ein sich selbst verdichtender Beton ermöglicht den Fluss der Formen. In ein und demselben Kegelstumpf konnten dadurch unterschiedliche Neigungswinkel entstehen.

Gehirnströme bewegen einen Ball

Durch einen Tunnel erreicht die Gruppe eine Höhle. Aber nicht einmal ein Funken scheint in der dusteren Ecke auf. Der Strom ist ausgefallen im ganzen Haus. Macht nichts. Irgendwo in den Weiten des Raums gibt es noch mehr zu ergründen. Insgesamt neun Themenfeldern regen zum Spielen und zu Versuchen an. Hinweisschilder zu diesen Wissensinseln über Energie, Licht und Sehen, Wind und Wetter, Leben, Materie, Information, Mikro und Makro, Spiele und Bewegung gibt es nicht.

„Wir geben im Phaeno bewusst keine Wege vor. Jeder Besucher bahnt sich seinen ganz eigenen Pfad durch unsere Experimentierlandschaft und sucht sich selbst seine Schwerpunkte“, beschreibt Phaeno-Direktor Wolfgang Guthardt das Konzept. Die Idee dazu kam aus den USA, wo es seit den 60er Jahren Science Center gibt. Die Stadt Wolfsburg sorgte für die Anschubfinanzierung von 79 Millionen Euro. Firmen unterstützen das Haus im Rahmen einer Public Private Partnership. Natürlich ist VW mit dabei. Und der Baden-Württembergische Energiekonzern EnBW, der im Themenbereich Energie sein Logo auf einer Tafel gut sichtbar ausstellen darf.

Und ohne Strom geht im Phaeno natürlich nichts. Als die Elektrizität wieder fließt, sammeln sich Zuschauer um einen Krater, um endlich eine der Attraktionen des Hauses zu sehen. Dafür drückt ein Phaenoman einfach einen Knopf neben einigen schwarzen Säulen, die in einem Kreis angeordnet sind. Es zischt kurz. Der größte Feuertornado der Welt ist gezündet, schießt in fünf Metern Höhe in ein schwarzes Loch hinein. Und der Phaenoman weiß auch, dass das hier nicht nur ein Spiel ist. So ein heißer Strahl kann bei Waldbränden ganze Landstriche verwüsten.

Blick über den Kraterrand: Zuschauer beobachten den größten Feuertornado der Welt. Foto: phäno/Lars Landmann

Um alle 250 Experimente einmal selbst auszuprobieren, benötigt ein Besucher vier Tage. Wo also als nächstes hin? Am besten gefällt ihnen die Kugel, die sich nur durch Gedanken bewegen lässt, berichten zwei Schüler. Sie weisen ans andere Ende des Gebäudes hin. „Einfach dahinten um die Ecke gehen und dann durch den Tunnel.“ Dort öffnet sich ein lichtdurchfluteter Raum. Durch ein Panoramafenster sieht man die Autofabrik mit ihren Schornsteinen hinter dem Kanal. Die Lounge hat die VW-Designabteilung als Partner des Phaeno gestaltetet. Orangefarbene Plastiksessel stehen um einen Tisch, in dessen Mitte sich der „Mind Ball“ befindet.

Mit dem runden Ding soll sich ein gedankliches Kräftemessen austragen lassen? Drei Jugendliche bezweifeln das. „Mit diesem Band misst man doch keine Gehirnwellen. Das geht doch ganz anders. Da braucht man viel mehr Drähte und so“, sagt die eine. Aber sie versuchen es trotzdem und legen sich eine blaue Manschette mit drei silbernen Knöpfen um die Stirn. Über die Messpunkte sollen die Gedanken fließen und die Kugel in Bewegung setzen. Zwei Mädchen setzen einander gegenüber. Sie runzeln die Stirn und fixieren mit ihren Blicken einen schwarzen Punkt in der Mitte. Ein Monitor zeigt zwar „brainactivity“ in blauen und roten Kurven an. Aber der Ball kullert immer wieder auf die rechte Seite, ganz gleich wer da sitzt und egal auf welcher Seite.

Sind sie jetzt enttäuscht? „Nö, nich so. Hier gibt’s ja noch mehr“, sagt die eine. Und dann ziehen sie weiter, neugierig auf weitere Überraschungen. Am nächsten Krater steht eine Menschenmenge und wartet auf den Beginn der Gasshow. In der Cafeteria lassen sich unterdessen Jens, Markus, Judith und ihre Mitschüler das Eis schmecken. Zwei Stunden Expedition liegen hinter ihnen. Jetzt sollen sie auch noch die Frage beantworten, wie es ihnen gefallen hat. „Das ist alles schön“, antwortet Judith. „Am besten gefällt mir, dass man hier selber etwas machen kann.“ Nur die Antwort, wieso sich die Stufen der die Rolltreppe bewegen, muss bis zum nächsten Besuch warten. (Jörg Brause)