Spin Doctoring im GDL-Arbeitskampf

Der "Diktator Weselsky" und die große "schmutzige Politik"

Auch während des soeben beendeten neunten Streiks der GDL war wieder eine "Mobilmachung" gegen die GDL zu beobachten. Dass das nicht von ungefähr kommt, sondern von handfesten Interessen herrührt, zeigt ein Blick hinter die Kulissen: Bundesregierung, Deutsche Bahn, die Spitzen der "Großgewerkschaften" IGM und IG BCE und die DGB-Spitze selbst, die EVG und nicht zuletzt die Konzerne und Banken – sie alle hatten und haben ein jeweils eigenes, konkretes Interesse daran, die GDL "totzuverhandeln", in immer neue Streiks und möglichst in eine schwere Niederlage zu treiben. Gleichzeitig agieren die führenden Medien wie gleichgeschaltet. Sei es, weil das der Chefredaktionslinie entspricht. Sei es, weil eine wirksame Opposition im Lande weitgehend fehlt. Oder sei es, weil die Materie vielen Medienleuten einfach zu kompliziert erscheint. Jens Wernicke sprach mit dem Bahnexperten Winfried Wolf, der die "STREIKZEITUNG - JA zum GDL-Arbeitskampf – NEIN zum Tarifeinheitsgesetz" herausgibt, über Hintergründe und Geschehen.

Herr Wolf, Sie sind Initiator und Chefredakteur der vor wenigen Tagen erschienenen 6. Streikzeitung zum aktuellen Arbeitskampf der GDL. Wieso engagieren Sie sich für diesen Streik?
Winfried Wolf: Das hat mit drei Dingen zu tun. Erstens bin ich Verkehrsexperte und leidenschaftlicher Bahnfreund. Und eine Bürgerbahn und Flächenbahn, also eine Eisenbahn, die für die Menschen vor Ort da ist, kann nur überzeugen, wenn die Leute, die das Rad am Rollen halten, engagiert, gut ausgebildet sowie mit Lust und Leidenschaft pro Eisenbahn dabei sind.
Das ist heute aber nicht mehr eine Selbstverständlichkeit. Die Verantwortung dafür trägt ein Bahnmanagement, das seit 1994 die Belegschaft mehr als halbierte, die Arbeitsplätze abqualifizierte, den Stress bei der Arbeit erhöhte und den Schienenbetrieb unter anderem durch Fahren auf Verschleiß schwer beschädigte. Die GDL kämpft hier für Arbeitszeitverkürzung, für Überstundenbegrenzung und für Neueinstellungen. Das ist gut so. Die Grundlagen für das Schlichtungsverfahren, die am 21. Mai beschlossen wurden, sind daher ein guter Schritt in diese Richtung.
Zweitens bin ich linker engagierter Gewerkschafter – seit mehr als 30 Jahren bei ver.di – und Chefredakteur von Lunapark21 . Der Gegensatz Lohnarbeit und Kapital – und meine Parteinahme für die Sache der Arbeitenden und Erwerbslosen – bestimmt mein Handeln und Denken seit meinem neunzehnten Lebensjahr.
Aktuell erleben wir beim Arbeitskampf zwischen GDL und Bahn einen exemplarischen Machtkampf– mit der großen Gefahr, dass im Fall einer Niederlage der GDL der Angriff auf das Streikrecht verallgemeinert und ein weiterer wichtiger Schritt beim allgemeinen reaktionären Rollback, das wir seit Mitte der 1980er Jahre erleben, vollzogen wird. Es ist tragisch, dass diese Einsicht bei der DGB-Spitze und bei der IG Metall, der IG BCE, bei der IG Bau und bei der EVG fehlt. Diese Gewerkschaften agieren inzwischen immer mehr als Sherpa für die Unternehmertruppe beim neoliberalen Vormarsch denn als Interessenvertretungen der bei ihnen organisierten Arbeitnehmer.
Drittens schließlich arbeite ich seit ziemlich genau 15 Jahren punktuell mit GDL-Leuten zusammen und habe dabei sehr gute Erfahrungen gemacht. 2001 gründete ich die Bahnexpertengruppe Bürgerbahn statt Börsenbahn, die bis heute bei vielen Aktivitäten gegen die Bahnprivatisierung und für eine Bürgerbahn eine wichtige Rolle spielt. Von Anfang an war hier ein prominenter GDL-Mann mit bei uns dabei, der damalige Vorsitzende der GDL in Berlin-Brandenburg und Sachsen. Und heute ist ein Lokführer in unserer Gruppe aktiv. Auch deshalb engagierte ich mich bereits 2007/2008 im Arbeitskampf der GDL – damals mit einer eigenen Website sowie einem StrikeBlog. Da lag es auf der Hand, dass ich im November 2014, als sich der Konflikt zuspitzte, erneut den GDL-Arbeitskampf unterstützte. Dieses Mal nochmals prononcierter – mit einer Streikzeitung, von der inzwischen sechs Ausgaben erschienen sind.
Ich erlebe gerade allerorten, abends beim Bier, in öffentlichen Verkehrsmitteln, bei Telefonaten mit Freunden, dass mir entgegengebracht wird: "Mann, dieser Weselsky, langsam ist es echt genug, der Mann nervt einfach nur noch!" Was erleben wir denn hier?
Winfried Wolf: Das kann ich so kaum umfassend beantworten. Da spielt verdammt viel mit herein. Zunächst einmal würde ich die Grundaussage wenn sie denn verallgemeinert wird, schlicht in Frage stellen. Nervt der Mann wirklich? Und wenn, dann wen?
Die Tatsache, dass nach dem vorletzten Streik, dem 6-Tage-Streik, eine repräsentative Umfrage ergab, dass 52 Prozent der Befragten für den GDL-Streik "kein Verständnis" hatten und dass umgekehrt fast die Hälfte der Befragten sehr wohl Verständnis aufbrachten, finde ich vor dem Hintergrund der Dauer dieser Tarifrunde, der vielen Streiks, die es bislang gab, und der medialen Hetze, die gegen die GDL auf fast allen Kanälen betrieben wurde und wird, sogar erstaunlich positiv für die GDL.
Ich würde mal sagen: Der Mann hat Ecken und Kanten; aber er ist authentisch und glaubwürdig. Vergleichen Sie den doch mal mit einem DGB-Hoffmann oder einem EVG-Kirchner. Diese Bürokraten sind doch derart blass und unglaubwürdig, dass es gar nicht lohnt, sich bei denen genervt zu zeigen.
Weselsky mag undiplomatisch sein. Er mag mal im Ton daneben liegen. Seine Aussage zur EVG mit dem Vergleich mit Behinderten war unsäglich. Doch er hat sich glaubwürdig entschuldigt. Und er agiert ohne Visier, ohne Redemanuskript; kompetent und offen. In der heutigen politischen Landschaft finde ich das ausgesprochen erfrischend. Und wenn der Autovermieter Sixt ihn dann zum "Mitarbeiter der Woche" kürt, dann ist das einerseits originell, andererseits aber auch eine Art Ritterschlag. Auf den entsprechenden Sixt-Plakaten ist Weselsky recht positiv abgebildet.
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