Spinnen mit stumpfen Zähnen: Das Bestiarium von Klagenfurt

Kinder, Sex und Tiere dominieren die Bachmann-Tage 2012

Dies sei ein "durchschnittlicher Jahrgang" urteilte ein Text-Gourmet aus der Verlagsszene über die 2012 ins Rennen gegangenen Jungautoren bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur (TDDL). Vierzehn Nachwuchsliteraten wurden dort wie üblich verkostet, also nach allen Regeln der philologischen Kunst geschlachtet, tranchiert und dem Publikum serviert. Sie hoffen auf ein Preisgeld und eine Karriere im Literaturbetrieb.

Es begann mit Hundebissen und setzte sich mit auffälliger Häufung von Tierischem in den Vorlesungen fort. Viehzeug steht dem Philologen bekanntlich für das Tier im Menschen und das will vor allem eines: Sex. Davon bekamen die drei Juroren und vier Jurorinnen reichlich, oft unverblümter als in vergangenen Jahren.

Die prekär schuftende, alleinerziehende Mutter startete in eine Karriere als Domina, aus der Perspektive von Haut- und Latexoberflächen geschildert, der nackte Nachtwandler kam mit seiner blutroten Erdbeerspitze der sexuell nicht abgeneigten Kellnerin in die Quere, andere Ich-Erzählerinnen entledigten sich erotisch ihrer Seidenstrümpfe. Der in der Vergangenheit zuweilen erhobene Pornografievorwurf blieb diesmal aus, allenfalls wurde bemängelt, dass männlichen Schreibern die weibliche Ich-Perspektive nicht ganz gelungen sei.

Das Tier im Manne schwankte zwischen Hund und Echse, bei Frauen wurden eher Kätzchen und Kolibris bemüht. Ein Klischee sah eine Jurorin aber eher darin, dass die prekär Beschäftigte ausgerechnet auch noch als alleinerziehende Mutter dargestellt wurde. Sie ließ sich aber belehren, dass dies doch der gesellschaftlichen Realität entsprechen könne. Besonders heikel wurde die Schilderung von Kindersex mit Tieren, unter anderem bei Reiterspielen kleiner Mädchen ging es um den Kitzel zwischen den Beinen, meist wurde die erwachende Sexualität aber bei Pubertierenden gesucht.

Auffällig oft flatterte, krabbelte und hüpfte es durch die Erzählungen: Ameisen, Insekten, Fische, Frösche, Echsen, Kolibris, betrunkene Hühner und Hundkatzemaus machten klar, dass junge Literaten sich heuer mehr für Tierschutz interessieren dürften als für Umwelt oder Menschenrechte. Darin sind sie den Juroren anscheinend nicht unähnlich: Einer glaubte sich nach einer für Germanisten recht realistischen Beschreibung einer Lowtech-Recycling-Werkstatt für Elektroschrott in eine zukünftige, postapokalyptische Welt versetzt. Die Anmutung einer Alchemistenküche, als familiär erweiterter Ich-AG beschrieben, traf da schon eher, aber Filme über den Alltag afrikanischer Kinder bei der Metallgewinnung aus Altcomputern scheinen Literaturkritiker selten auf ihren Fernsehschirm zu lassen. So mieden auch die meisten Nachwuchstalente die Gesellschaftskritik, nur hie und da blitzte ein knapper Blick auf den trüben Alltag des Prekariats auf.

Die Erforschung der eigenen Innerlichkeit ist nun mal Aufgabe der Kunst, wie die Naturwissenschaften die äußere und Sozialwissenschaften die soziale Welt erforschen. Nur könnte man in dieser inneren Welt durchaus auch wieder auf relevante Teile der sozialen Welt stoßen, wenn man sie ins eigene Erleben denn hinein gelassen hätte. Eine Reflexion gesellschaftlicher Probleme soll manche sensible Zeitgenossen ja in ähnliche Seelennöte bringen, wie das Ringen ums Erwachsenwerden und ein erfülltes Liebesleben.

Eine gewisse Herzensbildung schaut aus der heilen Welt des Besitzbürgertums auch mal auf die unteren Zweidrittel, denen es nicht gut genug geht, um sich gepflegte Kultur zu gönnen. Oder wenigstens auf das aktuelle Zeitgeschehen, wie einst Peter Glaser beim Blick auf unsere Lebensweise im globalisierten Medienalltag, damals mit einem dezenten Seitenblick auf die 9/11-Anschläge (Gelungene Darstellung unserer Lebensweise im globalisierten Medienalltag).

Was sich an politischer Reflexion in diesem Jahr fand, blieb noch hinter dem nicht allzu hohen Standard vergangener Bachmann-Veranstaltungen zurück. Und brachte die Jugend aktuelle Bezüge in die gutbürgerliche Welt des Literaturbetriebs? Immerhin, ein finanzkrimineller Hedgefond-Betrüger betrat die Bühne, maskiert als Romancier mit Schreibblockade. Untergetaucht war er in einem Edel-Kurhaus für schreibkranke Poeten, gelegen in der karibischen Steueroase Curacao. Die harte Realität brach in die Idylle ein in Gestalt eines Fahnders der Finanzaufsicht, der energisch Kooperation anmahnte: Auch das Stiftungskapital des Sanatoriums sei durch solche Kriminelle dezimiert worden. Das zwang den Finanzverbrecher zur Flucht in der Luxusyacht des Traumhotels Goethe - eine Satire auf die Realitätsflucht der zeitgenössischen Literatur vermochte darin niemand zu entdecken.

Beinahe so, als sei Politik heute so tabuisiert wie einst die Erotik, übten sich fast alle Jungpoeten in unpolitischem Künstlertum. Zumindest jene, denen die Ehre zuteil wurde, nach Klagenfurt eingeladen zu werden. Eine Ehre, die mit der Pflicht verbunden ist, sich von den miteinander wetteifernden Kritikern auseinander nehmen zu lassen, sich mangelndes Sprachtalent, unoriginelle Themenwahl, Schlagerpoesie, Langweiligkeit oder wahlweise Effekthascherei vorwerfen zu lassen. Eine Jurorin mochte keine Hühner mit abgeschlagenen Köpfen mehr sehen und der tendenziell eher zur Altersmilde neigende Chefjuror Burghard Spinnen beklagte doch, eins ums andere Mal "stumpfe Zähne" beim Lesen der Texte bekommen zu haben.

Einig war man sich in der Jury über den ungewöhnlichen Hang des Jahrgangs zu Viehzeug und pubertärer Erotik, aber das gehört wohl nur zur Bachmann-Show. Denn wenn die Juroren sich staunend über das heurige Trendthema wundern, müssten sie sich eigentlich an die eigenen Nasen fassen: Sie, die Juroren, wählten aus Abertausenden eingesandten Manuskripten jene 14 Schreibkünstler aus, die sie dann in Kärnten lesen lassen. Unwahrscheinlich, dass sie dort nicht genügend Stories hätten finden können, die nicht um Kindheit, Sex und Tiere kreisen.

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