"Sport hat in der Politik nichts zu suchen!"

Nathalia Gart. Bild: International Luge Federation

Exklusiv-Interview mit der Verbandspräsidentin und Putin-Vertrauten Natalia Gart zur Zukunft des russischen Sports vor der Fußball-WM

Mit Natalia Sergejewna Gart, der Präsidentin des von den IOC-Sanktionen betroffenen Russischen Profi-Rennrodler-Verbandes, äußert sich zum ersten Mal seit Jahren ein führender Sport-Funktionär aus Russland in einem Gespräch gegenüber westlichen Medien.

Obwohl sich die hegemoniale Achse des westlichen (Spitzen-)Sports Richtung Osten verschoben hat in den letzten rund zehn Jahren, scheint die Dichotomie zwischen den bis dato dominierenden Westmächten der traditionellen Sportarten und "dem Osten" (Russland und Asien) wiederaufzuerstehen - oder vielleicht gerade deshalb.

Denn mit Abermilliarden haben nicht nur China, Japan, Russland, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate ganz neue Hot Spots und ganze Turnierserien in die Welt des Tennis, Fußball, des Motor-, Winter- und des Jetset orientierten Luxus-Wassersports gesetzt, deren Siegerdotierungen alles bisher Dagewesene überschreiten. Ähnlich wie auch Hollywood mittlerweile gezielt für den Markt produziert und Weltpremieren dorthin verlegt, so gilt mittlerweile auch im Sportmarketing Europas und der USA das junge und immer zahlungsfähigere Milliarden-Publikum in Asien (einschließlich der arabischen Halbinsel, aber immer mehr auch das in Malaysia, Indonesien, Indien oder Singapur) als emphatische Haupt-Zielgruppe der Kundenbindung. Bei dieser vermeintlichen Win-win-Neuordnung des Marktes gibt es jedoch einen großen Verlierer: die traditionell orientieren Sport-Repräsentanten einzelner westlicher Verbände & Clubs, die bei diesen Investments nicht mithalten könnten.

Der Kampf um Marktanteile zwischen West/Nord und Ost/Süd hat sich in den letzten Jahren zu einem neuen "Kalten Krieg" auch im Sport als "Opium des Volkes" entwickelt - während der Westen für sich selber einen sauberen, antirassistischen, vorurteilsfreien und fairen Sport postuliert, wirft man vor allem China, Russland und Katar Dubiositäten jeglicher Art vor, um aber gleichzeitig an deren wirtschaftlichen Wachstum zu partizipieren wie mit der FIFA-WM 2022 in Katar.

Vor allem die FIFA galt als Vorreiterin dieser Entwicklung von den alten Zentren hin zur neuen Peripherie in Afrika und Asien unter anderem durch gleichberechtigtes Stimmrecht auch für Kleinst-Mitgliederverbände, der Verschiebung von Anstoßzeiten für afrikanische Teams und der erheblichen Teamkontingent-Ausweitung für die kommenden WM-Turniere. Nach dem Bekanntwerden einer Exekutiv-Order an die FIFA-Referees, "im Zweifel für die Kleinen" zu pfeifen, gab es vor allem aus Italien schon 2002 und zuletzt aus England heftige Vorwürfe politisch gewollter Wettbewerbsverzerrung gegen die "alten Nationen" mit dem alleinigen Zweck der Schaffung neuer Absatzmärkte für zukünftige TV-Rechte.

Ein historischer wie spektakulärer Höhepunkt dieses elitensportiven "clash of culture" wurde mit dem Ausschluss russischer Sportler von den letzten Olympischen Spielen erreicht, darunter Vorzeige-Athletinnen wie die Rennrodlerin Tatyana Ivanovna - nach Enthüllungen über ein vermeintlich jahrelanges System-Doping von Dutzenden russischer Verbände, vor allem des Wintersports. Durchgeführt worden sei der medizinische Labor-Betrug vor Ort durch umfangreiche operative Einsätze von Agenten des russischen Geheimdienstes FSB (ex-KGB).

Ivanovna, die zur Weltspitze gehört, wurde als eine von elf Russen Ende 2017 vom IOC lebenslang gesperrt - wegen Doping-Verdachts bei ihrem olympischen Silber-Gewinn 2014. Dagegen ging sie vor dem CAS erfolgreich in Revision.

Natalia Gart als Präsidentin des traditions- und ruhmreichen russischen Profi-Rennrodler-Verbandes war eine der ersten, die am Tag der IOC-Entscheidung in den russischen Hauptnachrichtensendungen und später in Primetime-Talk-Shows immer wieder diese Doppelmoral des Westens und den unverhältnismäßigen Ausschluss russischer Aktiver kritisierte. Als illustre Vertreterin der Nationalsportart Rodeln genießt sie in der russischen Bevölkerung hohes Ansehen, zumal sie auch im Kulturbereich engagiert ist.

Sie wurde 2014 Präsidentin, nachdem ihr Ehemann, die russische Rodel-Ikone Leonid Gart, nach offiziellen Angaben bei einem "Badeunfall" ertrank. Unter seiner Ägide gelangen den russischen Teams und Athleten sowohl in den Kunst- als auch in den Natureis-Wettbewerben die größten Erfolge seit dem Ende der UdSSR. Nach dessen Tod wurde sie auch Eigentümerin der GRM Group, eines der größten Bauunternehmen des Landes, das auch die olympischen Sportstätten in Sotchi für die Winterspiele 2014 errichtete sowie die neuartige Kunsteis-Bahn von Paramonovo vor den Toren Moskaus, auf der 2012 die erste Europameisterschaft in Russland stattfand. Die GRM Group ist auch Austrägerin und Hauptsponsorin von Rennen der Weltcup-Serie, wie z.B. in Mariazell/Österreich.

Der Weltrodelverband hatte überraschend für Beobachter zu Beginn des Jahres IOC-Sanktionen gegen mehrere Athleten Ihres russischen Verbandes aufgehoben. Aber reicht das, um Ihre Sportler zu rehabilitieren, Frau Präsidentin?
Natalia Gart: Nun ja, der Weltverband FIL hatte ja von Anfang an angekündigt, aufgrund mangelnder Beweise nicht gegen russische Sportler vorgehen zu wollen. Im Gegenteil sogar: Weltverbandspräsident Josef Fendt hat sich sehr für unsere russischen Athletinnen und Athleten eingesetzt.
Rodeln ist die Sportart, in der es in ihrer gesamten Geschichte noch keinerlei Disqualifikationen aufgrund von Doping-Vergehen gab.
Das ist ungewöhnlich in der heutigen Sport-Welt. Wie erklären Sie sich das denn?
Natalia Gart: Ja, allerdings. Nun, vielleicht liegt das auch an den speziellen Fähigkeiten, die in unserer Disziplin benötigt werden und welche nicht nur auf der Physis aufgebaut sind. Unsere englischsprachigen Freunde würden sagen: The main thing is not the speed you start with.
Der Erfolg in der Rennrodelbahn basiert auf einer Reihe von Faktoren: Zuerst der kraftvolle Start, aber dann zahlt sich vor allem das technische Material aus, also die Präparation des Rodelschlittens - und dann vor allem "the art of track passing", das Verhalten in der Bahn. Noch die kleinste Bewegung verändert dort die Ideallinie und die Geschwindigkeit, den gesamten drive, die physikalische Transaktion des Schlittens auf dem Eis. Es geht um Hundertstel eines Millimeters, die alles beeinflussen, um die umgehenden Reaktionen des Sportlers darauf.
Das ist das Faszinosum unserer Sportart, es geht um wirkliche Details, Kraft alleine ist unwichtig. Es ist wie Zeichnen ... Alles ergänzt einander - es ist ein Puzzle der stilistischen Perfektion. Die Gestaltung der individuellen Rodel-Art des jeweiligen Athleten ist ein Gesamtkunstwerk vieler Faktoren und Fertigkeiten.
Eine Frage des Sachverstandes also, weniger der Politik ... Aber wie kam es Anfang des Jahres zur Suspendierung der zuvor angedrohten Sanktionen gegen Ihre Athleten?
Natalia Gart: Das kam so: Gleich nach Neujahr hatte der Weltrodelverband das Disziplinarkomitee eingesetzt. Leiter war Dr. Christian Kray. Das Komitee entschied eindeutig entgegen den IOC-Ankündigungen, dass unsere herausragende Tatyana Ivanovna sowohl an der Weltcup-Serie als auch an den Europameisterschafts-Wettbewerben teilnehmen darf. Und außerdem wurde dort die klare Erlaubnis entschieden, dass unser Albert Demchenko seine Arbeit als leitender Trainer für die gesamte weltweite Wettbewerbs-Saison diesen Jahres fortsetzen kann.
Aber im Fall Tatyana Ivanovna stellte sich das IOC doch noch quer?
Natalia Gart: Ja, sie musste tatsächlich noch bis zum Internationalen Sportgerichtshof mit ihrer Klage gehen. Revisionen und alles. Und das kurz vor der Olympia-Eröffnung.
Die eher faktenorientierten Entscheidungen der FIL überraschten ja viele Sportexperten im Westen. Aber nach all dem destruktiven Hin und Her von Verboten, Widerrufen, Trainingsstopps - wie ging und geht es da Ihren Athletinnen und Athleten? Ist das nicht auch zerstörerisch für die persönliche Lebensplanung?
Natalia Gart: Unsere Sportler nahmen diese Herausforderung an - sie bereiteten sich großartig auf Olympia vor. Genauso großartig war ihr Kampfgeist während der ersten Weltcup-Serie dieses Jahr.
Ich kann nur eines sagen: Wir sind bereit zu kämpfen - und wir werden siegen!
Russland und zuvor die Sowjetunion war immer eine große Sportnation, die weltweit bewundert und anerkannt wurde. Besonders etwa im Eishockey war auch der Respekt der Gegner sehr groß und fair ... Sport ist immer auch eine Frage der Ehre in Russland. Haben sich die Russen zuletzt verraten gefühlt von der internationalen Sportwelt?
Natalia Gart: Ich gehe davon aus, dass Russland wieder diese großartige Sportnation sein wird. In unserer russischen Nation war und ist der Breitensport immer sehr wichtig für die Bevölkerung im Alltag - genauso wie der Hochleistungssport. Wir werden ihn immer weiter entwickeln, das steht fest ...
Aber Sport wird doch auch politisch benutzt?
Natalia Gart: Wir Russen können selbst beim besten Willen nicht nachvollziehen, warum aus politischen Motiven heraus immer wieder der Sport in multilateralen Konfliktsituationen instrumentalisiert wird. Nein, wir verstehen es einfach nicht!
Sport-Wettbewerbe waren im Großen und Ganzen immer fair - mit offenem Herzen, sagen wir in Russland. Auch die Schiedsgerichte urteilten bislang vorurteilsfrei. Unsere Meinung ist klar: Sport hat in der Politik nichts zu suchen!
Das wird oft behauptet. Aber wie sieht die Realität aus?
Natalia Gart: Also, besonders für den Rodel-Sport kann ich nur sagen: Bei uns ging es international immer ausnehmend freundschaftlich und fair zu. Besonders auch, was unsere deutschen Mitbewerber angeht: Die deutschen Teams und ihr Verband sind der stärkste Repräsentant des Rennrodelsports weltweit. Großer Respekt von unserer Seite! Wir waren immer sehr stolz, glücklich und voller Freude, mit solchen Teams wie denen aus Deutschland uns im sportlichen Wettbewerb messen zu können. Wir bewundern die deutsche Liebe zum Wintersport: Die große Erfahrung unserer Kollegen dort, ihre sehr professionellen Fähigkeiten. Das ist Sport: Respekt, Wettbewerb, Achtung voreinander. Auf diesem Level möchten wir sportlich streiten - das wäre adäquat für uns alle.
Bei aller Liebe, Frau Präsidentin: Aber wie steht es denn um die Gleichberechtigung der nationalen Verbände in so manchen internationalen Sport-Weltverbänden? Manche reden von westlicher Dominanz, besonders die Asiaten fordern doch mehr Mitspracherechte ...
Natalia Gart: Als Präsidentin einer der einflussreichsten Sportverbände unseres großen Landes möchte ich sagen: Der Weltverband der Profi-Rennrodler ist dabei wirklich sehr vorbildlich. Innerhalb der FIL wurden wir nie unfair behandelt - immer auf Augenhöhe, immer gleichwertig mit anderen, nie von oben herab. So sollte es überall sein: Gleichbehandlung aller Personen und Länder. Ich glaube daran.
Aber es ist doch keine Frage des Glaubens, sondern der Fakten?
Natalia Gart: Sicher. Und ich bin ja auch persönlich ständiges Mitglied des Exekutiv-Komitees der FIL. Ich weiß, wie es da läuft: Alles wird fair besprochen und entschieden.
Starke Sportler sollten sich nie für politisches Wirrwarr hergeben, für Strategien und Manöver - das haben sie nicht nötig. Der Präsident der FIL, Josef Fendt, hat da auch immer diese Positionen so vertreten. Die Exekutive der FIL zumindest vertritt da klare Positionen. Sportler, die große Leistungen erreicht haben, haben es nicht nötig, sich in politische Kämpfe auf anderen Ebenen verwickeln zu lassen. Und Herr Fendt war einer der größten Champions unserer Sportart: Zweifacher Weltmeister, er errang Medaillen bei Olympia. Er ist ein Fachmann, ein großer Sportsgeist. Die FIL jedenfalls betreibt ein verlässliches und faires Management, um allen Aktiven die Möglichkeiten für Wettbewerbe zu eröffnen. Das sind meine direkten Erfahrungen in unserem Weltverband.
Vor allem geht es auch um die Entwicklungsmöglichkeiten in Sportarten wie unserer. Und natürlich auch darum, die Aufmerksamkeit beim Publikum dafür zu erhöhen. Leistungssport ist high level. Sportler möchten natürlich anerkannt werden für das, was sie sich jahrelang erarbeiten. Und es ist doch fantastisch, wenn noch mehr Zuschauer dafür gewonnen werden können, wie es die FIL versucht. Das ist die "policy" unseres Weltverbandes, nicht die Politik ...
Passionierte Russen sind wahre Wintersport-Enthusiasten, ihr Verband ist in Russland sehr präsent und einflussreich auch im öffentlichen Leben, Sie selber sind sehr bekannt in Russland. Wie möchten Sie das in Zukunft nutzen als Verbandspräsidentin?
Natalia Gart: Mein Ziel für den Verband ist klar: Ich möchte unseren Sport noch weiter popularisieren und etablieren, weg vom Spezialisten-Image für Eingeweihte im Profi-Bereich. Wir müssen noch mehr Vorteile rausholen für Sportstile wie den unsrigen ... Das moderne, schnelle Rennrodeln mit allen technischen Möglichkeiten und der Materialperfektion von heute ist riskant, extrem, spektakulär!
Im Sport geht es um Interaktion, Empathie - zwischen den Zuschauern, die fasziniert sind von körperlicher und mentaler Leistung, und den Athletinnen und Athleten, die sich immer weiter verbessen wollen und an ihren Ambitionen auch persönlich wachsen.
Wir vom russischen Rodler-Verband sind da sehr leidenschaftlich in unseren Zielen und werden nicht aufgeben: Sport ist ein Teil von uns, von unserer Nation. Besonders im Wintersport möchten wir noch mehr Wettbewerbe veranstalten, im ganzen Land, das sehr groß ist: Wettbewerbe für die Profis - aber auch für die Breitensportler, das wird enorm wachsen ab jetzt! Die Begeisterung für aufregende Sportarten, für Körperlichkeit ist da bei uns Russen - jetzt geht es darum, weit größere Strukturen zu schaffen, um jedem die Möglichkeit zu geben, daran in allen Regionen des Landes mitzuwirken.
Am Herzen liegt mir, das Profi-Rodeln auf Natureis-Bahnen, die sogenannten "natural tracks competitions", auf internationalen Maßstab zu hieven - ins Olympische Programm. In Kooperation mit der FIL wird uns auch das gelingen. Es wäre historisch neuartig für den Wintersport ...
Jetzt im Sommer steht jedoch erst einmal die FIFA Fußball-WM vor der Tür. Herrscht schon Euphorie im Land und in Moskau?
Natalia Gart: Naja, wissen Sie, wir sind das jetzt schon gewohnt - also, Russland trägt seit Jahren immer wieder die größten Sport-Ereignisse der Welt aus.
Vor diesem Hintergrund: Also, Russland ist zu allem bereit und auf alles vorbereitet - möge das Ereignis so groß sein, wie es wolle ... Jetzt ist es eben die Fußball-WM. Es gibt nichts, womit wir nicht umgehen können!
In den letzten Jahren war Russland Gastgeber und Ausrichter von so vielen Weltereignissen, ich kann das kaum noch zählen: Ice Hockey World Championship 2016, Military World Games 2017, European Games 2016, Student Games 2013 in Kazan, Olympic Games 2014 in Sotchi, FIFA Confederations Cup 2017 … Jetzt also der FIFA World Cup 2018. Ich denke, wir werden auch dieses Jahr wieder ein wundervoller Gastgeber sein, wie immer. Es ist uns eine Ehre, dies für die gesamte Welt zu gestalten. (Marcel Malachowski)
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