Sport in Griechenland ist Politik

Bild: W. Aswestopoulos

Chaos im Fuß- und Basketball

Der US-Amerikanische Basketballtrainer, Rick Pitino, trainiert seit einigen Monaten den griechischen Club Panathinaikos BC. Am Samstag sah er sich gemüßigt zu twittern: "In meinen fünf Monaten in Griechenland habe ich Sachen erlebt, die ich niemals als Trainer gesehen hatte. Heute spielen sie das Finale [Pokal] im Fußball. Fans sind nicht zugelassen. 1000 Einladungen gingen an AEK, PAOK und den Verband & 3000 Polizisten. 3-1 Polizisten gegen Fans." Fußball ist für viele die Gelegenheit, sich im Nahkampf zu üben

Pitino konnte, dazu ist er nicht lange genug im Land, nicht wissen, dass selbst die 1000 sich im 69.000 Zuschauer fassenden Athener Olympiastadion einfindenden Fans es schafften, sich Prügeleien mit der Polizei zu liefern. Zwischenzeitlich wurden die Zuschauer per Lautsprecher informiert, dass eine Räumung des Stadions drohe. Sie prügelten sich trotzdem in der Halbzeit weiter.

Die Veranstalter hatten im relativ riesigen Olympiastadion die glorreiche Idee, die beiden Fanblocks im Abstand von knapp 20 m zu positionieren. Jeweils 120 Eintrittskarten gingen an die Teams, knapp 200 an die Verwandten der Spieler und der Rest wurde vom Fußballverband an ihm bekannte Personen verteilt.

Unter Pitinos Tweet finden sich hunderte Antworten von Griechen. Anders als sonst, wo Kritik an Griechen und Griechenland schnell mal einen Shitstorm auslöst, sind die Reaktionen zum größten Teil positiv. Viele betteln Pitino an, noch eine weitere Saison zu bleiben, warnen jedoch vor den Folgen für die Psyche.

Tatsächlich ist das sportliche Großereignis, das Endspiel im Pokal in Athen, gleichzeitig das Duell von zwei Oligarchen, Dimitris Melissanidis von AEK Athen gegen Ivan Savvidis, den Eigner von PAOK Thessaloniki. Die beiden Teams treffen zum dritten Mal in Folge aufeinander. 2017 siegte PAOK mit 2:1. 2018 gewann AEK den Meisterschaftstitel am grünen Tisch, weil den Konkurrenten PAOK und Olympiakos Piräus wegen Ausschreitungen zahlreiche Punkte als Strafe abgezogen wurden, verlor aber das Cup-Finale mit 2:0. Heuer ist PAOK, in die Saison mit Punktabzug gestartet, ungeschlagen Meister in der griechischen Super League geworden. Ivan Savvidis darf dem Endspiel nicht beiwohnen, er ist noch wegen seines Auftritts mit einem Revolver auf dem Rasen des Toumpa-Stadions in Thessaloniki gesperrt (Der Tod des griechischen Fußballs, Ein fußballerischer Grexit auf Bewährung).

Die zwei vergangenen Endspiele zwischen AEK und PAOK verliefen blutig - für die Fans, die sich bereits im Vorfeld gegenseitig mit Messern und Knüppel traktierten. Dieses Jahr gibt es in Athen deswegen, mitten im Wahlkampf für die Europawahlen, ein mehrere Tage andauerndes Versammlungsverbot. Es ist eine politische Entscheidung der Regierung, die nicht überall auf Gegenliebe stößt. Denn solche Versammlungsverbote erlebte das Land zuletzt nur bei wichtigen Staatsbesuchen während der Finanzkrise und zu Zeiten der Militärdiktatur.

Das Spiel wurde vom deutschen UEFA- und Bundesligaschiedsrichter Felix Zwayer und seinen deutschen Assistenten geleitet. Keines der beiden Teams traut griechischen Referees über den Weg. Ausländische Schiedsrichter gibt es auch in der regulären Meisterschaft, wann immer ein wichtiges Spiel ansteht. Beim diesjährigen Pokalfinale in Athen wurde zudem zum ersten Mal das VAR System mit dem Videoassistenten eingesetzt. Das Pokalendspiel endete 1:0 für PAOK und bescherte der nordgriechischen Mannschaft das erste Double der Vereinsgeschichte.

Die zahlreichen Ausschreitungen und Rivalitäten der Vereinsbosse sind für Griechen nicht neu. Sie gehören seit langem zum Profisport, der im Endeffekt nur der Profilierung der jeweiligen Oligarchen dient. Politisch sind sie insofern relevant, als dass eine der Erfolgsgeschichten, der sich die Regierung Tsipras rühmt, die "Heilung" der Missstände im Sport ist.

Absolutes Chaos im Basketball

Zu den denkwürdigen Tagen, die Pitino in Griechenland erlebte, gehört der 13. Februar 2019. Panathinaikos BC und Olympiakos Piräus BC standen sich im Halbfinale des Basketballpokals gegenüber. In der ersten Halbzeit gab es eine Reihe von, aus neutraler Sicht gewerteten, merkwürdigen Entscheidungen des Schiedsrichterteams. Gegenüber Olympiakos waren sie außerordentlich streng, bei Panathinaikos ließen sie so gut wie alles durchgehen. Nach zwanzig Minuten stand es 40:25 für Panathinaikos. Entnervt beschlossen die Verantwortlichen von Olympiakos, zur zweiten Halbzeit nicht mehr anzutreten. Sie verlangten von der ESAKE, dem Veranstalter der Basket League, zukünftig bei Spielen zwischen Olympiakos und Panathinaikos ausländische Schiedsrichter einzusetzen.

Der Chef-Schiedsrichter des Pokalspiels hieß Panagiotis Anastopoulos. Er verkündete nach dem desaströsen Match seinen Rücktritt vom aktiven Schiedsrichterdasein, nahm diesen Rücktritt nur wenige Tage später aber zurück. Olympiakos, seinerzeit hinter Panathinaikos Zweiter der Tabelle, wurden für den Spielabbruch drei Punkte in der Meisterschaft abgezogen. Dem Vereinspräsidenten von Panathinaikos, einem Erben einer Pharmafabrik, machte das Ganze Spaß. Er legte zur zweiten Halbzeit einen roten String-Tanga auf die Plätze der Trainer von Olympiakos.

Im März sollte das Team, diesmal in der Meisterschaft, erneut gegen Panathinaikos antreten. Weil der Forderung nach einem ausländischen Schiedsrichter nicht Folge geleistet wurde, trat das Team jedoch aus Protest nicht an. Das bescherte noch einmal sechs Minuspunkte für Olympiakos und einen 20:0 Sieg für Panathinaikos. Letztere hatten 1993 genau das Gleiche gemacht, sie waren bei einem Play-Off Spiel gegen Olympiakos nicht angetreten und bescherten den Rivalen aus Piräus damit die Meisterschaft.

Olympiakos drohte derweil mit dem Rückzug aus der Liga. Das Basketballteam hat einen festen Vertrag mit der Basket Euroleague und will, falls es sich aus der griechischen Meisterschaft verabschiedet, künftig auch in der ABA-Liga antreten. In der Folge provozierten sich die Eigner und Vereinspräsidenten der beiden rivalisierenden Mannschaften mit öffentlichen Äußerungen aber auch bei Vermittlungsversuchen im Büro des Sportministers. Bis auf den Punktabzug für Olympiakos gab es keine Strafen.

Bild: W. Aswestopoulos

Seltsames Ende der regulären Saison

Für den 8. Mai war das Saisonfinale angesetzt. Es standen im Abstiegskampf Entscheidungen aus. So kämpften am Tabellenende die Teams Rethymno Cretan Kings, Kymi und Lavrio Aegean Cargo dagegen, zusammen mit Kolossos H Hotels aus Rhodos in die A2 Liga abzusteigen. Rethymno und Kymi hatten 32 Punkte, Lavrio nur 31. Lavrio hatte aber bei Punktgleichheit einen Vorteil gegenüber den anderen Teams, weil es im direkten Vergleich besser abgeschnitten hatte.

Die aussichtsloseste sportliche Aufgabe hatte Kymi, das bei Panathinaikos Athen antreten musste. Panathinaikos hatte im gesamten Saisonverlauf nur ein Spiel gegen das Überraschungsteam von Peristeri Vikos Cola verloren. Mental hatten sich die Verantwortlichen von Kymi bereits auf den Abstieg eingestellt. An ein Wunder glaubte niemand. Kymi blieb jedoch in der Liga, denn das Spiel bei Panathinaikos wurde mit 20:0 gewonnen. Die Athener traten nicht an. Pitino verließ vollkommen entnervt das Stadion.

Dies taten sie aus Protest gegen Olympiakos Piräus. Sie müssen nun mit insgesamt 6 Punkten Abzug rechnen und werden dann in der Tabelle auf Rang drei abrutschen. Das wiederum beschert ihnen für die Play-Offs um die Meisterschaft, die eigentlich am Wochenende beginnen sollten, den Tabellensechsten, Olympiakos, als Gegner. Die ersten Play-Offs wurden jedoch, zumindest vorläufig, auf den 15. Mai vertagt. Vorher muss die Tabelle der Saison noch endgültig, sprich auch mit der Strafe für Panathinaikos, abgesegnet werden. Leidtragender des Ganzen ist das Team von Lavrio, welches trotz hohem Sieg gegen Ifaistos Limnou Vorletzter bleibt. Außer Kymi hatte auch das Team aus Rethymno einen überraschenden Auswärtssieg bei Aris Thessaloniki geschafft. AEK Athen geht nun als Tabellenerster in die Play-Offs.

Was ist geschehen?

Für das letzte Saisonspiel von Olympiakos gegen Promytheas Patras hatte die ESAKE ausgerechnet Panagiotis Anastopoulos als Schiedsrichter bestimmt. Jenen Schiedsrichter, den die Verantwortlichen von Olympiakos nicht einmal als Fotografie sehen wollten. Das Team aus Piräus berief sich darauf, dass es im Fußball üblich sei, gegen einen offenbar als befangen einzustufenden Schiedsrichter Veto einzulegen. Mit Anastopoulos, so verkündete der Club, werde das Team niemals antreten.

Eine erneute Spielverweigerung hätte nach den Statuten den sofortigen Ausschluss aus der Meisterschaft und somit den sicheren Abstieg bedeutet. Das Präsidium von Olympiakos ließ keinen Zweifel daran, dass es auch mit dieser Konsequenz nicht von der Weigerung gegen Anastopoulos abrücken würde.

Dies wiederum brachte die Fans des Vereins auf den Plan. Sie wandten sich nicht etwa gegen die eigene Vereinsführung, sondern vielmehr gegen den verhassten Schiedsrichter, der nach mehreren Attacken, Flashmobs vor seinem Wohnhaus und Molotowcocktail-Attacken unter Polizeischutz gestellt werden musste. Konsequenzen gegen Olympiakos gab es weder seitens der ESAKE noch seitens des Sportministeriums. Einige der Randalierer wurden als Fans von Olympiakos eindeutig identifiziert, so dass eine Provokation durch eine False-Flag-Operation der Konkurrenz ausgeschlossen erscheint.

Schließlich gab Anastopoulos entnervt auf und erklärte selbst, dass er nicht als Schiedsrichter für das Spiel zur Verfügung stünde. Der Referee berief sich auf die eigene körperliche und seelische Unversehrtheit, die nicht sichergestellt sei. Er wurde von der Polizei für eine Zeugenaussage zu den Vorfällen einbestellt.

Diese Vorgänge goutierte das Präsidium von Panathinaikos überhaupt nicht. Es verlangte die Durchsetzung der Gesetze. Und dies hätte gemäß den griechischen Sportgesetzen, welche auch unter der Regierung Tsipras verschärft wurden, den Ausschluss von Olympiakos aus der Meisterschaft bedeutet.

Das wiederum kann keine griechische Regierung ohne "Selbstmordgedanken" durchsetzen. Wenige Wochen vor den Europa-, Regional- und Kommunalwahlen erscheint solch ein Unterfangen noch utopischer. Nach dem Motto "Wie Du mir, so ich Dir" entschloss sich Panathinaikos daher, nicht anzutreten und damit die Liga vollkommen auf den Kopf zu stellen.

Das Match, Politik gegen Sportvereine, haben die Oligarchen des Landes haushoch gewonnen. Nun ist die Politik bemüht, die selbst erlassenen Gesetze so weit zurechtzubiegen, dass zumindest noch der Schein von Recht und Ordnung gewahrt werden kann. (Wassilis Aswestopoulos)

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