Sport ist Mord

Eine übermotivierte Journalistin will die Bundesjugendspiele abschaffen, weil ihr kleiner Sohn durch sie gedemütigt worden ist

Fettleibigkeit ist ein Riesenproblem. Weltweit, aber auch in Deutschland. Über die Hälfte seiner Bewohner ist zu dick. Abnehmen ist aber bekanntlich schwer. Tipps und Ratschläge, wie das zu ändern ist, gibt es zuhauf. Ganze Industriezweige leben davon, Hersteller und Verleger. Und Fernsehsender und Formate wie The Biggest Loser haben ihren Spaß damit. Diäten, die das Abspecken unterstützen, helfen in aller Regel nicht. Dank des so genannten Jojo-Effekts hat man die mühsam verlorenen Pfunde schnell wieder drauf.

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Fettleibigkeit, im Fachjargon Adipositas genannt, beginnt häufig schon im Kindes- und Schulalter. Untersuchungen zufolge leidet bereits jedes fünfte Kind daran. Fachleute sprechen längst von einer Epidemie. An den Genen kann es sicherlich nicht liegen, dass die Menschen in die Breite wachsen. Die sind immer noch die selben wie vor tausenden von Jahren.

Schuld an stetig wachsenden Speckröllchen und Pausbäckchen ist zumeist eine falsche Ernährung. Zu viel Zucker, Weißmehl und tierisches Eiweiß in der Nahrung, sowie ein Übermaß an falschen Fetten machen die Kids nicht nur dick und bewegungsfaul, sondern obendrein auch noch krank. Diabetes vom Typ 2 und Fettleber, Herz-, Kreislaufkrankheiten und Bluthochdruck, Wirbelsäulenprobleme und Rückenschmerzen, hormonelle Störungen und Fehlstellungen der Gelenke sind oft die Folgen.

Verantwortlich für die vielen Schwimmringe, klobigen Oberschenkel und dicken Hälse ist aber auch die fehlende Bewegung. Immer mehr Kinder verbringen ihre Zeit vor Bildschirmen, sie sehen entweder stundenlang fern, hocken vor dem PC bzw. Tablet oder zocken und chatten am oder mit dem Handy. Dazu konsumieren viele regelrechte Kalorienbomben.

Aufklärungskampagnen, wie das zu ändern ist, wie man sich gesund und richtig ernähren kann und wie wichtig regelmäßige Bewegung für den Körper und seinen seelischen Haushalt ist, gibt es zuhauf - in den Schulen genauso wie in den Massenmedien oder von der Politik initiiert.

Den gewünschten Erfolg haben alle diese wohl meinenden Aktionen trotz etlicher Millionen, die diverse Regierungen, Krankenkassen und Gesundheitsbehörden dafür verpulvert haben, allerdings nicht gebracht. Im Gegenteil: Die Tendenz ist weiter steigend - vor allem in den OECD-Ländern. Hält dieser Trend an, wird in 40 Jahren, so eine Prognose, jeder zweite Erwachsene unter Fettleibigkeit leiden.

Auch oder gerade ob dieser düsteren Blicke auf die allgemeine "Volksgesundheit" mutet jene Meldung, wonach eine Journalistin, die unter der treffenden Überschrift Mama arbeitet. alleinerziehend & berufstätig einen Blog unterhält, vor Kurzem eine Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele an deutschen Schulen gestartet hat, wie ein Treppenwitz der Geschichte an.

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Mich hat die Nachricht, die zunächst von einem findigen, nach Klicks und Aufmerksamkeit heischenden SPON-Redakteur verbreitet worden ist und sich danach memartig in anderen Medien verbreitet hat, irgendwie an Franz Beckenbauers frohe Werbebotschaft für e-plus: Ja, ist denn heut' schon Weihnachten erinnert.

Befinden wir uns trotz "Grexit", "Euro-Krise" und "Putin", trotz "NSA-Skandal", "Flüchtlingsdrama" und "IS-Terror", schon im "Sommerloch" des hiesigen Medienjournalismus, in jenen Wochen und Monaten des Jahres also, wo bekanntlich Nessie sein Unwesen treibt und Krokodile in Badeweihern gesichtet und tagelang gejagt werden?


Anlass für die Kampagne wider der Spiele war offenbar ihr kleiner Prinz, der von seinem Lehrer nur oder immerhin (es gibt Sportlehrer und Schulen, die das unterlassen) eine "Teilnehmerurkunde" ausgehändigt bekam und darüber in Tränen ausgebrochen ist.

Demnach hatte er im Dreikampf, im 50 m Lauf, im Schlagballweitwurf 80 g und beim Weitsprung die vorgegebenen Normen, die nach Alter geordnet auf einer Tabelle zu finden sind und für die Erteilung einer Sieger- oder gar Ehrenurkunde maßgeblich sind, nicht erreicht und folglich, so die erschütternde Botschaft, die uns die Mutter vermittelt, ein traumatisches Erlebnis gehabt.

Ob der kleine Sprössling nur in einer Disziplin versagt hatte oder gleich in allen dreien, wissen wir nicht. Und ob er nur an diesem Tag unpässlich war oder von Haus aus unsportlich ist, ob er dem Slogan "No Sports" huldigt, sportliche Aktivitäten hasst oder vielleicht lieber den Mannschaftssportarten, Fußball, Basketball oder Volleyball zugeneigt ist, auch nicht. Darüber gab die empörte Dame keine Auskunft.

Dafür twitterte sie sich, wie man das heute so macht, erbost ihren Frust in die weite Welt hinaus. Und dort traf sie, wie könnte es aktuell anders sein, auf die Resonanz nicht nur vieler anderer Sportversager, -verweigerer und Bewegungslegastheniker, sondern eben auch von jenen, denen Leistungserhebungen und Wettbewerb, Bewertung und Benotung schon immer ein Dorn im Auge ist und die der Ansicht sind, dass mit der Belobigung und Aufwertung der einen grundsätzlich die Verurteilung und Abwertung der anderen verbunden ist.

Dazu muss man wissen, dass es diese Spiele seit rund sechzig Jahren gibt. Sie können im Winter in der Halle im Turnen an den Geräten (Boden, Barren, Reck, Kasten/Pferd) durchgeführt werden, und zusätzlich oder nur im Sommer am Sportplatz in der Leichtathletik. Abgehalten werden sie einmal im Jahr, entweder an einem Tag oder an mehreren Tagen, mit der Klasse oder von der ganzen Schule.

Weil mittlerweile gefühlte vier von fünf Kindern und Jugendlichen mit den Anforderungen, die beim Turnen an den Geräten verlangt werden (Felgumschwung, Kippe, Hocke, Handstand, Flugrolle etc.), überfordert sind und ihre Durchführung in einem mittleren Desaster für alle Beteiligte enden würde, verzichten die meisten Schulen und Sportlehrer auf die Hallenspiele.

Bei den Sommerspielen ist das weit weniger der Fall. Schulen und Lehrer sind nach wie vor überzeugt, dass Laufen, Springen und Werfen Grundlagen der Motorik sind, die jeder körperlich halbwegs Veranlagte mehr oder minder können sollte oder müsste. Zumal diese Disziplinen, zu denen sich im späteren Alter das Kugelstoßen bzw. der Hochsprung, das Schwimmen und diverse Langstrecken gesellen, auch die Basis für den Erwerb des bronzenen, silbernen und goldenen Sportabzeichens ist.

Seit Jahren gibt es berechtigte Kritik an diesen Spielen. Vor allem, wenn sie von Schulen an einem Tag verbindlich für alle durchgeführt werden. Zu viel Leerlauf und zu wenig Bewegung fände da statt, wenn ein Schüler und eine Schülerin am Vormittag nur einmal sprintet, dreimal springt und wirft - so der Vorwurf. Genau darum sind viele Schulen dazu übergegangen, sie in der Obhut des Sportlehrers zu belassen und stattdessen ein Sportfest zu veranstalten, bei dem die gesamte Klasse als Team an mehreren Stationen in den unterschiedlichsten Disziplinen gefordert ist.

Natürlich steht es jedem frei, auf deren Vergangenheit und Herkunft zu verweisen. Bekanntlich gehen sie auf die "Reichsjugendwettkämpfe" zurück, die die Nazis aus der Taufe gehoben haben. Aber muss man deswegen gleich wieder die "Nazikeule" schwingen, sie als ein "Nazi-Relikt" zu bezeichnen und Spötter, die den Sohn danach als "Sensibelchen", "Heulsuse" und "Weichei" bezeichnet haben, der politischen "Rechtslastigkeit" beschuldigen? Die "Verweichlichung" und das Helikoptern von Kindern und Jugendlichen ist mittlerweile ein ernstes und brisantes Thema an Schulen. Mit politischen Parolen oder gar Nazi-Sprech hat das nichts zu tun.

Gewiss sind die physischen Voraussetzungen (Körperbau, Größe, Konstitution) der Schüler und Schülerinnen unterschiedlich. Wer möchte das in Zweifel ziehen. Erfahrungsgemäß tun sich die Mädchen etwa beim Weitwurf dank andersgearteter Hebel erheblich schwerer als Jungs, während diese Probleme bei der Tanzgymnastik oder am Schwebebalken haben.

Dem wird sowohl im Sportunterricht als auch bei der Durchführung und Bewertung der Spiele Rechnung getragen. Aber gilt das nicht für alle Bewegungs- und Sportarten, für Kraulen, Seilspringen und Yoga (wenn man das als Sportart ansieht) genauso wie für Rudern, Handball oder Bändertanz?

Und gewiss lässt sich über die Einforderung und Festsetzung von Leistungsnormen und Zielvereinbarungen herrlich streiten. Aber soll man diese herab- oder ganz aussetzen, nur weil ein paar Bewegungsfaule, -unwillige oder -unkundige sie nicht erreichen können? Schüler wollen sich mit- und untereinander messen. Vor allem die Jungs. Für viele ist der Sport ein willkommenes Terrain, um schlechte Sprachleistungen zu kompensieren. Durch den Sport finden sie häufig soziale Anerkennung bei den anderen.

Tatsächlich kann man auch diese Sportarten, genauso wie das Singen, das Spielen eines Instruments oder das Malen mit Wasserfarben üben und/oder trainieren. Im Sportunterricht wird das auch gemacht, vielleicht nicht immer zur Freude aller Schüler. Doch gilt das nicht auch für den Kunst- und Musik-, den Sprach- und Matheunterricht? Auch da gibt es schlechte Leistungen, werden Schüler nicht immer gelobt und müssen Frusterlebnisse hinnehmen und verarbeiten. Trotzdem ist bislang noch niemand auf die Idee gekommen deswegen die Abschaffung des einen oder anderen Faches zu fordern.

Im Übrigen könnte die um die seelische Gesundheit ihres Sprösslings tief besorgte Mutter jederzeit selbst mal die freie Wildbahn oder den Sportplatz aufsuchen, versuchen mit ihm Steine zu werfen, Bogen zu schießen und querfeldein zu laufen. Und zwar so, wie wir das in der Kindheit damals auch mit anderen gemacht haben. Dadurch haben wir uns die nötigen Fertigkeiten für das spätere wettkampfmäßige Laufen, Werfen und Springen verschafft und die anerkennenden Blicke anderer erworben.

Das wäre doch eine feine Sache. Es könnte durchaus sein, dass das dem heulenden Prinzen gefallen würde. Zumindest müsste er dann nicht mehr dank erlittener "Qualen" und "Demütigungen" heulend in die Arme seiner ihn pampernden Mutter fallen. Allerdings wäre dann möglicherweise für die Mutter weniger Zeit für Handy und Screen, fürs Bloggen und Twittern.

Längst ist der Sportunterricht, auch wenn das von Politikern dementiert und stets dessen Wichtigkeit betont wird, an den Rand des Schulunterrichts gedrängt worden. Noch immer klingen mir die Worte unseres "verhassten" Studiendirektors, Deutsch- und Geschichtelehrers in den Ohren, der uns alle beim Abgang gewarnt hat, ja nicht Sport zu studieren, weil wir sonst später nur eine Randfigur des "Lehrkörpers" sein würden.

Zudem sind die Sportlehrer, weil der Sport im Fächerkanon nur noch eine untergeordnete Rolle spielt und, der politischen Korrektheit wegen, kein Schüler mehr bloß gestellt werden darf, dazu übergegangen, nur noch Orchideennoten zu vergeben. Auch der dickleibigste und unsportlichste Bewegungslegastheniker bekommt schlechtestenfalls eine Drei ins Zeugnis, wenn er sich beizeiten anstrengt und nicht versucht, sich mit getürkten Krankheitsmeldungen, die seine Mutter oder ein Arzt ausgestellt hat, vor dem Sportunterricht zu drücken.

Eine schlechte Note erhält höchstens jener, der die körperlichen Fähigkeiten aufweist, die Anforderungen locker meistern könnte, aber einfach zu faul ist oder keine Lust zeigt, sich anzustrengen.


Probleme an unseren Schulen schaffen daher weniger die Sportarten, der Fächerunterricht oder die Leistungsanforderungen als vielmehr jene "betütelnde" Mütter und Väter, die ihre Prinzen und Prinzessinnen bis vor die Schultür fahren, die Schultasche ins Klassenzimmer tragen und sie nochmals vor aller Augen drücken und abbusseln. Aber vor allem auch jene, die bei jedem Wehwehchen gleich entweder besorgt die Augenbrauen heben und beim kleinsten Anzeichen von Husten, Schnupfen und blauen Flecken zum Kugelschreiber greifen, und eine Entschuldigung zu schreiben, oder es einfach gelassen hinnehmen, wenn diese mal wieder bewusst und gezielt die Sportsachen zu Hause lassen.

So kommt es, dass zu Beginn fast jeder Sport- oder gar Schwimmstunde regelmäßig eine erkleckliche Zahl von Schülern angezogen auf der Langbank sitzt und dem Unterricht mal gelangweilt, mal geschwätzig von dort aus folgt. Bewegung und Schwitzen haben aber noch niemanden geschadet. Wie viele andere Dinge auch, der Klavier- und Geigenunterricht genauso wie das Erlernen von Vokabeln und das Deuten einer Tragödie, ist das Lernen mit Mühe und Anstrengung verbunden - und selten mit Spaß.

Vermutlich ist der Tag nicht mehr fern, an dem Eltern Kampagnen wider das Schreiben von Aufsätzen, das Lesen von Goethes "Faust" oder das Rechnen mit Brüchen starten. Oder gleich ganz die Schule und das Benotungs- und Zensurensystem abschaffen wollen. Vor nicht allzu langer Zeit gab es diese Rufe nach "Entschulung der Gesellschaft" auch schon mal sehr heftig. Auch darüber gab und gibt es immer wieder Klagen, wird über deren (Un)Zeitgemäßheit gestritten. Zumal auch da Schüler ab- und aufgewertet, gelobt und gedemütigt werden; und es auch da Standards und Vergleichstest zu bestehen gilt.

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