Sprachdebatte statt Servicediskussion

Verkehrsministerium und Bahn wollen den Denglischanteil verringern

Für die regelmäßigen Skandale der teilprivatisierte Bahn hat sich mittlerweile der sarkastisch verwendete Ausdruck "Charmeoffensive" eingebürgert: Er kann bei fast allen Meldungen zum Unternehmen eingesetzt werden - sei es, dass Minderjährige, die das Fahrpreischaos nicht verstehen, nachts und bei klirrender Kälte aus dem Zug geworfen werden, dass ältere Damen für die selbe Strecke ständig unterschiedliche "richtige" Fahrpreise berechnet bekommen, dass jüngere Damen Mitte Februar in der B2 Radiowelt gestehen müssen, dass ihr Zug zur Arbeit in diesem Jahr noch kein einziges Mal pünktlich am Münchner Hauptbahnhof ankam, oder dass die Bahnpolizei in Frankfurt am Main Kunden mit gültiger Fahrkarte aus einem völlig überfüllten Zug wirft, anstatt sich um diejenigen zu kümmern, die das betrügerisch anmutende Missverhältnis zwischen verkauften Tickets und vorhandenen Plätzen zu verantworten haben.

Nun hat Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer etwas geschafft, was es schon lange nicht mehr gab: Er lenkte die mediale Aufmerksamkeit weg von dieser "Charmeoffensive" hin zu etwas Anderem: Seit einigen Tagen diskutiert man nicht nur in der deutschen, sondern auch in der internationalen Presse intensiv über eine Rückkehr des Unternehmens zur deutschen Sprache. Anlass war angeblich ein pensionierter Lehrer aus Straubing, dem niederbayerischen Städtchen, in dem Joachim Lottmann aufwuchs. Der schrieb dem Bundestagsabgeordneten Ernst Hinsken einen Brief, in dem er sich darüber empörte, dass eine Kurzzeitparkzone mit dem Ausdruck "Kiss & Ride" gekennzeichnet war.

Hinsken ist nicht nur Beauftragter der Bundesregierung für den Tourismus, sondern auch bei der CSU - also jener Partei, der auch Verkehrsminister Ramsauer angehört. Der wiederum ließ nicht nur seinem Bahnchef Grube ein Entschuldigungsschreiben aufsetzen, sondern nahm die thematische "Steilvorlage" dankbar an, indem er dem Sprachwirrwarr aus Deutsch und Englisch, dem "Denglisch", öffentlich den Kampf ansagte.

Peter Ramsauer. Bild: Internet-Redaktion der CDU/CSU-Fraktion. Lizenz: CC-BY 3.0

Am Dienstag gab Bahn-Sprecher Reinhard Boeckh bekannt, dass sein Unternehmen als Reaktion auf Kundenbeschwerden der Einsatz von Anglizismen in der Werbung und im Betrieb deutlich verringern will. So sollen "Flyer" wieder "Handzettel" heißen, der "Service Point" "Auskunft", der "Counter" "Schalter", "Call a bike" "Mietrad-Angebot" und die "Hotline" "Service-Nummer". Letzteres ist zwar streng genommen auch "Denglisch", aber traditionelleres. Und es hat wohl auch den Vorteil, dass der Begriff Hotline durch systematische Dienstleistungsverweigerung so verbrannt ist, dass das neue (und gleichzeitig alte) Wort weniger Menschen abschreckt. Dem selben Zweck dient offenbar auch, dass man aus den anrüchigen "Public Private Partnerships" jetzt "Öffentlich-Private Partnerschaften" macht.

Beibehalten wird dagegen der Ausdruck "Bahncard". Auch aus dem Internet-Auftritt soll kein "Zwischennetz-Auftritt" werden und aus dem Intercity Express kein "Zwischen-Stadt-Eilzug" - denn, so der Verkehrsminister, diese Begriffe seien bereits eingebürgert und wie deutsche zu behandeln. Das "Thank you for traveling with Deutsche Bahn" wird es als Aufmerksamkeit für Reisende aus dem Ausland ebenfalls weiter geben.

Seiner Ministerialbürokratie will Ramsauer das BWL-Pidgin ebenfalls verbieten, weshalb aus dem "Kick-off-Meeting" eine "Auftaktveranstaltung", aus dem "Travel Management" eine "Reisestelle", aus der "Task Force" eine "Projektgruppe" und aus dem "Inhouse Meeting" ein "hauseigenes Seminar" werden soll. Wie einer der Gangsterrapper, mit denen seine Partei neuerdings kokettiert, forderte der Verkehrsminister "Respekt" vor der Sprache. "Ramsauer räumt auf" schrieb die Bild-Zeitung darauf hin berechenbar.

Auch der Verein Deutsche Sprache (VDS), dem unter anderem Dieter Wedel, Dieter Hallervorden und Dieter Thomas Heck angehören, zeigte sich in einer Presseerklärung erwartungsgemäß begeistert. Der VDS-Vorsitzende Walter Krämer (FDP) verlautbarte, dass "Politik in klarem und verständlichem Deutsch" bürgerfreundlich sei und sich deshalb "alle politischen Stellen in Deutschland" Ramsauers Entscheidung "zum Vorbild nehmen" sollten.

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